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04.11.2016

12:03 Uhr

Globalisierung

Vorsicht, Protektionismus

VonFlorian Flicke

Wegen steigender Unsicherheiten reduzieren viele deutsche Firmen und Mittelständler ihr Engagement im Ausland und investieren lieber vor der Haustür. Diese Strategie hat ihren Preis.

Die Scheu vor exotischen Märkten ist vor dem Hintergrund der immens gestiegenen Risiken, vor allem im politischen Bereich, nur allzu verständlich. dpa

Die Scheu vor exotischen Märkten ist vor dem Hintergrund der immens gestiegenen Risiken, vor allem im politischen Bereich, nur allzu verständlich.

DüsseldorfWas für ein Jahr: Obwohl 2016 noch gar nicht zu Ende ist, sprechen manche Medien bereits vom „schlimmsten Jahr der Geschichte“. Der Brexit, das faktisch gekippte Freihandelsabkommen TTIP, der Niedergang der einstigen Weltmacht USA, dazu die politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen in den einstigen Aufsteigernationen Russland, Brasilien oder der Türkei - die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein.

Brasiliens Wirtschaftskrise

Frust und Wirtschaftskrise

Die Unzufriedenheit in Brasilien mit der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff hängt in hohem Maße auch mit der Wirtschaftskrise zusammen. Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika. Die Exporte nach Brasilien betrugen 2014 laut Auswärtigem Amt etwa 11,8 Milliarden Euro. Die Einfuhren aus Brasilien sanken mit 6,6 Milliarden Euro um fast acht Prozent.

Rezession

Dem Land droht die tiefste Rezession seit den 1930er Jahren. 2015 brach die Wirtschaftsleistung um 3,8 Prozent ein, das Bruttoinlandsprodukt betrug 5,9 Billionen Real (1,48 Bio. Euro). Der Internationale Währungsfonds erwartet für 2016 minus 3,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Bis April waren 11,1 Millionen Menschen arbeitslos, die Quote lag bei 10,9 Prozent, 40 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Konsum ist eingebrochen, durch eine Inflation von zehn Prozent ächzen die Bürger unter steigenden Preisen. Da der Binnenmarkt in dem 200-Millionen-Einwohner-Land einen Anteil von 80 Prozent am BIP hat, liegt in der schwachen Nachfrage ein Hauptgrund des Einbruchs.

Strukturelle Probleme

Durch ein hohes Staatsdefizit fehlen Mittel für Investitionen, die Infrastruktur ist marode. Auch deutsche Autobauer wie Volkswagen müssen Einbrüche bei den Verkaufszahlen verkraften. Zudem gibt es Probleme wie überbordende Bürokratie.

Rohstoff-Exportabhängigkeit

Der niedrige Ölpreis lässt die Einnahmen sinken. Zudem ist der Ölkonzern Petrobras, mit 80 000 Angestellten größter Arbeitgeber, in einen enormen Korruptionsskandal verwickelt. Das staatlich kontrollierte Unternehmen verbuchte 2015 einen Verlust von 8,6 Milliarden Euro und ist zum massiven Sparen gezwungen.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen sind viele Experten verwundert über die robuste wirtschaftliche Verfassung Deutschlands. Sie nehmen zudem erstaunt die Tatsache zur Kenntnis, dass die ohnehin exportstarken deutschen Konzerne und Mittelständler 2016 auf einen neuerlichen Rekordwert zusteuern.

So erwartet der Außenhandelsverband BGA für das laufende Jahr bei den Ausfuhren ein leichtes Plus von bis zu zwei Prozent auf 1.220 Milliarden Euro. Das dynamische Tempo, mit dem die Exporte in den vergangenen Jahren wuchsen, ist jedoch Geschichte. Verbandschef Anton F. Börner kennt auch den Hauptgrund dafür: „An allen Ecken und Enden der Welt kriselt es.“

Die Unsicherheit, die daraus resultiert, trifft das klassische Exportgeschäft, noch stärker aber die Investitionen deutscher Firmen im Ausland. „Die Globalisierung stockt derzeit gewaltig“, beobachtet Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. „Die Direktinvestitionen im Ausland gehen rund um den Erdball zurück. Der Welthandel stagniert. Der Protektionismus nimmt zu, und die Anhänger des Freihandels werden weniger.“

Dazu kommt: Viele Schwellenländer, die um die Jahrtausendwende als neue Standorte mit günstigen Arbeitskräften bei extrem niedrigen Transportkosten erschlossen wurden, sind heute keine Billigheimer mehr. Ihr Lohnstückkostenvorteil ist deutlich zurückgegangen, die Wettbewerbsfähigkeit hat gelitten. Gleichzeitig hat sich die Technologie weiterentwickelt. In vielen Industrien ist die Arbeitsintensität deutlich geringer als vor zehn Jahren.

Kommentare (1)

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Frau Annette Bollmohr

04.11.2016, 12:57 Uhr

Ich bin wirklich froh über die Hartnäckigkeit unseres Wirtschaftsministers Gabriel gegenüber Chinas Staatsführung.

Die Weltwirtschaft kann auf Dauer nur dann funktionieren, wenn auf dem gesamten Spielfeld die gleichen Spielregeln gelten. Das ist aber derzeit im Verhältnis mit China absolut nicht der Fall.

Also muss sich daran etwas ändern, und zwar bald.

Und wenn die, die in China das Sagen haben das „im Guten“ (= auf dem Verhandlungswege) partout nicht einsehen wollen, muss es ihnen eben auf andere Weise (durch Taten) klargemacht werden. Dies liegt letztlich im allgemeinen Interesse, s.o. zu „nachhaltiges Funktionieren der globalen Wirtschaft“.

Außerdem ist die chinesische Wirtschaft letzten Endes genauso auf unsere - und die anderere Länder - angewiesen wie wir auf die.

Duckmäusertum war noch nie die richtige Antwort auf Dreistigkeit.

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