Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.04.2015

14:07 Uhr

Hermann Simon

Deutschland exportiert nicht!

VonHermann Simon

Exporte reduzieren? „Welch ein Unsinn“, findet Unternehmensberater und Mittelstandsexperte Hermann Simon – und räumt mit einem im Ausland weit verbreiteten Missverständnis auf.

Unternehmensberater und Wirtschaftsprofessor. Simons Spezialgebiet: Strategie, Marketing und Pricing. Und natürlich mittelständische Weltmarktführer. (Quelle: Simon-Kucher & Partners)

Unternehmensberater und Wirtschaftsprofessor. Simons Spezialgebiet: Strategie, Marketing und Pricing. Und natürlich mittelständische Weltmarktführer.

(Quelle: Simon-Kucher & Partners)

BonnDeutschland wird ständig wegen seiner zu hohen Exporte kritisiert. Das hat Folgen. Die G20-Runde will jetzt die "deutsche Exportstärke aufs Korn" nehmen, wie das Handelsblatt am vergangenen Mittwoch geschrieben hat.

Seit Jahren bedrängen Politiker und Experten, vor allem aus exportschwachen Ländern, Deutschland, seine Exporte zu reduzieren. Welch ein Unsinn! Deutschland exportiert nämlich nicht. Die Exporte Deutschlands sind faktisch null. Denn es sind nur die deutschen Unternehmen, die exportieren.

Das mag wie eine Banalität klingen. Aber dahinter stecken eine wichtige Einsicht und ein fundamentaler Unterschied, auf den meines Wissens der Harvard-Professor Marc Melitz als Erster hingewiesen hat. Das Gerede von Ländern als Exporteuren führt auf den falschen gedanklichen Weg und lenkt den Blick von den wirklichen Wurzeln der Erfolge und Misserfolge im Export ab. Im Mittelpunkt dieser fehlgeleiteten Sichtweise stehen nämlich Staat und Politik. Dabei geht es beim Export aber vor allem um Unternehmen.

So profitieren Mittelständler von der Globalisierung

Wachstumstreiber

Die Weltexporte sind weitaus stärker gestiegen als die nationalen Bruttoinlandsprodukte. Die Globalisierung war und bleibt auch in Zukunft ein Wachstumstreiber.

(Quelle: Hermann Simon, "Hidden Champions - Aufbruch nach Globalia")

Kaufkraft

Die Musik wird weiterhin in Amerika und Europa spielen. Das gilt nicht nur für die Höhe der Bruttoinlandsprodukte, sondern auch für deren absolute Zuwächse. Hinzu kommt China als dritter Pol mit dem größten Zuwachs an Kaufkraft. Viele weitere Regionen werden an Bedeutung gewinnen, aber dennoch im Jahr 2025 deutlich hinter diesen drei Polen der Weltwirtschaft zurückbleiben.

Marktposition

Deutsche Mittelständler, die im globalen Wettbewerb mithalten wollen, müssen die erste Priorität darauf legen, ihre Marktpositionen in Europa und den USA zu halten beziehungsweise in vielen Fällen die Position in den USA zu stärken.

Marktstellung

An zweiter Stelle steht der Aufbau starker Marktstellungen in China und Indien.

Perspektive

ASEAN, Osteuropa/Russland, Lateinamerika und längerfristig Afrika bieten ebenfalls attraktive Wachstumsperspektiven. Die treibende Kraft in Afrika ist dabei die Bevölkerungsexplosion. Die Nutzung all dieser Chancen beinhaltet für Mittelständler eine Herkulesaufgabe.

Rückschläge

Trotz der grundsätzlich optimistischen Einschätzung lassen sich Rückschläge in der Globalisierung - insbesondere im Zuge von Krisen - nicht ausschließen. Protektionismus, Globalisierungsgegner oder die Bevorzugung nationaler Champions können den freien Handel behindern.

Die richtige Balance

Die Welt ist zwar "flacher" als vor 20 Jahren, aber "flach" ist sie bis heute nicht. Regionale, nationale und lokale Unterschiede werden weiter bestehen. Es geht deshalb auch in Zukunft darum, die richtige Balance zwischen Standardisierung und Differenzierung zu finden. Mittelständler dürften hier im Vorteil sein, da sie im Hinblick auf die resultierenden Anpassungsnotwendigkeiten flexibler sind als Großunternehmen.

Ein starker Export ist nichts anderes als der Beweis dafür, dass ein Land starke Unternehmen hat. Denn nur Unternehmen, die international wettbewerbsfähig sind und am Weltmarkt auskömmliche Preise erzielen, exportieren. Falls es an der Wettbewerbsfähigkeit im Hinblick auf Qualität oder die Fähigkeit zur Innovation mangelt, kauft niemand im Ausland die Produkte. Und falls die Kosten zu hoch sind, so dass keine ausreichende Marge resultiert, exportieren die Unternehmen von sich aus nicht.

Der Umkehrschluss gilt natürlich auch: wenn ein Land niedrige Exporte aufweist, dann hat es keine ausreichende Zahl starker Unternehmen. Entweder haben die Firmen in diesen Ländern keine Produkte mit international begehrten Eigenschaften anzubieten (etwa im Hinblick auf Innovativität, Qualität oder Design), oder sie können ihre Produkte nicht zu Kosten herstellen, die eine ausreichende Gewinnmarge am Weltmarkt erlauben. Wenn also Frankreich, Italien oder Großbritannien im Export schwach sind, dann liegt das nicht primär an der Regierung, sondern daran, dass diese Länder zu wenige starke Unternehmen haben.

Kommentare (13)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Heinz Keizer

17.04.2015, 14:17 Uhr

"Man kann nur hoffen, dass unsere Politiker die Unsinnigkeit solcher Versuche aufdecken, sich dagegen massiv zur Wehr setzen und ihren ausländischen Kollegen sagen, dass sie ihre Hausaufgaben machen und für die Wettbewerbsfähigkeit ihrer eigenen Unternehmen sorgen sollen."

Dazu müßten unsere Politiker das erst mal selbst verstehen. Auch bei uns haben die Politiker es nicht mehr so mit der Marktwirtschaft. Vielleicht sollten bei uns die Wirtschaftsverbände mit den Politikern erst mal Klartext reden. Handelsblatt könnte ja anfangen und diesen Artikel allen Abgeordneten zukommen lassen. Nach einer Woche nachfragen, ob sie ihn verstanden haben.

Herr Guilherme Dos Santos

17.04.2015, 14:33 Uhr

"Oder wollen sie dem deutschen Mittelstand den Zugang zu den internationalen Märkten sperren?"
Nichts anderes wird seit vielen Jahren verfolgt und nun, da zwischenzeitlich mit offenem Visier gekaempft wird, kann das Thema vor die G20!
Ein Vertragslackai wie COE, CFO, etc. ist extrem einfach politisch und wirtschaftlich zu lenken ueber seinen Vertrag! genau das lenken ist jedoch bei einem Mittelstaendler unverhaeltnismaessig viel schwieriger, wenn uberhaupt moeglich! Genau das ist der Grund und NICHTS anderes!

Herr Guilherme Dos Santos

17.04.2015, 14:35 Uhr

Wie kommen sie drauf, dass ein deutscher Politiker dies aufdecken wird?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×