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11.11.2016

10:07 Uhr

Internetdienste

Der Charme der Provinz

VonBritta Weddeling, Frederic Spohr

Das große Rennen: Google und der Rivale Facebook entdecken Indien für sich und stürzen sich fernab der Metropolen auf die Kunden auf dem Subkontinent. Es gleicht einem Schachspiel mit hohen Einsätzen.

350 Millionen Inder besitzen einen Zugang zum Internet. Getty Images

Mächtiger Markt

350 Millionen Inder besitzen einen Zugang zum Internet.

Sainthal, San FranciscoDer neue Wachstumsmarkt von Google riecht nach Bauernhof. Durch die staubigen Wege des Dorfes Sainthal, etwa anderthalb Autostunden von der Millionenstadt Jaipur entfernt, laufen Kühe und Ziegen. Der einzige Stolz des Städtchens ist ein kleiner Tempel. Wer kann, zieht in eine der Megastädte, um dort sein Glück zu suchen.

Doch abgeschiedene Dörfer wie Sainthal rücken immer stärker in das Interesse der Internetkonzerne. 9.000 Internet-Lehrerinnen hat Google ausgebildet, um Dorfbewohnerinnen Grundlagen über das Internet beizubringen. Als Erstes lernen sie dort, wie man mit Googles Suchmaschine etwas findet. Mit einem Fahrrad klappern die Dozentinnen abgeschiedene Städtchen ab, auf dem Gepäckträger ein Dutzend Smartphones - und damit auch die ganze Welt.

Indien in Zahlen

Bruttoinlandsprodukt

1,877 Milliarden US-Dollar: Indien gehört neben Russland und China zu den drei größten und am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2013/2014 laut Auswärtigem Amt bei 1.229 US-Dollar.

Wirtschaftswachstum

6,8 Prozent im Jahr 2014: Die Wirtschaft ist weitgehend liberalisiert und das Wachstum seit Jahren auf recht hohem Niveau. Der Export stieg im Jahr 2012 um 20 Prozent.

Handelsvolumen mit Deutschland

16.1 Milliarden Euro: Die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner Indiens innerhalb der EU. Der deutsche Handelsüberschuss lag 2012/13 bei 3,4 Milliarden Euro. Der Warenwert der Exporte nach Deutschland lag bei gut 9 Milliarden.

Kredite

1 Milliarde Euro Kredit kamen im Jahr 2013 allein aus Deutschland. Vorgesehen sind sie für Investitionen in erneuerbare Energien und andere nachhaltige Projekte der Energieeffizienz.

Migration

3.000 zu 45.000: Laut Auswärtigem Amt sind ca. 3.000 Deutsche in Indien ansässig, arbeiten in der Wirtschaft, im Bildungswesen, in Kultur und Missionen. Deutlich mehr Inder zieht es nach Deutschland; rund 45.000 leben in der BRD.

Einwohner

1,2 Milliarden: Die Gesellschaft höchst gegensätzlich: fortschrittsorientiert und traditionell, arm und reich.

Armut

820 Millionen in Armut: Davon gelten laut Weltbank fast 35 Prozent als absolut arm. Armuts- und Wirtschaftswachstum scheinen in Indien Hand in Hand zu gehen. In keinem anderen Land leben mehr Menschen in absoluter Armut, es sind mehr als in ganz Afrika. Sozialprogramme der Regierung greifen nur bedingt.

Landesfläche

3.287.000 Quadratkilometer: Das entspricht gut neunmal der Fläche Deutschlands.

Es ist nur eine Initiative von vielen, mit denen der US-Konzern die Eroberung der indischen Provinz plant. Und Google ist nicht allein: Auch Rivale Facebook stürzt sich auf die abgeschiedenen Kunden auf dem Subkontinent. Wie Google-Chef Sundar Pichai ist mittlerweile auch Mark Zuckerberg ein guter Bekannter von Regierungschef Narendra Modi. Beide suchen den Schulterschluss mit dem Politiker, der mit seiner Initiative "Digital India" die Vernetzung des Subkontinents vorantreiben will. Der indische Internetunternehmer Mahesh Murthy nennt das Rennen um Indien "ein Schachspiel mit hohen Einsätzen".

Die Unternehmen präsentieren sich gerne als Entwicklungshelfer - doch letztendlich geht es um den wichtigsten Zukunftsmarkt der Branche. Erst rund 350 Millionen Inder haben einen Internetzugang, schon damit ist es laut den Vereinten Nationen nach der Zahl der Nutzer der zweitgrößte Markt hinter China. 2020 könnten es 600 Millionen sein. Zwar seien die Umsätze der Unternehmen gering, sagt Nikhil Prasad Ojha, Partner bei dem Beratungsunternehmen Bain. "Aber es ist eine Wette auf die Zeit." Wer die Inder möglichst früh an sich bindet, ist klar im Vorteil.

Es geht nicht nur um die Masse möglicher Nutzer, sondern um einen Blick in die Zukunft. "Die meisten Inder erleben das Internet zu allererst über das Smartphone", sagt Rajan Anandan, Google-Chef von Indien und Südostasien im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Und genauso wird es auch für die kommenden Generationen in entwickelten Staaten sein."

Das Marktforschungsunternehmen eMarketer schätzt, dass der Suchmaschinen-Riese 2015 die Hälfte seiner Werbeeinnahmen über das mobile Internet generierte. 2017 sollen es 70 Prozent sein. Facebook erzielt schon heute rund 85 Prozent seiner Werbeeinnahmen über Reklame auf Mobilgeräten.

Google muss sich also etwas einfallen lassen: Der Suchmaschinenanbieter vermag Nutzer und deren Verhalten zwar in Echtzeit zu erfassen. Doch was die Nutzungszeit der Plattformen angeht, hängt Facebook die Konkurrenz inzwischen ab. 50 Minuten pro Tag ist der Fan laut Konzernangaben durchschnittlich im sozialen Netzwerk unterwegs, inklusive der Ableger Messenger und Instagram.

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