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27.09.2015

14:28 Uhr

Investoren im „Wilden Osten“ Asiens

„Wir sind hergekommen, um zu helfen“

VonUrs Wälterlin

Kambodscha bietet Wirtschaftswachstum und gute Bedingungen für Investoren. Potenzial sehen sie in den Bereichen Lebensmittel, nachhaltige Energien, Landwirtschaft und Verpackung. Doch das Land hat viele Probleme.

Phnom Penh: Das Land wirbt mit Unternehmensgründungen innerhalb einer Stunde. ap

Phnom Penh: Das Land wirbt mit Unternehmensgründungen innerhalb einer Stunde.

Phnom PenhDie Webmaschine ist riesig. Mehrere Kilometer Stoff kann das computergesteuerte Monster pro Tag ausspucken. Auf der Maschinenmesse im Kongresszentrum von Phnom Penh verfolgt ein Dutzend kambodschanischer Kleiderfabrikanten jede ihrer Bewegungen. Die Aussteller aus China, Hongkong und Taiwan hoffen auf Bestellungen, schließlich boomt die Wirtschaft in Kambodscha.

Hinten in der Ecke der Maschinenmesse gibt es Salzbrezeln und Wurstbrot statt Nudelsuppe und Reis: Bayern International wirbt hier für seine Unternehmen. Noch ist keines davon in dem südostasiatischen Land mit seinen 14 Millionen Einwohnern aktiv. Doch das soll sich ändern. Potenzial sehen die Bayern vor allem in den Bereichen Lebensmittel, nachhaltige Energien, Landwirtschaft und Verpackung.

Die Probleme der Schwellenländer

Brasilien

Präsidentin Dilma Rousseff genießt nur noch acht Prozent Zustimmung, vor allem wegen eines Korruptionsskandals. Der Autoabsatz ist im ersten Halbjahr um rund 20 Prozent eingebrochen. Die deutschen Autobauer müssen ihre Produktion spürbar drosseln. Die Inflation kletterte im Juli auf satte 9,56 Prozent – der Konsum bricht ein. Hinzu kommen externe Faktoren wie der schwache Ölpreis und die teils marode Infrastruktur.

Russland

Die Wirtschaft Russlands ist von April bis Juni um fast fünf Prozent geschrumpft. Die Talfahrt der Ölpreise macht dem von Rohstoffen abhängigen Land schwer zu schaffen. Hinzu kommen westliche Sanktionen und ein schwacher Rubel. Die Inflation beträgt aktuell mehr als 15 Prozent.

Indien

Laut eigenen Angaben ist die Wirtschaft Indiens aktuell um 7,3 Prozent gewachsen. Das überaus gute Ergebnis beruht allerdings auf einem Berechnungstrick der Regierung. Wichtige Sektoren wie die industrielle Produktion entwickeln sich weiter schwach. Die Infrastruktur ist völlig unzureichend, die Bürokratie enorm. Andererseits profitiert das Öl- und Gas-Importland von den niedrigen Rohstoffpreisen.

China

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde kämpft mit einer unerwartet schlechten Konjunktur, hohen Schuldenbergen, dem Platzen einer Aktienblase und schwachen Außenhandelszahlen. Die Zeiten des Turbo-Wachstums sind nach Meinung von Experten vorbei. Aktuell ist es so niedrig wie seit 1990 nicht mehr. Die überraschende Abwertung der Währung ließ ebenfalls Sorgen aufkommen, dass es um die Wirtschaft schlecht bestellt sei.

Südafrika

Präsident Jacob Zuma konnte bisher kein Skandal erschüttern. Die Wirtschaft in dem Land mit gut 50 Millionen Einwohnern schwächelt jedoch. Landesweite Stromausfälle würgen das geringe Wachstum ab und verhindern Neuinvestitionen. 2014 wuchs die Wirtschaft noch um 1,5 Prozent, was viel zu langsam ist. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 25 Prozent, bei Jugendlichen bei rund 35 Prozent. Der südafrikanische Rand hat stark an Wert verloren.

Der Geschäftsführer von Bayern International, Hans-Joachim Heusler, ist mit Vertretern von acht bayerischen Unternehmen angereist, vom Freilassinger Tragetaschenhersteller Kerler bis zum Architekturbüro Bachschuster aus Ingolstadt. „Wir sind hergekommen, um zu helfen“, sagt Heusler. „Wir hoffen, mit unseren Erfahrungen den Kambodschanern beistehen zu können, ihre Wirtschaft weiterzuentwickeln - ohne die Fehler zu wiederholen, die wir gemacht haben.“

Eines wird den deutschen Messebesuchern in Phnom Penh schnell klar: „Die Konkurrenz aus China ist enorm“, stöhnt einer. Kambodscha mag für europäische Investoren eine exotische Destination sein, nicht aber für die asiatischen Nachbarländer. Längst hat man in China, Vietnam und Thailand den „Frontier-Market“ mit 15,5 Millionen Einwohnern entdeckt. „Kambodscha ist einer der offensten Märkte der Welt“, sagt der deutsche Geschäftsmann Tassilo Brinzer.

Investoren und Glücksritter zugleich kommen nach Phnom Penh, wegen der „ausgezeichneten Bedingungen“, wie sie Brinzer anpreist, der an der Strandpromenade der Hauptstadt ein Restaurant betreibt und Zeitschriften über seinen eigenen Verlag publiziert. „Ohne jegliche Zensur“, so Brinzer, „nicht wie in Thailand.“ Der größte Wettbewerbsvorteil sei aber, dass man in Kambodscha nicht zwingend einen lokalen Partner brauche. „Wenn man eine Firma aufbaut oder erwirbt, gehört sie einem auch wirklich.“ Gleichzeitig seien die Steuern mit 20 Prozent niedrig, qualifizierte Mitarbeiter könnten ohne Mühe ins Land gebracht werden. Die Regierung sei sehr investorenfreundlich.

Handelsminister Sun Chanthol, in den USA ausgebildet, wirbt: „Natürlich bietet eine freie und größtenteils deregulierte Wirtschaft auch Entrepreneuren große Chancen.“ Kambodscha sei „global führend“, wenn es um Konsultation zwischen Regierung und Privatwirtschaft gehe. „Die Anreize für Investoren sind enorm.“

Der wirtschaftsfreundliche Kurs zahlt sich aus. „Kambodscha ist eine der am raschesten wachsenden Volkswirtschaften der Welt“, so Takehiko Nakao, Präsident der Asiatischen Entwicklungsbank, jüngst in Phnom Penh - mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von sieben Prozent im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. In diesem Jahr werden 7,3 Prozent erwartet, im kommenden 7,6 Prozent. Der Entwicklungsbank zufolge ist der Wert der Ausfuhren von Kleidern und Schuhen - den beiden wichtigsten Exportprodukten - 2014 um mehr als zehn Prozent auf sechs Milliarden US-Dollar (5,31 Milliarden Euro) gestiegen. Gleichzeitig expandierte die Bauwirtschaft deutlich, angefeuert von stetig steigenden Direktinvestitionen aus dem Ausland.

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