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04.02.2016

16:54 Uhr

IWF-Chefin Lagarde

Reiche Staaten brauchen die Schwellenländer

Gegen eine schwächelnde Weltwirtschaft sieht IWF-Chefin Christine Lagarde nur ein Rezept: eine engere Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Schwellenländern. In der Geldpolitik fordert sie Harmonisierung.

Geringer Ölpreis, Krise in China, niedrige Inflation in den Industrieländern: Nur gemeinsam ließen sich solche Probleme lösen, sagte die IWF-Chefin. Reuters

Große Herausforderungen

Geringer Ölpreis, Krise in China, niedrige Inflation in den Industrieländern: Nur gemeinsam ließen sich solche Probleme lösen, sagte die IWF-Chefin.

BerlinIWF-Chefin Christine Lagarde wirbt für eine engere Zusammenarbeit der reichen Staaten mit den aufstrebenden Schwellenländern, um Krisengefahren zu bannen und die Weltwirtschaft anzuschieben. „Wir brauchen eine neue Partnerschaft für Wachstum“, sagte sie am Donnertag bei einer Veranstaltung der University of Maryland nahe Washington. Wenn viele Schwellenländer wie etwa der Wirtschaftsriese China aktuell mit Schwächen zu kämpfen hätten, sei das auch für die Industrieländer schlecht. Lagarde zitierte Studien ihres Internationalen Währungsfonds (IWF), wonach eine Abnahme des Wachstums in den Schwellenländern um einen Prozentpunkt die Entwicklung in den Industrieländern um 0,2 Prozent dämpft.

Als eine der großen Herausforderungen nannte Lagarde das wirtschaftspolitische Umsteuern in China weg von der Export- und hin zu mehr Binnenmarkt-Orientierung. Die damit verbundenen Reformen seien „auf lange Sicht ein notwendiger Prozess“. Davon würden China und die Weltwirtschaft profitieren. Kurzfristig aber schwäche dieser Kurs das chinesische Wachstum, was sich auf andere Volkswirtschaften auswirke und auch für Unruhe an den Finanzmärkten sorge. Weitere Herausforderungen seien die massiven Preisrückgänge beim Öl und bei Metallen, was die Währungen etlicher Länder bereits unter Druck gebracht habe. Auch der unterschiedliche Kurs in der Geldpolitik in den großen Industriestaaten bringe Probleme für Schwellenländer mit sich.

Die Finanzausstattung des IWF

Wie finanziert sich der IWF?

Wichtigste Quelle sind die Kapitalanteile (Quoten) der 188 IWF-Staaten. Die machen etwa 366 Milliarden Dollar aus. Schon vor drei Jahren - auf dem Höhepunkt der Finanzkrise - beschlossen die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20), den IWF aufzuwerten und seine Mittel anzuheben. Die Kasse für Notkredite, also frei verfügbare Finanzmittel, sollte mittelfristig auf 750 Milliarden Dollar verdreifacht werden. Zudem wurde beschlossen, „Sonderziehungsrechte“ - eine Art Kunst-Reservewährung des IWF - um 250 Milliarden Dollar aufzustocken, um Liquiditätsengpässen von Ländern entgegenzuwirken. Bisher sind gut 550 Milliarden Dollar zusammengekommen durch bilaterale Kreditlinien von 38 Mitgliedern.

Warum braucht der IWF mehr Geld?

Der Weltwährungsfonds will mehr „Feuerkraft“ für den Fall, dass sich die europäische Schuldenmisere auf andere Länder ausbreitet. Der IWF hat zwar derzeit rund 380 Milliarden Dollar für neue Kredite in der Kriegskasse, doch das sei zu knapp für globale Notfälle, meint IWF-Chefin Christine Lagarde. „Der Fonds muss in der Lage sein, die Bedürfnisse aller zu erfüllen, die von der Krise betroffen sind.“ Schließlich sei die Weltwirtschaft „fragil“.

Um wieviel Geld geht es?

Im Januar wollte Lagarde bis zu 600 Milliarden Dollar zusätzlich, um andere Länder weltweit effektiv vor einer Ansteckung schützen zu können. Inzwischen spricht sie „nur“ noch von gut 400 Milliarden Dollar, weil mittlerweile einige Schreckensszenarien gebannt worden seien. Damit würde sich die Vergabekapazität für neue Kredite auf mehr als 750 Milliarden Dollar verdoppeln und die gesamte Feuerkraft auf mehr als eine Billion Dollar steigen.

Wieviel Geld wurde bereits zugesagt?

Bis Beginn der Frühjahrstagung am Freitag erhielt der IWF nach eigener Zählung rund 320 Milliarden Dollar an Zusagen. Aus Europa sollen insgesamt bis zu 200 Milliarden Euro kommen. Schon sicher sind 150 Milliarden der Euro-Länder. Davon kämen bis zu 41,5 Milliarden über die Bundesbank aus Deutschland.

An welche Bedingungen sind die Gelder aus Deutschland geknüpft?

Die Bundesbank möchte dafü - in diesem speziellen Fall - die Zustimmung des Bundestages. Hintergrund sind die damit verbundenen Risiken für die Steuerzahler. Wird die Mittelaufstockung beschlossen, soll zeitnah der Haushaltsausschuss informiert und Rückendeckung des Parlaments eingeholt werden. Eine Abstimmung des Bundestages lehnen Union und FDP ab, da die Bundesbank unabhängig sei. Die Notenbanker erwarten ferner, dass auch Nicht-Euro-Länder signifikant mitziehen.

Warum wollen einige Länder keine Kreditzusagen geben?

Ausgerechnet die USA als der mit Abstand größte Anteilseigner stellen sich quer. Der IWF verfüge bereits über „sehr angemessene Kernressourcen“, meint das US-Finanzministerium. Vor den Wahlen im November sieht die amerikanische Regierung ohnehin keinen Weg, mehr Geld für den Rest der Welt locker zu machen. Hinzu kommt, dass aufstrebende Topmächte wie Brasilien mit weiteren Mitteln für den IWF auch ihren Einfluss bei der globalen Finanzfeuerwehr erhöhen wollen. Die Quotenreform, die die Verhältnisse zwischen alten und neuen Mächten neu regeln soll, scheint sich aber zu verzögern.

Was verbirgt sich hinter der „Quotenreform“?

Mit der 2010 beschlossenen Neuordnung, die bis Oktober umgesetzt sein soll, erhalten Länder wie China, Brasilien oder Indien mehr Einfluss, Industrieländer geben dagegen Macht ab. China - zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt hinter den USA und vor Japan - verdrängt Deutschland von Platz drei der Anteilseigner. Grundsätzlich soll sich in der Neuverteilung der Stimmrechte und Anteile der 188 IWF-Mitgliedstaaten das gewachsene Gewicht der boomenden Schwellenländer auch beim Währungsfonds widerspiegeln.

Wie sähe eine Neuordnung der Quoten aus?

Die Anteilsquoten bestimmen das Stimmgewicht einzelner Länder und ihren Kapitalbeitrag. Die USA kämen mit der Quotenreform auf einen Stimmanteil von 16,5 Prozent, Deutschland von 5,3 und China von 6,07. Insgesamt sollen die Anteilsquoten bis 2012 verdoppelt werden. Bis Anfang 2013 soll zudem eine neue Quotenformel gefunden werden, um Entwicklungs- und Schwellenländern noch mehr Einfluss zu geben. Im Exekutivdirektorium, dem Top-Beschlussorgan, geben zwei europäische Staaten ihren Sitz zugunsten aufstrebender Mächte ab.

Alles, was sich in den Schwelleländern abspiele, wirke sich auch auf die Industrieländer aus, warnte Lagarde. Schließlich würden die aufstrebenden Länder für die reichen Staaten nicht nur als Kunden sondern auch als Investitionsstandort immer wichtiger. Über 80 Prozent des weltweiten Wachstums seit der Finanzkrise von 2008 komme von Ländern wie China, Indien und auch Brasilien. Das habe den Industrieländern geholfen, die Krise zu überwinden. Wenn viele Schwellenländer nun Probleme hätten, seien auch die reichen Staaten gefragt. Als ein besonderes Problem benannte Lagarde, dass aus den aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien und Lateinamerika 2015 allein netto 531 Milliarden Dollar an Kapital abgeflossen seien – im Jahr zuvor verzeichneten diese Länder noch 48 Milliarden Dollar Kapitalzufluss.

Von

rtr

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