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21.10.2015

14:05 Uhr

Kasper Rorsted

Übertriebene Sorgen um die Emerging Markets

VonKasper Rorsted

Kasper Rorsted, der Vorstandsvorsitzende des Düsseldorfer Konsumgüterkonzerns Henkel, hält nichts von einer pessimistischen Betrachtung der Schwellenländer. Ein Gastbeitrag wider die Schwarzmalerei.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender von Henkel. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com Reuters

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender von Henkel. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

DüsseldorfDie Weltwirtschaft wächst langsamer als in den vergangen Jahren - und kurzfristig ist kein Aufschwung in Sicht. Den Beweis dafür hat die amerikanische Zentralbank geliefert: Sie hat die vor wenigen Monaten noch sicher geglaubte Zinswende verschoben. Das liegt nicht an den Vereinigten Staaten, die sich insgesamt positiv entwickeln. Auch die wirtschaftlichen Unsicherheiten in Europa sind nicht der Hauptgrund dafür. Vielmehr gilt die Sorge den aufstrebenden Wachstumsmärkten.

Die Probleme der Schwellenländer

Brasilien

Präsidentin Dilma Rousseff genießt nur noch acht Prozent Zustimmung, vor allem wegen eines Korruptionsskandals. Der Autoabsatz ist im ersten Halbjahr um rund 20 Prozent eingebrochen. Die deutschen Autobauer müssen ihre Produktion spürbar drosseln. Die Inflation kletterte im Juli auf satte 9,56 Prozent – der Konsum bricht ein. Hinzu kommen externe Faktoren wie der schwache Ölpreis und die teils marode Infrastruktur.

Russland

Die Wirtschaft Russlands ist von April bis Juni um fast fünf Prozent geschrumpft. Die Talfahrt der Ölpreise macht dem von Rohstoffen abhängigen Land schwer zu schaffen. Hinzu kommen westliche Sanktionen und ein schwacher Rubel. Die Inflation beträgt aktuell mehr als 15 Prozent.

Indien

Laut eigenen Angaben ist die Wirtschaft Indiens aktuell um 7,3 Prozent gewachsen. Das überaus gute Ergebnis beruht allerdings auf einem Berechnungstrick der Regierung. Wichtige Sektoren wie die industrielle Produktion entwickeln sich weiter schwach. Die Infrastruktur ist völlig unzureichend, die Bürokratie enorm. Andererseits profitiert das Öl- und Gas-Importland von den niedrigen Rohstoffpreisen.

China

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde kämpft mit einer unerwartet schlechten Konjunktur, hohen Schuldenbergen, dem Platzen einer Aktienblase und schwachen Außenhandelszahlen. Die Zeiten des Turbo-Wachstums sind nach Meinung von Experten vorbei. Aktuell ist es so niedrig wie seit 1990 nicht mehr. Die überraschende Abwertung der Währung ließ ebenfalls Sorgen aufkommen, dass es um die Wirtschaft schlecht bestellt sei.

Südafrika

Präsident Jacob Zuma konnte bisher kein Skandal erschüttern. Die Wirtschaft in dem Land mit gut 50 Millionen Einwohnern schwächelt jedoch. Landesweite Stromausfälle würgen das geringe Wachstum ab und verhindern Neuinvestitionen. 2014 wuchs die Wirtschaft noch um 1,5 Prozent, was viel zu langsam ist. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 25 Prozent, bei Jugendlichen bei rund 35 Prozent. Der südafrikanische Rand hat stark an Wert verloren.

In den sogenannten Emerging Markets ist das gewohnte starke Wachstum deutlich zurückgegangen, auf geschätzte drei bis vier Prozent. Das ist der geringste Zuwachs seit der Finanzkrise. Die Währungen dieser Länder sind so schwach wie seit 2002 nicht; jede Menge Kapital fließt ab.

Dazu kommt China: Dort sind die Aktienkurse binnen drei Monaten rund 40 Prozent eingebrochen. Die chinesische Zentralbank hat im Sommer den Yuan in kurzer Folge mehrfach abwerten lassen und damit Schockwellen durch die Weltwirtschaft geschickt. Gründe genug, um Schwarzmaler auf den Plan zu rufen.

In vielen Schwellenmärkten ist zu Recht Ernüchterung eingetreten. Eine Reihe rohstoffreicher Länder hat die Boomjahre mit hohen Rohstoffpreisen nicht genutzt, um ihre Abhängigkeit von Bodenschätzen zu reduzieren oder ihre Wirtschaftssysteme weiterzuentwickeln. Aber von einer fundamentalen Krise der Emerging Markets sind wir weit entfernt. Die Lektion aus der Asienkrise Ende der 90er-Jahre ist fast überall angekommen: Die Währungen der meisten dieser Länder sind nicht mehr fixiert, es wurden zum Teil beträchtliche Devisenreserven und Leistungsbilanzüberschüsse aufgebaut, und auch die Abhängigkeit von Auslandskapital wurde reduziert.

Eine ganz wesentliche Rolle spielt die Politik, die die Rahmenbedingungen setzt. In Indien forciert die Regierung den industriellen Aufbau. Auch in China will die Politik strukturelle Reformen zur Stärkung der Wirtschaft beschleunigen. Die Bundesregierung schickte kürzlich ähnliche Forderungen Richtung Brasilien, um der drohenden Rezession entgegenzuwirken.

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