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01.09.2015

06:28 Uhr

Kommentar

Chinas schwache Industrie ist politisch gewollt

VonStephan Scheuer

Die Schwerindustrie in China schwächelt weiter. Dafür wächst der Dienstleistungssektor. So hatte sich Peking den Strukturwandel vorgestellt. Aber die Transformation führt zu Verwerfungen.

Ein Kohlearbeiter in Shenyang, im Nordosten Chinas. Reuters

Mühsal

Ein Kohlearbeiter in Shenyang, im Nordosten Chinas.

PekingNeue Daten aus China treiben die Sorgen um eine Schwäche der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt an. Zwei wichtige Frühindikatoren zeichnen ein düsteres Bild für Chinas Industrie: Die Börsen sackten zum Handelsauftakt ab. Dabei sind die Daten beim genauen Hinsehen nicht so dramatisch. Sondereffekte und der von Peking initiierte Strukturwandel treiben die schwachen Werte.

Ja, der Einkaufsmanagerindex (PMI) für das produzierende Gewerbe fiel laut Angaben des Statistikamtes in Peking auf den tiefsten Stand seit drei Jahren. Statt bei 50 Prozent im Vormonat lag er nur noch bei 49,7 Prozent und damit unter Analystenerwartungen. Ein Wert unter 50 zeigt einen Rückgang der Wirtschaft an.

China-Korrespondent des Handelsblatts.

Stephan Scheuer

China-Korrespondent des Handelsblatts.

Einkaufsmanagerindex des Wirtschaftsmagazins „Caixin“, der stärker private und mittelständische Unternehmen berücksichtigt, ging von 47,8 auf 47,3 Punkte zurück. Das ist der tiefste Stand seit mehr als vier Jahren.
Es besteht kein Zweifel darüber, dass Chinas Wirtschaft eine schwierige Phase durchläuft.

Die Verlierer der Weltwirtschaft

Großbritannien

2014: 2,435 ; 2030: 3,586 ; 2050: 5,744 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Zwar wird Großbritannien auch 2030 noch im Ranking der Top-Volkswirtschaften mit Platz zehn in der Top Ten sein. Doch 2050 sieht das anders aus: Rang elf.

Italien

2014: 2,066 ; 2030: 2,591 ; 2050: 3,617 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Italien wird in 35 Jahren auf Rang 18 zurückfallen. Die Prognose zeigt deutlich, dass Europa im weltweiten Vergleich weiter an wirtschaftlichem Gewicht verliert.

Frankreich

2014: 2,587; 2030: 3,418; 2050: 5,207 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Frankreich kommt schafft es bereits 2030 auf Rang elf und rutscht bis 2050 auf Platz 13.

Russland

2014: 3,559 ; 2030: 4,854 ; 2050: 7,575 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Russland wird bis 2050 auf Platz acht verdrängt.

Deutschland

2014: 3,621 ; 2030: 4,590 ; 2050: 6,338 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Drei europäische Staaten gehören derzeit zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt: Deutschland, Frankreich und Großbritannien. 2050 wird nur noch die Bundesrepublik in den Top Ten der wirtschaftlich leistungsfähigsten Staaten vertreten sein. Deutschland wird bereits 2030 auf Rang acht zurückfallen.

Japan

2014: 4,788 ; 2030: 6,006 ; 2050: 7,914 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Während Japan auch 2030 den vierten Platz verteidigt, wird das Land bis 2050 drei Ränge abrutschen und auf Rang sieben landen.

USA

2014: 17,416 ; 2030: 25,451 ; 2050: 41,384 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Auch wenn die USA 2020 den zweiten Platz noch verteidigen können, werden sie 2050 von Indien auf Platz drei verdrängt. Dann wird drittstärkste Volkswirtschaft USA fast zweieinhalbmal so groß sein wie Indonesien (2050: Rang vier).

Aber die besonders schwachen Werte im August sind auch den Explosionen in Tianjin, einem der wichtigsten Häfen weltweit, und Pekings Anti-Smog-Plan zur Leichtathletik Weltmeisterschaft und der Militärparade zum 70 Jahrestag des Kriegsendes geschuldet. Tausende Fabriken wurden in und um Peking geschlossen.

Zudem ist der Rückgang in der energieintensiven und umweltschädlichen Schwerindustrie politisch gewollt. Peking will sein Wachstum auf eine nachhaltigere Bahn lenken. Deshalb wird der Dienstleistungssektor gezielt gefördert. Die Schwerindustrie war die Stütze von Chinas Aufstieg vom Entwicklungsland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. In der künftigen Wirtschaftspolitik spielt sie jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle.

Kommentare (5)

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Herr Peter Noack

01.09.2015, 08:12 Uhr

"Aber die Transformation führt zu Verwerfungen". so etwas gibt es nur in China sonst nirgendwo, oder was soll der Leser denken? Sehen diese Verwerfungen hauptsächlich westlich orientierte Bankvolkswirte und Umfrageinstitute?
Das niedrigste prozentuale Wachstum seit 25 Jahren bedeutet für China immer noch ein höheres Wachstum in Renminbi als 2010. Gleichzeitig hat der Renminbi seit 2010 25 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar gewonnen, während der Euro seit Juli 2008 "nur" um 42,857 Prozent zum Dollar abgewertet hat. Haben solche Auf- bzw. Abwertungen auch etwas mit dem BIP und seinem Wachstum zu tun? Im Beitrag steht nichts. Es ist müßig, auf den Unterschied von relativem Wachstum in Prozent und absolutem Wachstum in Renminbi, Dollar oder Euro hinzuweisen. Wenn es nicht ins Konzept passt, wird darauf keine Rücksicht genommen.

Account gelöscht!

01.09.2015, 08:28 Uhr

Die deutsche Medienlandschaft verdreht ma wieder die Reale Welt.
China war schon immer in Dienstleistungsland Insbesondere für die westliche Konsumwelt. China weis ganz genau, dass man mit diesen Dienstleistungen sein Volk nicht zum Wohlstand führen kann. China wird weiter seinen Industiestandort ausbauen und wird jetzt langsam dazu übergehen, die westlichen Firmen für seine Strategie zu benutzen. Forschung und Entwicklung in den verschieden Industriebranchen (Chemie, Kraftwerkstechnik, Maschinen- Autobau usw.) werden für die chinesische Volkspartei an großer Bedeutung gewinn. Im Gegensatz zu den Grün-Sozialistischen EU-Deutschen Wirtschaftspolitkern weis China ganz genau, dass OHNE die Industriebranchen kein Wachstum und damit Wohlstand für ein Volk zu haben ist. Die CO2-freie und ideologisch verblendet Wirtschaftspolitik einer EU-Deutschen Merkel opportunistischen Politikerin führt hingegen nur zu einen Ziel...mehr Mangel und Armut für Europa und Deutschland!

Herr Thomas Kruemmer

01.09.2015, 08:53 Uhr

Der Rostgürtel im Nordosten von China, die frühere Mandschurei, war seltsamerweise schon immer vergleichsweise reformresistent. Das mag daran liegen, dass ein grosser Teil des militärisch-industriellen Komplexes dort sein Zuhause hat, aufgebaut aus der Hinterlassenschaft der japanischen Besatzer, damit einhergehend Schwerindustriegiganten wie China First, die staatlichen Stahlwerke Anshan, Dongbei, Fushun, Benxi, Petrochemie von Sinopec und Petrochina, Bahnbauer China Railway, u.v.a., die - anders als Ost- oder Südchina - vergleichsweise wenig Luft zum Atmen für Privatunternehmen lassen.

Um den Nordosten voranzutreiben wurde ja u.a. ausländische Autobauer samt ihrer Zulieferer nach Shenyang und nach Changchun beordert, was aber auch dank dem Reformstillstand unter der vorherigen Regierung nicht zu dem gewünschten Mass an Befruchtung geführt hat.

Dass die Schwerindustrie auf das Abstellgleis geschoben wird ist beileibe nicht der Fall, denn diese Industrie ist mission-critical um die weiterverarbeitenden, exportorientierten Unternehmen mit den weltbilligsten Basismaterialen und Maschinen zu versorgen. China hat dazu ein raffiniertes System geschaffen, das die Rohstoff- und Vorproduktpreise im Inland niedriger als auf dem Weltmarkt hält.

Das Hauptproblem bei der Schwerindustrie und auch im Bergbau liegt bei den teils gigantischen Überkapazitäten in China, die in der schnellen Wachstumsphase beinahe unkontrolliert aufgebaut wurden, mit grosser Unterstützung von Lokalregierungen, denn Schwerindustrieunternehmen schieben grosse Umsätze, die viel MwSt in die Kassen von lokalen Finanzbehörden spülen und nebenher noch stark zur Beschäftigung beitragen, ganz abgesehen vom steigenden lokalen BIP, das bisher für Lokalbürokraten immer sehr beförderungswirksam war.

Es gibt in Peking Pläne Kapazitäten zu reduzieren, zu modernisieren und zu verschlanken, die aber bisher gegen verschiedene Widerstände nicht durchsetzbar sind.

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