Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.06.2015

10:45 Uhr

Mittelmäßige Wachstumsmärkte

Geht den Schwellenländern die Puste aus?

VonTorsten Riecke

Viele Industrie- und Schwellenländer leiden unter einer chronischen Wachstumsschwäche. Die Hoffnung liegt auf der digitalen Revolution. Doch die lässt auf sich warten.

Die Konjunkturaussichten in Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Indonesien und der Türkei haben sich zum Teil dramatisch eingetrübt.

Geht den BRICs die Puste aus?

Die Konjunkturaussichten in Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Indonesien und der Türkei haben sich zum Teil dramatisch eingetrübt.

BerlinDer Weltwirtschaft fehlt eine Wachstumsstory. Ende der 90er-Jahre wurden die Wachstumshoffnungen von den Fantasien der amerikanischen Internetpioniere beflügelt. Dann sorgte der ebenso konsumfreudige wie kredithungrige US-Verbraucher für hohe Drehzahlen des globalen Konjunkturmotors. Nach der großen Finanzkrise bestand die Wachstumsstory nur noch aus einem Wort: China.

Und jetzt? Die Volkswirtschaften der Euro-Zone stagnieren. Die US-Wirtschaft ist in den ersten drei Monaten 2015 sogar geschrumpft. Japan erholt sich mühsam von der vierten Rezession in den vergangenen zehn Jahren. China hat alle Mühe, sein reduziertes Wachstumsziel von sieben Prozent zu halten.

So profitieren Mittelständler von der Globalisierung

Wachstumstreiber

Die Weltexporte sind weitaus stärker gestiegen als die nationalen Bruttoinlandsprodukte. Die Globalisierung war und bleibt auch in Zukunft ein Wachstumstreiber.

(Quelle: Hermann Simon, "Hidden Champions - Aufbruch nach Globalia")

Kaufkraft

Die Musik wird weiterhin in Amerika und Europa spielen. Das gilt nicht nur für die Höhe der Bruttoinlandsprodukte, sondern auch für deren absolute Zuwächse. Hinzu kommt China als dritter Pol mit dem größten Zuwachs an Kaufkraft. Viele weitere Regionen werden an Bedeutung gewinnen, aber dennoch im Jahr 2025 deutlich hinter diesen drei Polen der Weltwirtschaft zurückbleiben.

Marktposition

Deutsche Mittelständler, die im globalen Wettbewerb mithalten wollen, müssen die erste Priorität darauf legen, ihre Marktpositionen in Europa und den USA zu halten beziehungsweise in vielen Fällen die Position in den USA zu stärken.

Marktstellung

An zweiter Stelle steht der Aufbau starker Marktstellungen in China und Indien.

Perspektive

ASEAN, Osteuropa/Russland, Lateinamerika und längerfristig Afrika bieten ebenfalls attraktive Wachstumsperspektiven. Die treibende Kraft in Afrika ist dabei die Bevölkerungsexplosion. Die Nutzung all dieser Chancen beinhaltet für Mittelständler eine Herkulesaufgabe.

Rückschläge

Trotz der grundsätzlich optimistischen Einschätzung lassen sich Rückschläge in der Globalisierung - insbesondere im Zuge von Krisen - nicht ausschließen. Protektionismus, Globalisierungsgegner oder die Bevorzugung nationaler Champions können den freien Handel behindern.

Die richtige Balance

Die Welt ist zwar "flacher" als vor 20 Jahren, aber "flach" ist sie bis heute nicht. Regionale, nationale und lokale Unterschiede werden weiter bestehen. Es geht deshalb auch in Zukunft darum, die richtige Balance zwischen Standardisierung und Differenzierung zu finden. Mittelständler dürften hier im Vorteil sein, da sie im Hinblick auf die resultierenden Anpassungsnotwendigkeiten flexibler sind als Großunternehmen.

Schlimmer als diese Konjunkturschwächen ist jedoch, dass die langfristigen Wachstumskräfte erlahmen. "Das Wachstumspotenzial geht in vielen Ländern zurück, und das drückt auf die Stimmung, schwächt die Nachfrage und bremst so die wirtschaftliche Entwicklung", warnt IWF-Chefökonom Olivier Blanchard. Er wünscht sich eine höhere Produktivität. Doch von der digitalen Revolution, die die nächste Wachstumsstory liefern soll, ist noch wenig zu sehen.

Mitten hinein in diese Tristesse kommt nun noch die Zinswende in den USA. Zwar hat die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) die Zinsschraube noch nicht auf ihrer Sitzung am letzten Mittwoch angezogen. Aber für September rechnen die meisten Ökonomen mit der ersten Leitzinserhöhung in Amerika seit Juni 2006. "Wir raten insbesondere den Schwellenländern, sich anzuschnallen", sagt Kaushik Basu, Chefökonom der Weltbank. "Es wäre besser, die Fed würde die Zinserhöhung auf das nächste Jahr verschieben."

Viele Schwellenländer könnte eine Zinserhöhung in den USA wie ein Schock treffen. Denn der Boom in Asien und Südamerika wurde zum großen Teil mit Kapital aus den Industrienationen finanziert. Wenn aber die Renditen in den USA steigen und das Wachstum in den Emerging Markets nachlässt, werden viele Anleger ihr Geld zurückholen. "Das schwache Wachstum würgt die Kapitalzuflüsse in die Schwellenländer ab", sagt Charles Collyns, Chefökonom des Institute for International Finance (IIF). Im ersten Quartal 2015 flossen nur noch 150 Milliarden Dollar in die Emerging Markets, das ist der niedrigste Stand seit sechs Jahren.

Eine Besserung ist vorerst nicht in Sicht. Gerade hat die Weltbank ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft auf nur noch 2,8 Prozent in diesem Jahr gekürzt - und das trotz Anschubhilfe durch die niedrigen Ölpreise. "Es handelt sich um eine strukturelle Schwäche", warnen die Weltbank-Ökonomen. Mit anderen Worten: Dies ist keine Atempause, sondern es ist Sand im Getriebe der bisherigen Wachstumsmotoren. Besonders deutlich sieht man das in Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Indonesien und der Türkei, wo sich die Konjunkturaussichten zum Teil dramatisch eingetrübt haben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×