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10.05.2015

13:31 Uhr

Nirmala Sitharaman

„Indien kann sich um die ganze Welt kümmern“

VonNicole Bastian

Forschung und Entwicklung, Tourismus, Wellness, Yoga: Die indische Wirtschaftsministerin über die Wachstumsstrategie ihres Landes, Frauen in Top-Positionen und den Wettbewerb mit China.

Die Indische Politikerin, Ministerin für Handel und Industrie im Kabinett von Premierminister Modi, im Interview mit dem Handelsblatt. Christian Burkert für Handelsblatt

Nirmala Sitharaman

Die Indische Politikerin, Ministerin für Handel und Industrie im Kabinett von Premierminister Modi, im Interview mit dem Handelsblatt.

Der sanfte Händedruck sollte nicht darüber hinwegtäuschen: Die 55 Jahre alte Ökonomin Nirmala Sitharaman ist äußerst selbstbewusst - auch was Indiens Stellung in der Welt angeht.

Frau Sitharaman, Indien will seinen Industriesektor stärken. Hat die Strategie nicht funktioniert, gleich vom Agrar- auf den Servicesektor zu springen?
Indien hat sich der Welt durch die Liberalisierung 1991 geöffnet. Seither wuchs der Dienstleistungssektor rasant mit wenig Unterstützung der Regierung, vor allem bei IT- und IT-gestützten Dienstleistungen. Zehn, fünfzehn Jahre später machten Dienstleistungen 50 Prozent unserer Wirtschaftsleistung aus. Im verarbeitenden Sektor hingegen sanken Produktivität und der Beitrag zur Wirtschaftsleistung auf 13 bis 14 Prozent. Dieser Sektor kann sich enorm verbessern.

Also voller Fokus darauf?
Wir wollen auch Dienstleistungen über die IT hinaus stärken. Forschung und Entwicklung, Tourismus, Wellness, Yoga. Aber der verarbeitende Sektor braucht unsere volle Unterstützung, um die Arbeitskräfte aus der für Indien immer noch wichtigen Landwirtschaft aufzufangen und die Rohstoffe aus dem Agrarsektor oder Bergbau zu verarbeiten. Dann kann er seinen Anteil an der Wirtschaft 2022 auf 25 Prozent steigern.

Indien in Zahlen

Bruttoinlandsprodukt

1,877 Milliarden US-Dollar: Indien gehört neben Russland und China zu den drei größten und am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2013/2014 laut Auswärtigem Amt bei 1.229 US-Dollar.

Wirtschaftswachstum

6,8 Prozent im Jahr 2014: Die Wirtschaft ist weitgehend liberalisiert und das Wachstum seit Jahren auf recht hohem Niveau. Der Export stieg im Jahr 2012 um 20 Prozent.

Handelsvolumen mit Deutschland

16.1 Milliarden Euro: Die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner Indiens innerhalb der EU. Der deutsche Handelsüberschuss lag 2012/13 bei 3,4 Milliarden Euro. Der Warenwert der Exporte nach Deutschland lag bei gut 9 Milliarden.

Kredite

1 Milliarde Euro Kredit kamen im Jahr 2013 allein aus Deutschland. Vorgesehen sind sie für Investitionen in erneuerbare Energien und andere nachhaltige Projekte der Energieeffizienz.

Migration

3.000 zu 45.000: Laut Auswärtigem Amt sind ca. 3.000 Deutsche in Indien ansässig, arbeiten in der Wirtschaft, im Bildungswesen, in Kultur und Missionen. Deutlich mehr Inder zieht es nach Deutschland; rund 45.000 leben in der BRD.

Einwohner

1,2 Milliarden: Die Gesellschaft höchst gegensätzlich: fortschrittsorientiert und traditionell, arm und reich.

Armut

820 Millionen in Armut: Davon gelten laut Weltbank fast 35 Prozent als absolut arm. Armuts- und Wirtschaftswachstum scheinen in Indien Hand in Hand zu gehen. In keinem anderen Land leben mehr Menschen in absoluter Armut, es sind mehr als in ganz Afrika. Sozialprogramme der Regierung greifen nur bedingt.

Landesfläche

3.287.000 Quadratkilometer: Das entspricht gut neunmal der Fläche Deutschlands.

Indiens Wachstumsmodell unterscheidet sich von dem anderer Staaten in Asien. Ist das komplizierter, weil sie keinen Vorreiter haben?
Bestimmt. Aber ich würde nicht sagen, dass das ein Problem für uns ist. Ich glaube sogar, es ist besser, dass wir kein Vorbild haben, denn Indien hat besondere Herausforderungen. Wir sind eine sehr alte Wirtschaft mit einer enorm jungen Bevölkerung - über 60 Prozent sind unter 35 Jahre alt. Die jungen Leute sind gut ausgebildet und brauchen Jobs, die ihrer Qualifikation entsprechen. Wir brauchen ein Wachstumsmodell, das zu uns passt, bei dem die Wirtschaft autark bleibt und die Landwirtschaft die Bevölkerung weiter ohne Importe ernähren kann. Auch der Agrarsektor kann profitabel gestaltet werden.

Sie werben mit einer großen Kampagne für Direktinvestitionen in Indien. Wächst der Wettbewerb mit China und Südostasien?
China hat verstanden, dass Indien in gewisser Hinsicht weit überlegen ist, etwa was die Qualität angeht. Die FDA, die Zulassungsbehörde für Arzneimittel in den USA, zertifiziert mehr Pharmaprodukte aus Indien. Und fragen sie irgendeinen deutschen Autobauer: Sie ziehen Teile aus Indien vor, weil die Qualität vergleichbar ist. Ebenso bei Textilien. Natürlich hat China noch einen Wettbewerbsvorteil in der Massenproduktion. Aber ich weiß nicht, wie nachhaltig dieser ist, denn die Arbeit wird teuer in China, der Anteil der jungen Bevölkerung schrumpft. Chinesische Unternehmen selbst überlegen, ihre Produktionsbasen woandershin zu verlagern.

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