Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.12.2015

20:04 Uhr

Saudi-Arabien

Die Höhenflüge sind vorbei

VonPierre Heumann, Mathias Brüggmann

Der Einbruch des Ölpreises hat die einstigen Wachstumsstars am Golf in die Krise gestürzt. Die Staaten müssen das Sparen lernen und ihre Bevölkerung auf neue Zeiten einstellen.

Der Preis für Öl fällt - doch was steckt dahinter? Getty Images

Der Preis für Öl fällt - doch was steckt dahinter?

Berlin, Tel Aviv, DohaDer Hamad International Airport ist ein Zeichen für die Investitionskraft am Golf. 15 Milliarden Dollar teuer wurde er im vergangenen Jahr in Doha eröffnet. Doch bei den sintflutartigen Regenfällen Ende November regnete es durch das Dach. Ganze Kreuzungen wurden zudem geflutet. Seither hat Katar Architekten, Leitern von Baufirmen und Chefingenieuren das Verlassen des Landes verboten, bis aufgeklärt ist, wie es dazu kommen konnte.

In Saudi-Arabien dürfen die Chefs der Saudi Binladin Group, des wohl größten Baukonzerns am Golf, auch nicht mehr ausreisen, weil zuvor ein Kran im Sandsturm in die Große Moschee von Mekka gestürzt war und mindestens 107 Pilger unter sich begrub. Saudi Binladin darf seither keine neuen Aufträge mehr annehmen und hat angekündigt, 15.000 seiner 200.000 Arbeiter zu entlassen.

Die Verlierer der Weltwirtschaft

Großbritannien

2014: 2,435 ; 2030: 3,586 ; 2050: 5,744 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Zwar wird Großbritannien auch 2030 noch im Ranking der Top-Volkswirtschaften mit Platz zehn in der Top Ten sein. Doch 2050 sieht das anders aus: Rang elf.

Italien

2014: 2,066 ; 2030: 2,591 ; 2050: 3,617 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Italien wird in 35 Jahren auf Rang 18 zurückfallen. Die Prognose zeigt deutlich, dass Europa im weltweiten Vergleich weiter an wirtschaftlichem Gewicht verliert.

Frankreich

2014: 2,587; 2030: 3,418; 2050: 5,207 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Frankreich kommt schafft es bereits 2030 auf Rang elf und rutscht bis 2050 auf Platz 13.

Russland

2014: 3,559 ; 2030: 4,854 ; 2050: 7,575 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Russland wird bis 2050 auf Platz acht verdrängt.

Deutschland

2014: 3,621 ; 2030: 4,590 ; 2050: 6,338 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Drei europäische Staaten gehören derzeit zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt: Deutschland, Frankreich und Großbritannien. 2050 wird nur noch die Bundesrepublik in den Top Ten der wirtschaftlich leistungsfähigsten Staaten vertreten sein. Deutschland wird bereits 2030 auf Rang acht zurückfallen.

Japan

2014: 4,788 ; 2030: 6,006 ; 2050: 7,914 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Während Japan auch 2030 den vierten Platz verteidigt, wird das Land bis 2050 drei Ränge abrutschen und auf Rang sieben landen.

USA

2014: 17,416 ; 2030: 25,451 ; 2050: 41,384 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Auch wenn die USA 2020 den zweiten Platz noch verteidigen können, werden sie 2050 von Indien auf Platz drei verdrängt. Dann wird drittstärkste Volkswirtschaft USA fast zweieinhalbmal so groß sein wie Indonesien (2050: Rang vier).

Den Bauriesen belastet vor allem, dass der Ölpreis von 115 Dollar für ein Fass Rohöl im Juni 2014 um 60 Prozent gefallen ist. Saudi-Arabien wird nach Jahren der Überschüsse erstmals in diesem Jahr ein massives Haushaltsdefizit haben - der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit 100 Milliarden Dollar oder 21,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Land ist nach wie vor reich und bisher kaum verschuldet. Aber die Schulden könnten von 6,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr auf schon mehr als 17 Prozent im kommenden steigen. Ohne Sparen werde Saudi-Arabien in weniger als fünf Jahren nicht mehr liquide sein, warnt der IWF. Erste Infrastrukturprojekte werden auf Eis gelegt oder verschoben.

Das Königreich laviert an mehreren Fronten: Allein für 70 Milliarden Dollar hat die saudische Notenbank, die zugleich der Staatsfonds ist, in den vergangenen Monaten europäische Aktien abgestoßen. Mit dem Geld stopft sie Haushaltslöcher. Die Devisenreserven schrumpfen aus dem gleichen Grund von mehr als 730 auf unter 650 Milliarden Dollar. Die Privatisierung von Flughäfen soll kommendes Jahr neues Geld in die Kassen spülen. Erstmals seit 2007 gibt Riad Schuldverschreibenungen auf dem Heimatmarkt aus und will nun auch international über die Ausgabe von Anleihen Milliarden leihen.

Die Wachstums- und Haushaltsprobleme in der einstigen Boomregion stellten in Saudi-Arabien auch die Finanzierung des sogenannten social contracts infrage, sagt Strategieexperte Jean-Marc Rickli vom King's College, der derzeit in Katar am Joint Command and Staff College unterrichtet. Wenn das Königshaus die Bevölkerung nicht mehr mit Geschenken verwöhnen kann, werde die Bevölkerung das Vertrauen in seinen Herrscher verlieren. Nie seit 1926, der Gründung des Königreichs, sei die Stabilität Saudi-Arabiens stärker gefährdet gewesen, meint Rickli.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×