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11.10.2015

11:36 Uhr

Südamerika

Der ausgebremste Kontinent

VonAlexander Busch

Südamerika erlebt eine politische und wirtschaftliche Krise. Es wäre jedoch ein Fehler, den Kontinent abzuschreiben. Es gibt weiterhin Regionen, die Investoren anziehen. Auch für deutsche Konzerne ergeben sich Chancen.

Noch bis vor einem Jahr konsumierten die Südamerikaner, als gäbe es keine Krise. Photolibrary/Getty Images

Perus Hauptstadt Lima

Noch bis vor einem Jahr konsumierten die Südamerikaner, als gäbe es keine Krise.

São PauloDie Begeisterung in Peru war riesig, als der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank ankündigten, dass sie ihr Jahrestreffen 2015 in der peruanischen Hauptstadt Lima abhalten werden. Denn es ist schon fast 50 Jahre her, dass das letzte Treffen der beiden Institutionen in Südamerika stattfand. IWF und Weltbank würdigten mit der Wahl ihres Austragungsorts Peru als einen der weltweiten Wachstumssieger der vergangenen 15 Jahre. Allgemein hatte Südamerika die Weltwirtschaftskrise 2009 erstaunlich unbeschadet überwunden.

Die Probleme der Schwellenländer

Brasilien

Präsidentin Dilma Rousseff genießt nur noch acht Prozent Zustimmung, vor allem wegen eines Korruptionsskandals. Der Autoabsatz ist im ersten Halbjahr um rund 20 Prozent eingebrochen. Die deutschen Autobauer müssen ihre Produktion spürbar drosseln. Die Inflation kletterte im Juli auf satte 9,56 Prozent – der Konsum bricht ein. Hinzu kommen externe Faktoren wie der schwache Ölpreis und die teils marode Infrastruktur.

Russland

Die Wirtschaft Russlands ist von April bis Juni um fast fünf Prozent geschrumpft. Die Talfahrt der Ölpreise macht dem von Rohstoffen abhängigen Land schwer zu schaffen. Hinzu kommen westliche Sanktionen und ein schwacher Rubel. Die Inflation beträgt aktuell mehr als 15 Prozent.

Indien

Laut eigenen Angaben ist die Wirtschaft Indiens aktuell um 7,3 Prozent gewachsen. Das überaus gute Ergebnis beruht allerdings auf einem Berechnungstrick der Regierung. Wichtige Sektoren wie die industrielle Produktion entwickeln sich weiter schwach. Die Infrastruktur ist völlig unzureichend, die Bürokratie enorm. Andererseits profitiert das Öl- und Gas-Importland von den niedrigen Rohstoffpreisen.

China

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde kämpft mit einer unerwartet schlechten Konjunktur, hohen Schuldenbergen, dem Platzen einer Aktienblase und schwachen Außenhandelszahlen. Die Zeiten des Turbo-Wachstums sind nach Meinung von Experten vorbei. Aktuell ist es so niedrig wie seit 1990 nicht mehr. Die überraschende Abwertung der Währung ließ ebenfalls Sorgen aufkommen, dass es um die Wirtschaft schlecht bestellt sei.

Südafrika

Präsident Jacob Zuma konnte bisher kein Skandal erschüttern. Die Wirtschaft in dem Land mit gut 50 Millionen Einwohnern schwächelt jedoch. Landesweite Stromausfälle würgen das geringe Wachstum ab und verhindern Neuinvestitionen. 2014 wuchs die Wirtschaft noch um 1,5 Prozent, was viel zu langsam ist. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 25 Prozent, bei Jugendlichen bei rund 35 Prozent. Der südafrikanische Rand hat stark an Wert verloren.

Doch bei dem Treffen, das am Freitag begann, wird von der Euphorie wenig übrig sein: Ganz Südamerika erlebt eine wirtschaftliche und politische Krise – nicht nur linkspopulistisch regierte Länder wie Argentinien und Venezuela. Sie leiden schon länger unter dirigistischen Regierungen und Stagflation. Doch inzwischen folgt ihnen auch Brasilien: Die Wirtschaft des Amazonaslandes wird dieses Jahr um fast drei Prozent schrumpfen. Das belastet die ganze Region, denn Brasilien steht für fast die Hälfte der Wirtschaftskraft des Kontinents und ist ein wichtiger Markt für die Nachbarländer.

Das spüren auch die sonst stabilen Andenländer Chile, Peru und Kolumbien: Zwar wachsen sie dieses Jahr laut IWF jeweils um bis zu 2,5 Prozent – nur noch knapp die Hälfte gegenüber 2013. Die Aussichten auf eine baldige Besserung sind gering: „Die Konjunktur in Südamerika wird sich noch stärker abschwächen und auch für 2016 ist eine Erholung nicht garantiert“, sagt Alejandro Werner, beim IWF zuständig für Lateinamerika und die USA. Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet gar damit, dass Lateinamerikas Wirtschaft dieses Jahr stagniert und 2016 nur um 0,3 Prozent wachsen wird.

Die Gründe sind schnell aufgezählt: Für die rohstoffreichen Exportländer ist vor allem China ein wichtiger Markt für ihre Produkte – doch dort schwächelt die Konjunktur. Deshalb exportiert Lateinamerika weniger Kupfer, Öl und Soja nach Fernost – und zu deutlich niedrigeren Preisen. Die Regierungen können ihre Budgets nicht mehr mit sprudelnden Exportdollars ausgleichen. Ihre Haushaltsdefizite verdoppelten sich auf 5,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Mit Direktinvestitionen ausländischer Konzerne sowie Krediten aus dem Ausland finanzieren sie bisher ihre Defizite.

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