Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.03.2016

11:30 Uhr

Volkskongress

Chinas Kraftakt

VonStephan Scheuer

Weniger Überproduktion, mehr Konsum: Die zweitgrößte Volkswirtschaft baut ihr Wachstumsmodell um. Auf dem Volkskongress stellt die Staatsführung ihren Masterplan vor. Ein Überblick über die größten Baustellen.

Auf dem am Samstag beginnenden Volkskongress in Peking sollen Lösungen für die wirtschaftliche Probleme Chinas präsentiert werden. AFP; Files; Francois Guillot

Hohe Erwartungen

Auf dem am Samstag beginnenden Volkskongress in Peking sollen Lösungen für die wirtschaftliche Probleme Chinas präsentiert werden.

PekingChinas Ministerpräsident Li Keqiang stimmt die Volksrepublik zum Auftakt des Volkskongresses auf schwere Zeiten ein. „Der Abwärtsdruck nimmt zu“, sagt er. Dafür formuliert er ein Reformprogramm, das die drängendsten Probleme angehen soll.

Wachstumsziel

China soll schnell wachsen, allerdings langsamer als bisher. Für dieses Jahr gibt Regierungschef Li Keqiang einen Wachstumskorridor von 6,5 Prozent bis sieben Prozent vor. Im vergangenen Jahr hatte er noch „etwa sieben Prozent“ als Marke ausgegeben. Letztlich fiel das Wachstum 2015 mit einem Plus von 6,9 Prozent zwar so langsam wie seit 25 Jahren nicht mehr aus – allerdings ist die chinesische Volkswirtschaft heute jedoch viel größer als vor 25 Jahren. Im vergangenen Jahr war Chinas Bruttosozialprodukt größer als das von Deutschland, Japan und Großbritannien zusammengenommen.

Volkskongress tagt in Peking: Chinas Führung senkt Wachstumsprognose

Volkskongress tagt in Peking

Chinas Führung senkt Wachstumsprognose

In Peking herrscht Ausnahezustand zum Volkskongress. Die Staatsführung stellt ihr Reformprogramm vor. Das Wirtschaftswachstum soll 2016 mindesten 6,5 Prozent betragen.

Fünf-Jahresplan

Im neuen Reformplan definiert Peking die Leitlinien für die Wirtschaft und Gesellschaft bis zum Jahr 2020. Dazu gehört die Verdopplung des Bruttosozialprodukts pro Kopf im Verhältnis zum Jahr 2010. 6,5 Prozent ist dazu als jährliches Mindestwachstum für die Wirtschaft nötig. Innovation und grünes Wachstum sollen gestärkt werden. Zudem sollen in fünf Jahren 60 Prozent der Bevölkerung in den Städten leben. Peking erhofft sich davon einen besseren Lebensstandard für die Bürger und steigende Konsumausgaben. Aber auch auf dem Land soll sich das Leben verbessern und im Jahr 2020 kein Chinese mehr in Armut leben müssen.

Wo der Kommunismus noch lebt

Kommunistische Regime der Gegenwart

Vor dem Fall der Sowjetunion gab es zahlreiche Länder mit kommunistischen Regierungen. 2016 verbleiben noch vier, oder - je nach Lesart des nordkoreanischen Regimes - fünf.

Quelle: dpa

China

Mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichstes Land der Welt. Es hat den Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt seiner Abkehr vom kommunistischen Wirtschaftsmodell zu verdanken. Seit den 1980er Jahren verfolgt China eine Politik der Reformen und der Öffnung. Die sozialistische Marktwirtschaft funktioniert nach kapitalistischen Methoden. Die kommunistische Ideologie wird gepflegt, dient aber nur dem Erhalt der Diktatur der Kommunistischen Partei.

Vietnam

Nachbarland Chinas, etwa so groß wie Deutschland ohne Hessen, mit mehr als 3000 Kilometern Küste am Südchinesischen Meer. Rund 94 Millionen Einwohner. Ho Chi Minh gründete die Kommunistische Partei in den 1930er Jahren im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich. Nach der Niederlage Frankreichs besiegten die Kommunisten auch das US-gestützte Regime in Südvietnam. Seit 1975 regieren sie das vereinigte Land. Seit 1986 gibt es marktwirtschaftliche Reformen.

Kuba

Gut elf Millionen Einwohner, etwa so groß wie einst die DDR. Nach der Revolution von 1959 wandte es sich Anfang der 1960er Jahre zum Kommunismus und suchte bei der Sowjetunion Schutz vor dem kapitalistischen Nachbarn USA, der zuvor großen Einfluss auf der Insel hatte. Bis 2006 regierte Revolutionsführer Fidel Castro (89). Unter Fidels jüngerem Bruder Raúl (84) versucht Kuba seit einigen Jahren mit zaghaften markwirtschaftlichen Reformen, die marode Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Laos

Armes Nachbarland Vietnams ohne Küstenzugang, etwas kleiner als die Bundesrepublik ohne die neuen Bundesländer. Knapp sieben Millionen Einwohner. Laos war Teil des französischen Kolonialgebiets Indochina. Im Vietnamkrieg wurde es zum meist bombardierten Land der Welt. US-Bomber legten weite Teile in Schutt und Asche, weil vietnamesische Kommunisten sich im Grenzgebiet versteckten. Bis heute sind die Böden verseucht. Nach dem Ende des Vietnamkriegs marschierte Vietnam ein und installierte 1975 die kommunistische Regierung.

Nordkorea

Nachbarland Chinas, etwa ein Drittel so groß wie Deutschland, 24 Millionen Einwohner. Die UN werfen der Diktatur gröbste Menschenrechtsverletzungen vor. Nordkorea hat zwar 2009 alle Bezüge zum Kommunismus aus seiner Verfassung gestrichen. Aber die Arbeiterpartei wurde 1945 als Zweig der ehemaligen Kommunistischen Partei gegründet. An der Spitze von Staat, Partei und Armee steht der Machthaber Kim Jong Un; er „erbte“ die Machtposition von seinem Vater. Bereits sein Großvater Kim Il Sung war mit Hilfe Moskaus an die Spitze der Partei gelangt und wird als Staatsgründer verehrt.

Überkapazitäten

Chinas Probleme mit seinem aufgeblasenen Stahlsektor haben Europa erreicht. Industriegruppen sehen viele Jobs in Gefahr. Aber schon aus reinem Selbstzweck will Peking die Probleme mit Überkapazitäten angehen. Li Keqiang geißelt zum Auftakt des Volkskongresses die „Zombie-Firmen“, also Betriebe, die nichts oder nur an der Nachfrage vorbei produzieren, und nur dank staatlicher Kredite oder Subventionen überleben. Sie sollen reorganisiert oder abgewickelt werden, fordert Li.

Massenentlassungen

Regierungschef Li spricht es zwar nicht direkt an, aber die Abwicklung von vielen Firmen dürfte Hunderttausende wenn nicht Millionen von Arbeitern ihre Jobs kosten. Sozialminister Yin Weinmin hatte kurz zuvor bereits von etwa 1,8 Millionen Arbeitsplätzen in der Kohle- und Stahlindustrie gesprochen, die wegfallen dürften. Andere Schätzungen gehen von wesentlich höheren Zahlen aus. Li Keqiang stellt jedoch einen 100 Milliarden Renminbi (14 Milliarden Euro) schweren Fonds in Aussicht, der zur Umschulung und Umsiedlung von entlassenen Arbeitnehmern eingesetzt werden soll. Gerade im von der Schwerindustrie dominierten Nordosten könnten viele Jobs wegfallen. Peking könnte die Menschen dann in wirtschaftliche stärkere Regionen an der Ostküste umsiedeln wollen.

Zahlen und Fakten zu China

Bevölkerung

China ist mit 1,37 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde.

Fläche

Auf einer Fläche von rund 9,5 Millionen Quadratkilometern ist China in 22 Provinzen und fünf Autonome Regionen gegliedert.

Sonderverwaltungszonen

Dazu kommen die beiden Sonderverwaltungsregionen Hongkong und Macau.

Hauptstadt

Die Hauptstadt des Reichs der Mitte ist Peking. Dort allein leben mehr als 20 Millionen Menschen – und das sind nur die offiziellen Zahlen.

Han und Minderheiten

Die große Mehrheit der Bevölkerung sind Han-Chinesen (91,6 Prozent), dazu kommen 55 Minderheiten.

Religion

Rund ein Fünftel der Bevölkerung hängt Volksreligionen an, dazu kommen sechs Prozent Buddhisten und 2,4 Prozent Muslime.

Stadt und Land

Mit 749 Millionen Menschen lebt die Mehrheit der Bürger (55 Prozent) in Städten.

Konjunkturpakete

Zwar betont Li Keqiang mehrfach, dass Strukturreformen im Mittelpunkt seiner Anstrengungen stehen. Gleichzeitig stellt er jedoch eine Reihe von Förderprogrammen in Aussicht, die das Wachstum stützen könnten. 800 Milliarden Renminbi (110 Milliarden Euro) sollen im kommenden Jahr für den Eisenbahnbau ausgegeben werde. Für den Straßenbau stehen 1,65 Billionen Renminbi (230 Milliarden Euro) bereit. Zudem soll die Staatsverschuldung auf drei Prozent steigen (Vorjahr 2,3 Prozent Defizit), damit Unternehmen mit Steuererleichterungen um weitere 500 Milliarden Renminbi (70 Milliarden Euro) entlastet werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×