Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.09.2015

16:17 Uhr

Vorsitzender der Afrika-Initiative im Interview

Warum deutsche Unternehmen sich in Afrika engagieren sollten

VonKlaus Stratmann

Sechs der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegen in Afrika – Grund genug, dort zu investieren, findet Heinz-Walter Große. Im Interview erklärt der SAFRI-Vorsitzende, warum dafür kein Mut nötig ist.

Heinz-Walter Große empfiehlt Unternehmen ein Engagement in Afrika. dpa

Vielversprechender Markt

Heinz-Walter Große empfiehlt Unternehmen ein Engagement in Afrika.

Heinz-Walter Große ist davon überzeugt, dass die deutsche Wirtschaft sich stärker in Afrika engagieren sollte. Große, im Hauptberuf Chef des Medizintechnikkonzerns B. Braun, ist Vorsitzender der Subsahara-Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI), die am Montag und Dienstag zum „German-African Business Summit“ nach Berlin einlädt. Der SAFRI-Vorsitzende hat ein schlagendes Argument, das für ein Engagement in Afrika spricht, auf seiner Seite: Sechs der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften befinden sich auf dem afrikanischen Kontinent. Im Gespräch mit dem „Handelsblatt“ erklärt Große, wie die Deutschen die Chancen in Afrika nutzen können.

Verschläft die deutsche Wirtschaft ihre Chancen in Afrika?
Sechs der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften befinden sich auf dem afrikanischen Kontinent. Das Wirtschaftswachstum liegt im Durchschnitt bei 5 Prozent. Die Bevölkerung ist jung und dynamisch und wird sich bis 2050 auf zwei Milliarden verdoppeln. Tatsächlich aber gehen nur zwei Prozent des Gesamtvolumens deutscher Exporte dorthin. Das gilt in dieser Relation in etwa auch für B. Braun, das Unternehmen, für das ich arbeite. 100 Millionen Euro unseres Umsatzes von sechs Milliarden Euro erzielen wir in dieser Region der Welt. Und dabei ist dieser Umsatz auch noch sehr ungleichmäßig verteilt. Er wird zum überwiegenden Teil in Südafrika gemacht. Das ist bei den meisten deutschen Unternehmen ähnlich.

Südafrika – Land der Gegensätze

Die Regenbogennation...

... wird Südafrika genannt, weil das Land mit seinen gut 50 Millionen Einwohnern ethnisch sehr gemischt ist. Das führt und führte immer wieder zu Konflikten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa zwischen der nichteuropäischen Mehrheitsbevölkerung und den europäischstämmigen, meist weißen Einwanderern.

Der Wirtschaftsmotor...

... des gesamten afrikanischen Kontinents ist Südafrika. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 400 Milliarden US-Dollar ist das Land die größte Volkswirtschaft Afrikas und gehört der G8+5 an. Die Staatsverschuldung lag 2012 bei 43,3 Prozent des BIP – also vergleichsweise niedrig, die Inflationsrate betrug fünf bis sechs Prozent.

Die Kehrseite der Medaille...

... sind noch immer massive Unterschiede beim Wohlstand. Der Gini-Koeffizient als Maß für das Ungleichgewicht bei Einkommen und Konsum gehören jeweils zu den höchsten weltweit. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über 20 Prozent. Noch immer sind Schwarze, wenn auch nicht mehr rechtlich, benachteiligt. Die Armutsquote steigt. Viele Fachkräfte, insbesondere Ärzte und Ingenieure, wandern aus.

Die Apartheid...

... hat die Nation an der Südspitze Afrikas massiv geprägt. Eingeführt wurde sie nach ihrem Wahlsieg 1948 von der National Party, der Partei der meist niederländischstämmigen Buren. Die massive Diskriminierung, Benachteiligung und Herabwürdigung der schwarzen Bevökerung existierte bis 1990. Nach mehr als 40 Jahren meist friedlichem Kampf der benachteiligten Bevölkerungsmehrheit unter politischen Führern wie Nelson Mandela brach das System schließlich zusammen.

Das Ende des autoritär geführten Systems...

... mündete 1994 in die ersten Parlamentswahlen mit einem gleichen Wahlrecht für alle Bürger und veränderten das politische Leben im Land grundlegend. Nelson Mandela wurde am 27. April 1994 zum zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Er starb 2013.

Die Weißen...

... machen nur knapp neun Prozent der Bevölkerung aus, die hauptsächlich sind es Nachfahren niederländischer, deutscher, französischer und britischer Einwanderer sind, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts nach Südafrika immigrierten. Die Zahl der europäischstämmigen Bevölkerung nimmt sinkt kontinuierlich. Fast eine Million Weiße haben seit den 90er-Jahren haben das Land verlassen.

Die Schwarzen...

... stellen knapp 80 Prozent der gesamten Bevölkerung und teilen sich in verschiedene Volksgruppen auf, etwa die Zulu, Xhosa, Basotho, Venda, Tswana, Tsonga, Swazi und Ndebele.

Knapp neun Prozent...

... machen die sogenannten Coloureds (Farbige) aus. Sie sind meist die Nachkommen der ersten europäischen Siedler, deren Sklaven und der ursprünglich in Südafrika lebenden Völker, zu einem kleineren Teil auch von eingewanderten Asiaten.

Asiaten...

... machen 2,5 Prozent der Bevölkerung aus. Der Großteil kommt ursprünglich aus Indien und ist Mitte des 19. Jahrhunderts ins Land geholt worden, um auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten.

Was muss sich ändern?
Negativmeldungen über einzelne Regionen beeinflussen oft das Bild des gesamten Kontinents. Afrika ist groß. Allein Subsahara-Afrika besteht aus 49 Ländern, mit individuellen Potenzialen und Rahmenbedingungen. Erfolgsmeldungen müssen gegenüber der Öffentlichkeit und innerhalb der Wirtschaft besser verbreitet und kommuniziert werden. Die Potenziale und Chancen, die der Kontinent bietet, werden auch im Mittelpunkt des 1. German-African Business Summit der SAFRI stehen. Wir dürfen Afrika nicht nur als Absatzmarkt begreifen. Es muss darum gehen, Arbeitsplätze zu schaffen und auch vor Ort zu produzieren, und zwar für den afrikanischen Bedarf und im Idealfall auch für den Export in andere Weltregionen. Wir müssen da als Unternehmen offener für neue Chancen sein.

Wie soll das gehen?
Viele Länder in Afrika haben bereits begonnen, sich um Diversifizierung ihrer Wirtschaft zu bemühen, um mehr Wertschöpfung im Land zu erzielen und Arbeitsplätze zu schaffen. Diese Entwicklung unterstützen deutsche Unternehmen mit ihrer Expertise: So liefern sie beispielsweise Maschinen für die Produktion, sind am Ausbau der Energieinfrastruktur beteiligt, bilden an ihren Standorten im Ausland Fachkräfte aus und so weiter. Ein guter Ansatz liegt in der Ausbildung. Wir müssen unsere Mitarbeiter vor Ort in Afrika so schulen, wie wir es in Deutschland auch tun. Wir müssen sie zu Facharbeitern machen und ihnen auch eine universitäre Ausbildung anbieten. Das ist die Basis für die Fortentwicklung afrikanischer Volkswirtschaften. Von solchen Kooperationen profitieren beide Seiten. Und genau solche nachhaltigen Win-Win-Situationen wollen wir als SAFRI fördern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×