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20.06.2014

11:53 Uhr

Weltmarktführer aus Heiligenhaus

Kiekert und der Knarziator

VonAnja Müller

Der Spezialist für Autotürschlösser in Heiligenhaus bei Essen hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Heute gehört das Unternehmen den Chinesen und will doch ein deutscher Champion bleiben.

Das ein Autotürschloss satt und hochwertig klingt, ist kein Zufall. Im speziell entwickelten und gefertigten Testständen werden die Prototypen extremen Tests unterzogen. Kiekert AG

Das ein Autotürschloss satt und hochwertig klingt, ist kein Zufall. Im speziell entwickelten und gefertigten Testständen werden die Prototypen extremen Tests unterzogen.

DüsseldorfThorsten Bendel streicht zärtlich über die schwarz lackierte Autotür. Ein Griff ist nur angedeutet. Den braucht der Leiter der Produktentwicklung für Europa beim Autotürschloss-Hersteller Kiekert auch nicht, denn das Schloss weiß auch so, dass die Beifahrertür sich jetzt öffnen soll.

Dass das Geräusch satt und hochwertig klingt, ist kein Zufall. Ebenso wenig, dass die Tür, nachdem Bendel sie wieder leicht geschlossen hat, sich fest ansaugt und nun wirklich wieder fest geschlossen ist.

Ein Feature für Technikverliebte? Nein, in Heiligenhaus arbeiten bodenständige Entwickler, die sich in China genauso zurechtfinden wie in Amerika und in Europa, aber auch noch wissen, was Autofahrern das Leben leichter macht. So denkt das Kiekert-Testfahrzeug für die Fahrer mit. Zum Beispiel, wenn sie gerade mit großem Grill oder langen Holzlatten aus dem Baumarkt kommen. Dann klappt es mit einem Knopfdruck die einzelnen Rückbänke automatisch um.

Die Chronik des Hidden Champions Kiekert

1857

Arnold Kiekert gründet die Schloss- und Beschlagfabrik in Heiligenhaus - damals als Arnold Kiekert und Söhne (AKS).

1976

Der Zulieferer für Kfz-Schlösser Tack & Gabel (TAGA) aus Wuppertal übernimmt das Unternehmen.

1987

Als das Unternehmen zum Verkauf steht, übernimmt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Horst Werner Sterzenbach, mit seiner Vermögensverwaltungsgesellschaft Kiekert.

1995

Die Kiekert AG geht an die Börse, nachdem im Jahr zuvor die verschiedenen Firmenteile zur Kiekert AG verschmolzen worden sind. TAGA wurde vorher verkauft.

1998

Bei Ford stehen die Bänder still. Kiekert kann nicht liefern. Ein Blitzschlag sei schuld, sagt Kiekert. Doch die Branche kritisiert Firmenchef Sterzenbach. Er habe seine Marktmacht gegenüber den Herstellern ausspielen wollen.

2000

Der britische Finanzinvestor Permira erwirbt Kiekert für 530 Millionen Euro.

2006

Zwei Londoner Hedgefonds, Bluebay Asset Management und Silver Point, sowie die US-Investmentbank Morgan Stanley übernehmen den Schloss-Spezialisten. Vorbesitzer Permira hatte sich bei der Kiekert-Übernahme verkalkuliert: Die Firma verdiente zu wenig, um die Zinsen für die hohen Kredite zu erwirtschaften. Sie waren Kiekert von Permira nach der Übernahme übertragen worden.

2007

Karl Krause übernimmt die Geschäftsführung. Der ehemalige Visteon-Manager stellt Kiekert global auf und kann drei Jahre später wieder Gewinne präsentieren.

2012

Der börsennotierte chinesische Autozulieferer He Bei Lingyun erwirbt das komplette Aktienpaket.

Kiekert-Schlösser stecken in jedem fünften Pkw weltweit. Und seit der neue Eigentümer Lingyun nun selbst aus China kommt, setzen auch immer mehr Fahrzeughersteller im Reich der Mitte auf Schlösser, die im Bergischen Land entwickelt wurden. Fast 1.000 Mitarbeiter arbeiten in Heiligenhaus, rund die Hälfte in der Produktion. Das größte Werk von Kiekert steht allerdings in Tschechien, das kleinste wird gerade in Russland eröffnet.

Insgesamt arbeiten 5.000 Menschen an neun Standorten in sechs Produktionswerken, fünf Entwicklungszentren und Vertriebseinheiten rund um den Globus. Doch das liebevoll „Knarziator“ genannte Testgerät steht im beschaulichen Heiligenhaus. Es simuliert Fahrzeugbewegungen und nimmt den Körperschall auf.

Dort werden auch die anderen selbst entwickelten Testanlagen betrieben, die prüfen, ob Schlösser vor Staub und Wasser in allen Aggregatzuständen geschützt sind. Allein vier von 200 Ingenieuren dort kümmern sich um die Akustik. Wenn die Außengeräusche beim Fahren immer weniger werden - und dank der Elektromobilität künftig auch die Motorgeräusche - , müssen schließlich auch die Schlösser und Verriegelungen immer leiser werden.

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