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02.02.2015

14:50 Uhr

Motivationscoaching im Beruf

Jürgen Höller – das Auf und Ab eines Gurus

VonAnja Stehle

Die Nachfrage nach Motivationsseminaren boomt. Aber warum lassen sich Manager von Heilsbringern mit dubiosen Methoden trainieren? Eine Suche nach Antworten bei Jürgen Höller, Deutschlands umstrittenstem Motivationscoach.

Motivationscoach Jürgen Höller in Aktion im Congress Centrum Hamburg. Johannes Arlt für Handelsblatt

Motivationscoach Jürgen Höller in Aktion im Congress Centrum Hamburg.

HamburgDie Lautsprecher kennen kein Erbarmen. Schon seit Minuten dröhnt es: „I've got the Power.“ Auf einer großformatigen Leinwand gibt es dazu Diashow. Jürgen Höller - ein Leben in Bildern: dicke Autos, Strand und Sonne, zusammen mit den Klitschko-Brüdern und Magier-Duo Siegfried und Roy. Auch du kannst alles erreichen - wenn du nur willst, so lautet die Botschaft. Das kommt an. Die Menge flippt aus, obwohl der große Motivator leibhaftig noch nicht in Erscheinung getreten ist.

Endlich springt Höller auf die Bühne. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, rotes Einstecktuch - die Dienstkleidung des Erfolgsvorturners. Das Gesicht braun gebrannt, das Lachen breit, die Arme ausgestreckt, die Daumen zeigen nach oben. „Jaaaaa“, schreit Höller in den tobenden Saal hinein. „Wollt ihr wieder Begeisterung spüren? Wollt ihr wieder an euch glauben? Dann ruft euch zu: Ich bin ein Gewinner!“

Diese Coaching-Typen sollten Sie kennen

Der Business Coach

Sie oder er arbeiten zuvor in leitender Funktion in einem Unternehmen oder als Unternehmensberater. Dadurch entsteht eine Augenhöhe zwischen Klient und Coach. Der Business Coach kleidet sich wie seine Klientel, fährt gerne schwere Autos und logiert in besseren Hotels.

Der Diplom-Psychologe

Sie oder er hat Psychologie studiert, wollte aber weder in der Psychotherapie noch als externer Motivationstrainer in Unternehmen arbeiten. Durch eine ergänzende Coaching-Ausbildung kommt er in die Branche. Vor allem beim Coach mit BWL-Hintergrund steht der eher philosophisch angehauchte „Seelen-Coach“ in dem Ruf, nicht handlungsorientiert genug zu arbeiten. Gleichwohl wird er von den Klienten für seine Empathie geschätzt.

Der Psychotherapeut

Sie oder er war lange in der Therapie tätig, hat dann aber erkannt, dass man auch ohne größeren Aufwand als Coach arbeiten kann. Schließlich gibt es hier mehr zu verdienen.

Der abgewickelte Personaler

Sie oder er ist Anfang/Mitte 50 und hatte einen höheren Posten in der Personalabteilung eines Konzerns inne. Aus welchen Gründen auch immer gab es eine Trennung und nun nutzt er seine alten Kontakte als Coach. Der Rollenwechsel ist nicht immer leicht zu verkraften.

Der Firmeninterne

Unternehmen setzen immer häufiger auf interne Coaches, um ihre Kompetenzfelder auszubauen. Der firmeninterne Coach ist meistens eine Frau, die eine Zusatzausbildung absolviert hat.

Der Autodidakt

In der Regel gehört der Autodidakt zu den Coaches der ersten Generation, schließlich gab es in den 80er- und 90-Jahren kaum Möglichkeiten, sich überhaupt für Coaching ausbilden zu lassen. Sie sind inzwischen zumeist Einzelkämpfer.

Der Novize

Ausgestattet mit Zertifikaten aus zum Teil teuren Coaching-Ausbildungskursen, einem Gründerkredit und eigener Homepage, mangelt es Novizen häufig an Kontakten und Empfehlungen. Vor ihm liegt eine mehrjährige Ochsentour, auf der er sich bewähren muss.

Der Geistliche

Anselm Grün ist zweifellos der bekannteste Name: Benediktiner oder Jesuiten sind den weltlichen Themen beileibe nicht entrückt und haben ihre Coaching-Qualitäten längst bewiesen. Die Honorare erhalten meistens der Orden und die Kirche.

Der esoterisch-spirituelle Life-Coach

Der Sinnsucher, dem weder Hypnose noch Heilpädagogik fremd sind. Hier steht der ganzheitliche Ansatz im Vordergrund und nicht Karriereziele.

Der Grobe

Vergleichsweise selten, ein Produkt der Großstadt. Zu seinem Repertoire gehört vor allem die Provokation – Coaching muss eben weh tun. Dafür ist er in der Regel billig.

Die Diva / der Narziss

Der Coach gibt sich als beneidenswertes Vorbild – man hat es eben geschafft. Der Stil ist gut, der Blick gewinnend bis überheblich, die Kleidung teuer. So mancher lässt sich von diesem Auftreten sehr wohl beeinflussen.

Der Alleskönner

Einige Coaches haben sich spezialisiert, eine wenige treten allerdings so auf, als könnten sie alles leisten. Doch das geht oft schief, ist häufig doch eher Halbwissen vorhanden.

Der Abzocker

Ein Mensch von einnehmender Persönlichkeit. Konkrete Zielvereinbarungen sind sein Ding nicht. Der Abzocker erschleicht sich Vertrauen, ist ein Menschenfänger. Und enttäuscht nachher mit hoher Rechnung und geringem Nutzen.

Es kann so leicht sein, wenn man nur daran glaubt. Das tun viele: 1.500 Menschen sind zu Höllers „Power-Days“ in das Hamburger Congress Center gekommen, darunter ganze Führungsmannschaften, eine Gruppe von Selbstständigen im Vertrieb der Deutschen Vermögensberatung, der Autohausbesitzer, der Steuerberater, der Einzelkämpfer. Zwei Tage lang werden sie sich von den Höller'schen Imperativen beschallen lassen - angelockt von Versprechen, die sich auf Höllers Webseite finden. Er werde zeigen, wie man „wesentlich mehr verdient, mit weniger Aufwand“. „Mehr Selbstbewusstsein, ein stärkeres Auftreten, eine entwickelte Persönlichkeit“ - so lautet das in Aussicht gestellte Gesamtpaket.

Effizienzwahn im Büro: Warum Optimierung nicht optimal ist

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Warum Optimierung nicht optimal ist

Der Optimierungswahn hat Deutschland fest im Griff. Ständig erscheinen Bücher, die uns sagen, wie wir mehr Aufgaben in kürzerer Zeit schaffen. Effizienz kann sinnvoll sein – aber nicht grundlegend für die Karriere.

„Ich bin ein Gewinneeeer!“, Markus Schütz, 58, schreit es heraus. Er hat einen der besten Plätze gebucht, steht jetzt in der ersten Reihe und jubelt Höller zu. Schütz ist Geschäftsführer der Schweizer Firma Orcos Medical - ein mittelständischer Betrieb, der medizinische Geräte verkauft. Vor ihm liegt ein Workbook, fester Bestandteil der Seminarausstattung für alle Teilnehmer. Wenn Höller eine seiner Weisheiten verkündet, macht sich Schütz eine Notiz. Am Ende des ersten Vormittags hat er drei Sätze zusammen: „Auch du bist einmalig, einzigartig, großartig. Ich habe mehr Potenzial, als mir eingeredet wird. Sorge dich nicht, lebe!“

Markus Schütz ist ein Gewinner. Er kann verkaufen und weiß, wie man ein Unternehmen führt. Er hat Karriere gemacht und kennt ganz offenbar die Gesetzmäßigkeiten des Erfolgs. Wozu braucht so jemand Jürgen Höller?

Schütz bucht Höllers Seminare regelmäßig. Was es bringt? Nach dem letzten Besuch habe er eine Veränderung bei sich beobachtet, sagt Schütz. „Neue Impulse, die Dinge von außen betrachten“ - das will er gelernt haben.

Es geht immer besser, immer höher. Das gilt selbst für diejenigen, die sich schon ganz oben wähnen. Ein Selbstoptimierungswahn hat die Gesellschaft erfasst, den die Motivationsgurus bedienen. Und so das große Geld machen.

Kommentare (7)

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Herr Karsten Schiefelbein

02.02.2015, 15:12 Uhr

Wie drollig....

Herr peter gramm

02.02.2015, 16:00 Uhr

dies zeigt ja nur, welche pfeiffen in den führungsetagen sitzen, die derartiges nötig haben.

Frau Annette Bollmohr

02.02.2015, 16:04 Uhr

Ich find's nicht drollig, sondern traurig und vor allen Dingen furchtbar peinlich, wenn Menschen sich so zum Affen machen lassen (bloß weil "die anderen" es auch tun...)

Warum, um Himmels Willen, sitzen anscheinend so viele Menschen dem Irrtum auf, alle anderen wären schlauer als sie selbst (und lassen sich folglich von fast jedem alles erzählen)??!

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