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01.04.2003

08:40 Uhr

Neue Regeln erweisen sich als Bremse

Neue Aufsichtsräte sind nur noch schwer zu finden

Es gibt noch freie Stellen hier zu Lande – allerdings nicht in der Belegschaft, sondern im Aufsichtsrat. Nach britischem und amerikanischem Vorbild haben deutsche Konzerne die Auswahl ihrer Aufsichtsratsmitglieder verschärft. Konsequenz: Jetzt fehlen geeignete Bewerber. „Wir müssen davon ausgehen, dass in Zukunft immer weniger Leute dazu bereit sind, Aufsichtsratsmandate zu übernehmen – geschweige denn Mandate als Aufsichtsratsvorsitzender“, sagt Manfred Schneider, Chef des Bayer-Kontrollgremiums und zugleich Aufsichtsrat in Konzernen wie Metro, Daimler-Chrysler und Allianz.

Nach Gerhard Cromme wurde der neue Kodex benannt.

Nach Gerhard Cromme wurde der neue Kodex benannt.

zel/bef/ire/tel DÜSSELDORF. Verantwortlich ist der im vergangenen Jahr verabschiedete Deutsche Corporate Governance Kodex („Cromme-Kodex“), der nach den Bilanzskandalen in den USA und anderen Ländern für mehr Transparenz und Zuverlässigkeit in den Unternehmen sorgen soll. Die meisten deutschen Großkonzerne bekennen sich zu den Regeln.

Für Aufsichtsräte heißt das konkret, dass es keine Ämterhäufung mehr geben darf – maximal fünf Mandate pro Person sind heute zugelassen. Außerdem dürfen höchstens zwei Vorstände am Ende ihrer aktiven Amtszeit in den Aufsichtsrat desselben Unternehmens wechseln. Der „Cromme-Kodex“ verlangt zudem eine schärfere persönliche Haftung der Aufsichtsräte bei klaren Fehlentscheidungen.

Schneider sieht in der verschärften Haftung das größte Problem: „Es droht die Haftung mit dem gesamten Privatvermögen. Da muss man sich sehr genau überlegen, ob und vor allem in welchem Unternehmen man ein Aufsichtsratsmandat annimmt“. Nicht nur Bayer fürchtet, dass es nicht mehr genug Aufsichtsräte gibt. Auch andere Unternehmen wie Daimler-Chrysler und BMW klagen über einen Mangel an qualifizierten Kontrolleuren.

Das Problem ist längst auch im Mittelstand angekommen. Die Beiräte – für kleinere Firmen das Gegenstück zum Aufsichtsrat – seien häufig „recht einfallslos“ besetzt, bestätigt Albrecht Hertz-Eichenrode, Vorstandschef der Beteiligungsgesellschaft Hannover Finanz und damit verantwortlich für die Auswahl einer großen Zahl von Beiratsmitgliedern. Problematisch sei es, geeignete Persönlichkeiten zu finden, die einen mittelständischen Betrieb unternehmerisch voranbrächten. Zudem werde es schwieriger, Aufsichtsräte aus dem Ausland zu verpflichten.

Ein Pharma-Konzern versuchte vergeblich, zwei gute Kandidaten im europäischen Ausland für das Kontrollgremium zu gewinnen. „Sie lehnten ab – vor allem mit Blick auf die Bezahlung“, berichtet ein Aufsichtsratschef über ein weiteres Problem. Heinz Evers, Geschäftsführer der Kienbaum Vergütungsberatung, kennt die Schwierigkeit. Nach einer Kienbaum-Untersuchung bekommen deutsche Aufsichtsräte im Durchschnitt ganze 12 200 Euro als Aufwandsentschädigung. Damit habe das Mandat eher den Status eines Ehrenamtes, meint Evers. Kienbaum erfasste für die Studie fast 2 000 Kapitalgesellschaften. Weil sich jetzt die ersten Lücken in den Räten auftun, wächst unter Managern die Kritik am Kodex. „Da sind neue Spielregeln etabliert worden, ohne dass die Regeln in den Unternehmen ausdiskutiert worden wären“, bemängelt der frühere Mercedes-Vorstandschef Helmut Werner, heute Aufsichtsratschef von MG Technologies. Die Regelungen stammten aus den USA und ließen sich nicht problemlos in deutschen Konzernen anwenden.

Der neue Personalengpass könnte sich noch verschärfen, wenn die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) ihre Vorstellungen durchsetzt. Die DSW fordert, dass Gewerkschaftsvertreter aus den Kontrollgremien ausscheiden. Die Funktionäre würden im Zweifelsfall Interessen verschiedener Seiten vertreten. „Die Diskussion über die Unabhängigkeit der Aufsichtsräte muss auf die Arbeitnehmerseite ausgedehnt werden“, verlangt ein DSW-Sprecher. Bekäme die Schutzvereinigung Recht, würde das die Lücken in den Räten noch einmal vergrößern.

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