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04.10.2014

11:39 Uhr

Neues Buch von Jeremy Rifkin

Die Zukunft des Kapitalismus

VonThorsten Giersch

Die Kostenlos-Kultur im Internet und der Siegeszug von Robotern in der Produktion definieren das kapitalistische System neu: Eine Welt, in der Produkte immer weniger kosten, birgt für Millionen Arbeiter große Risiken.

Roboter wie "REEM" sind nur eine Zwischenstufe: Bald übernehmen Maschinen immer mehr Arbeit. dpa

Roboter wie "REEM" sind nur eine Zwischenstufe: Bald übernehmen Maschinen immer mehr Arbeit.

DüsseldorfWas bezahlen Sie für Ihren Facebook-Account? Wie viel für die Dienste von Google? Genau – nichts. Sie bekommen kostenlosen Zugang zu Produkten. Klingt marktwirtschaftlich gesehen nicht sehr wertvoll – und dennoch geben diese Firmen an der Börse den Takt vor. Zwei Besonderheiten fallen auf: Reich werden diese Unternehmen nicht durch das Geld der User, sondern durch die Daten, die diese hinterlassen. Sich per WhatsApp mit Freunden abzustimmen kostet nicht mal einen Euro pro Jahr. Telekomfirmen werfen mit Flatrates um sich.

Die Kostenlos-Kultur im Internet ist nur einer von mehreren Punkten, die unser kapitalistisches System neu definieren: Weltweit bauen wir derzeit die Energienetze radikal um, damit der umfangreiche Wandel von zentraler Produktion (Atomkraftwerk) hin zu dezentraler Energiegewinnung (Solaranlage auf dem Dach) funktionieren kann. Logistik-Ketten werden dank neuer Technologien neu geschmiedet. Zudem wird der Erwerb von Eigentum deutlich zurückgehen zugunsten von Mieten, Tauschen oder dem bloßen Zugang zu einem Produkt: Bei Diensten wie Maxdome, Spotify oder auch dem Digitalpass des Handelsblatts zahlt der Kunde nicht für das Produkt, sondern eben für den Zugang dazu.

Wie stark sich der Kapitalismus derzeit wandelt beschreibt Jeremy Rifkin in seinem jüngst auf Deutsch erscheinenden Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft” - einem der bedeutendsten Wirtschaftsbücher dieses Jahres. Der Amerikaner gilt als einer der wichtigsten Gesellschaftstheoretiker und einflussreichsten Kulturkritikern der Welt - und wird eben auch als Visionär geschätzt:

Die Top-Bücher im Herbst

George Packer: Die Abwicklung

Auf den Bestsellerlisten Amerikas und Europas hat der Journalist kräftig für Furore gesorgt. Anhand von 14 Porträts erzählt er vom Niedergang der US-Industrie. Herz zerreißende, aber auch Mut machende Geschichte von Menschen, die sich von der Wirtschaftspolitik und Unternehmerwelt nicht treiben lassen, egal wie das Leben ihnen mitspielt.
Unterm Strich setzt der Autor keine eigene These, aber man kann sie sich selbst leicht bilden: Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Doch es gibt Hoffnung. (S. Fischer Verlag)

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Dasselbe Thema, aber mit mehr Zukunftsdrall und deutlich wissenschaftlicher: Der Soziologe mit Zukunftsforscherdrang hat ein beeindruckendes Buch vorgelegt, in dem er die Zukunft der Arbeit skizziert. Rifkin erläutert, was sich durch die Vernetzung aller Dinge quer durch sämtliche Lebensbereiche verändern wird. Dass der Industriearbeiter in 50 Jahren zu aussterbenden Spezies gehören dürfte, aber auch als was wir dann arbeiten können. (Campus Verlag)

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/die-null-grenzkosten-gesellschaft-pL9783593399171.html

Peter Thiel und Blake Masters: Zero to One

Dass Wettbewerb heute kein Geschenk des Himmels mehr ist, beschreibt auch der Milliardär Peter Thiel in seinem Buch. Dabei ist es eigentlich kaum mehr als die (von Blake Masters) niedergeschriebene Vorlesung, die Thiel an der Standford Universität gehalten hat, also im Herz des Silicon Valley, wo Thiel unter anderen mit Paypal und Facebook reich wurde. Thiel gibt Ratschläge für Gründer, seziert aber auch das heutige Wirtschaftssystem. Monopole sind für ihn kein Teufelszeug, sondern der wesentliche Anreiz, Neues zu schaffen. Der Wettbewerb an sich wird wegen der gegen Null sinkenden Grenzkosten (siehe Rifkin) nur zu Arbeitsplatzverlust führen. Selten stand auf 200 dünnen Seiten so viel Lesenswertes. Man muss nur mit Thiels libertärer Natur klarkommen. (Campus Verlag)

Stefan Selke: Lifelogging

Cloud-Computing und die Weiterentwicklung von Miniprogrammen und Apps haben eine Form des Datensammelns und -speicherns ermöglicht, die immer mehr Anhänger findet und die der Soziologe Stefan Selke unter dem Begriff "Lifelogging" zusammenfasst. Es ist, wie er in seinem hellsichtigen Buch darlegt, eine "verängstigte Gesellschaft", die sich da mittels der Technik schützen will. Überfordert von den Möglichkeiten und Optimierungszwängen der Moderne, begreift das Individuum jegliche Entscheidung als problematisch. (Econ Verlag)

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/lifelogging-pL9783430201674.html

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles

Dieses Buch liest sich wie ein Science-Fiction-Thriller. Es handelt von Maschinen, die Menschen ausspionieren, Kriege führen und Börsencrashs verursachen. Das Bedrohliche: Es ist keine Fiktion, sondern bereits Realität. Und es ist geschrieben von einer Insiderin, die weiß, wovon sie spricht. Die Autorin verdient ihr Geld mit künstlicher Intelligenz und Big Data. Gerade deswegen sollte man ihren Warnungen zuhören. Wir alle würden Unternehmen und Geheimdiensten freiwillig die Werkzeuge liefern, uns zu manipulieren und auszubeuten, beklagt sie.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/sie-wissen-alles-pL9783570102169.html

Joel Kaczmarek: Die Paten des Internets

Also mieses Timing kann man dem Autor wahrlich nicht vorwerfen: Seine Biografie über die Samwers kam just in dem Moment auf den Markt, als die drei Brüder dauerhaft in den Medien präsent waren. Sie hatten gerade angekündigt, ihre Firma Rocket Internet an die Börse zu bringen und womöglich den Internet-Versandhandel Zalando gleich mit. Der Autor ist Chefredakteur des Start-up-Magazins „Gründerszene“ und hat die Maschen der Samwers detailliert und mit dem nötigen Abstand analysiert. Das Buch ist nicht nur für Gründer ein großer Gewinn. (FBV Verlag)

http://www.handelsblatt.com/finanzen/aktien/neuemissionen/ipo/rocket-internet-die-maschen-der-samwer-brueder/10611654.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/die-paten-des-internets-pL9783898798808.html

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst

„Ohne Geld keine Angst, ohne Angst kein Geld: Kein Geld ohne Angst.“ Dieser Satz ist so etwas wie die Kurzversion des Buches. Der Soziologe sieht diese Angst als das Thema, das in der modernen Gesellschaft alle angeht – quer durch alle Schichten und Milieus. Und auch er sieht sie eng verbunden mit der Ökonomie.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/gesellschaft-der-angst-pL9783868542844.html

Mariana Mazzucato: Das Kapital des Staates

Auf den ersten Blick scheint das Buch ein paar Jahre zu spät geschrieben zu haben. Denn seit der Finanzkrise 2008 ist es ja kein Geheimnis mehr, dass der Kapitalismus auf die Unterstützung und die Regulierung durch den Staat angewiesen ist. Aber der Schwerpunkt des Buchs liegt jenseits der Finanzmärkte. Die Autorin beschreibt sehr konkret, wie groß die Bedeutung staatlich finanzierter Forschung und Entwicklung für private Unternehmen ist. Dabei stellt sie fest: Die Amerikaner vertreten zwar in der Theorie die freie Marktwirtschaft, fördern aber in der Praxis ihre Unternehmen sehr effektiv.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/das-kapital-des-staates-pL9783956140006.html

Philip Roscoe: Rechnet sich das?

Wissen Sie, wie viel eine gespendete Niere wert ist? 15.200 Dollar sei der Preis, an dem gespendete und nachgefragte Nieren im Gleichgewicht wären. Roscoe zeigt auf, dass Kosten-Nutzen-Abwägungen heute nicht nur im Gesundheitswesen oder beim Autofahren, sondern selbst bei privatesten Entscheidungen wie der Partnerwahl selbstverständlich sind. Der Managementprofessor argumentiert, dass die Durchdringung des Alltags mit dem ökonomischen Denken die Gesellschaft nicht voranbringt, sondern ärmer macht, weil es das soziale Denken verdrängt und die Beziehungen der Menschen zueinander beschädigt.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/rechnet-sich-das-pL9783446440371.html

Drei über Google

Christoph Keese: Silicon Valley / Eric Schmidt: Wie Google funktioniert / Dave Eggers: Der Circle

Der eine hasst Google (Springer-Mann Keese), der andere verteidigt es (Google-Chairman Schmidt) – und noch ein anderer schreibt einen Roman über eine fiktive Firma, bei der alle an Google denken (Schriftsteller Eggers). Selten hat ein Konzern so viele Leser gleichzeitig in seinen Bann gezogen auf so unterschiedliche Weise. Wo Keese und Eggers – jeder auf seine Art – vor der Macht des Silicon Valley warnen, versucht Schmidt im Flausch-Modus zu beruhigen. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/strategie/wo-bleiben-grosse-erfindungen-wir-wollten-fliegende-autos-sie-gaben-uns-140-zeichen/10721072.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/zero-to-one-pL9783593501604.html

 http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/rezension-der-circle-wuerden-sie-ihrem-kind-einen-chip-implantieren/10321584.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/der-circle-pL9783462046755.html?ticket=ST-4573153-ErP4ThmN2wcnG0SdLdL0-s02lcgiacc01.vhb.de

Rifkin beschreibt massive Verschiebungen „weg vom vertikalen kapitalistischen Shareholder-Markt“, also dem kurzfristigen Profitstreben der Aktionäre. Unser Wirtschaftssystem verändert sich seit Jahrhunderten ständig, aber diesmal derartig stark, dass vom Kapitalismus lediglich Elemente übrig bleiben werden. Egal ob Energie, Logistik oder Telekommunikation: Wenn die Infrastruktur einmal steht, ist es beinahe egal, ob man 10, 1000 oder eine Million Kunden damit glücklich macht. Zusätzliche Kunden kosten die Firmen praktisch nichts. Ob Facebook eine Million oder eine Milliarde Mitglieder hat – die Mehrbelastung ist marginal.

Auch in der Industrie gehen die Grenzkosten Richtung null. Das klingt gut, aber die Geschäftsmodelle vieler Firmen funktionieren unter diesen Bedingungen dummerweise nicht so richtig: Ohne Grenzkosten kein Profit, und ohne den geht dem System der Saft aus. Millionen Fabrikarbeiter müssen sich einen neuen Job suchen, das Gewinnstreben wird nicht mehr funktionieren – im Jahr 2050 werden wir ein anderes Wirtschaftssystem haben. 

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