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10.06.2013

08:28 Uhr

NSA-Spitzelaffäre

Whistleblower bringt Booz Allen in Erklärungsnot

Die Beratungsfirma Booz Allen Hamilton ist in Erklärungsnöten. Edward Snowden, der ein Internet-Überwachungsprogramm des US-Geheimdienstes NSA öffentlich gemacht hat, hat dort gearbeitet.

Ein Teil des Datenzentrums des US-Geheimdienstes NSA in Bluffdale, Utah. Im Herbst soll es komplett fertiggestellt sein. dpa

Ein Teil des Datenzentrums des US-Geheimdienstes NSA in Bluffdale, Utah. Im Herbst soll es komplett fertiggestellt sein.

DüsseldorfEdward Snowden führte nach eigenen Angaben ein komfortables Leben im Tropenparadies Hawaii mit Freundin und sechsstelligem Jahresgehalt. Doch dann legte er sich mit einem mächtigen Gegner an: den Geheimdiensten der USA. Der 29-jährige Snowden ist den Zeitungen „The Guardian“ und „Washington Post“ zufolge die Quelle der Enthüllungen über geheime US-Überwachungsprogramme, die in der vergangenen Woche für Schlagzeilen sorgten. Jetzt verschanzt sich der Ex-Geheimdienstmitarbeiter in einem Hotelzimmer in Hongkong und wartet auf die Reaktion von Präsident Barack Obamas Regierung, die bisher immer unerbittlich gegen Geheimnisverräter vorging.

Vor allem für die Beratungsfirma Booz Allen Hamilton ist der Geheimnisverrat pikant. Wie das Unternehmen am Sonntagabend (US-Zeit) mitteilte, habe Snowden tatsächlich für das Unternehmen gearbeitet, allerdings „weniger als drei Monate“. Er sei einem Team auf Hawaii zugeteilt gewesen. Die Berichte, dass er sich zur Herausgabe geheimer Informationen bekannt habe, seien „schockierend und – falls zutreffend – bedeuten sie einen schweren Verstoß gegen die Verhaltensregeln und die zentralen Werte unseres Unternehmens.“ In enger Zusammenarbeit mit den Behörden wolle man den Vorfall aufklären.

Fragen und Antworten zu PRISM

Bekommen US-Geheimdienste Informationen von Internet-Unternehmen?

Ja, und das ist auch seit Jahren bekannt. Nach dem „Patriot Act“ können Behörden mit Gerichtsbeschluss Zugang zu Informationen bekommen. Das neue an den Berichten über ein Programm Namens „PRISM“ wäre der freie Zugang zu den Servern von Google, Facebook & Co. statt eines punktuellen Zugriffs. Sowohl die Regierung als auch die Unternehmen weisen dies zurück. Laut US-Geheimdienstkoordinator James Clapper ist „PRISM“ nur ein internes Computersystem der Behörden.

Die US-Regierung betont, dass die Überwachung und die Verwendung der Daten strikt überwacht werden, von wem?

Die Abläufe bleiben komplett im geheimen Bereich. Die Geheimdienstanfragen nach Nutzerdaten müssen zwar von einem Gericht bewilligt werden - aber es ist ein speziell dafür geschaffenes Gericht mit elf Richtern. Die Anfragen sind so geheim, dass die Unternehmen selbst über ihre Existenz schweigen müssen.

Gibt es Anhaltspunkte dafür?

Die „New York Times“ zitierte am Wochenende einen Juristen „einer Technologiefirma“, der berichtete, wie die NSA einen Agenten ins Hauptquartier des Unternehmens abkommandiert habe, um den Verdächtigen in einem Cyberangriff zu überwachen. Der Agent habe von der Regierung entwickelte Software auf dem Server installiert und sei für mehrere Wochen geblieben, um Daten in ein Notebook der Agentur herunterzuladen. In anderen Fällen fordere die NSA Echtzeitdaten an, die dann digital übermittelt würden.

Könnte der Geheimdienst sehen, wie Ideen beim Tippen entstehen?

Das muss kein Widerspruch sein. Der amerikanische Journalist und Geheimdienstexperte Marc Armbinder beschreibt das Funktionieren des „PRISM“-Systems so: Zum Beispiel könnte Facebook die Anordnung bekommen, Informationen über alle Profile aus Abbottabad in Pakistan herauszurücken, angenommen, es gibt 50 davon. „Diese Accounts werden ständig aktualisiert. Also erstellt Facebook eine „Spiegel“-Version der Inhalte, zu der nur die NSA Zugang hat. Die ausgewählten Profile werden in Echtzeit sowohl auf dem Facebook-Server als auch auf dem gespiegelten Server aktualisiert. "PRISM" ist das Werkzeug, das das alles zusammenbringt.“

Könnte die NSA Daten auch ohne Kooperation bekommen?

Absolut. Und Zunger beschreibt eine Möglichkeit dafür: Sie könnten den Datenstrom bei den Anbietern von Internet-Zugängen abgreifen und Datenpakete mit Bezug zum Beispiel zu Facebook oder Google herausfiltern.

Wie glaubwürdig sind die Dementis der Internet-Konzerne?

Sie sind ähnlich formuliert und beziehen sich auf einen „direkten Zugriff“ auf Server der Unternehmen. Zugleich klingen einige davon auch sehr persönlich und aufrichtig. So versicherte der Chefentwickler des Online-Netzwerks Google+, Yonathan Zunger, er würde kündigen, wenn er davon Wind bekäme. Und er sei in einer Position bei Google, in der er eine so groß angelegte Spionageaktion eigentlich hätte mitkriegen müssen. Zunger ist offen in seiner „Abscheu“ für die NSA: „Wir haben nicht den Kalten Krieg geführt, damit wir die Stasi nachbauen können“.

Booz Allen Hamilton hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 5,9 Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro) erzielt. Das Unternehmen beschäftigt etwa 25.000 Mitarbeiter in aller Welt. Mehr als drei Viertel der Beschäftigten hätten Sicherheitsfreigaben der amerikanischen Regierung – die Hälfte von ihnen der Stufe „Top Secret“ oder höher. Das Unternehmen sieht sich als Spezialist für die Bekämpfung von IT-Sicherheitsrisiken. Unter anderem berät Booz Allen neben Regierungsbehörden auch Atomkraftwerksbetreiber oder Krankenhäuser zu IT-Sicherheitsthemen.

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Kommentare (4)

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hermann.12

10.06.2013, 08:57 Uhr

Es ist schon erstaunlich, wie sehr hier der Geheimnisverrat hochstilisiert wird. Es geht schließlich um Illegales vorgehen des Staatsapparates. Ebenso könnte man das Bekanntwerden des Watergate Skandals als Geheimnisverrat klassifizieren. Wie absurd.
Offensichtlich fühlen sich verfassungsfeindliche Kräfte in Regierungsämtern stark genug um unbehelligt ihre Gegner rechtlich zu verfolgen.

H.

Hagbard_Celine

10.06.2013, 09:10 Uhr

In anderen Worten, Booz Allen Hamilton ist ein interface der National Snoop Ageny zur Privatwirtschaft.

Bechtel ist auch voll mit Snoops bis unter die Hutkrampe.

Solche Firmen sollten in Europa von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen wenn ihnen nicht die Geschäftstätigkeit insgesamt untersagt wird.



DausHH

10.06.2013, 10:01 Uhr

"Unter anderem berät Booz Allen neben Regierungsbehörden auch Atomkraftwerksbetreiber oder Krankenhäuser zu IT-Sicherheitsthemen." - sind das die, die so überaus erfolgreich die chinesen draussen halten ???

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