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22.08.2012

11:29 Uhr

Obszöne Gedanken

So werden Sie kreativer

VonThorsten Giersch

Lukrative Innovationen dank kreativer Mitarbeiter - das wünschen sich Firmen und geizen dafür nicht mit Workshops. Doch nachhaltigen Erfolg bringen diese selten. Der Weg führt über gefährliches Denken. Ein Ratgeber.  

Das Gehirn belohnt uns mit Endorphinen dafür, dass wir es nicht herausfordern. MGH-UCLA Human Connectome Project

Das Gehirn belohnt uns mit Endorphinen dafür, dass wir es nicht herausfordern.

DüsseldorfAls das iPhone mit all den vielen Möglichkeiten auf den Markt kam, wurde eine App mit großen Abstand am häufigsten heruntergeladen: iFart. Marketingfachleute staunen bis heute, warum die Nutzer eines technischen High-End-Gerätes ausgerechnet ein Programm haben wollen, das nichts kann, außer Pupsgeräusche zu imitieren?

„Weil der Mensch eben so tickt, wie er tickt“, sagt Alf Rehn und meint damit: Wer nicht auch die schmutzigen menschlichen Instinkte berücksichtigt, wird nie wirklich kreativ sein. Rehn ist renommierter Professor für Innovation und Unternehmertum, Vortragsredner und Berater von großen Konzernen. Jetzt ist sein neues Buch „Gefährliche Ideen - Von der Macht des ungehemmten Denkens“ erschienen.

Darin geht es um Kreativität und wie man sie erzeugt. Diese vergleicht  Rehn mit einem „ungepflegten Missetäter, der in der Nase bohrt und rotzfrech seine dreckigen Schuhe auf den Tisch legt“. Dem Autor sind die schönen Workshops voller kurzfristiger Aha-Effekte verhasst, die eher dem Ego der Teilnehmer dienen.

Highlights aus Alf Rehns Ratgeber (Teil 1)

Über die richtige Einstellung

„ … wer kreativer werden will, darf nicht gepampert, sondern muss herausgefordert werden – und da nützt es wenig, wenn ich ständig überlege, wie ich Sie glücklich machen kann. Daher wird dieses Buch, im krassen Gegensatz zu vielen anderen seiner Gattung, Sie nicht verhätscheln, sondern Klartext reden und dabei manchmal richtig gemein sein.“

Über die Gefahr des Denkens

„Unser Potenzial ist größer, als wir glauben, doch gleichzeitig ist auch die Gefahr, im bequemen Denken stecken zu bleiben, weitaus höher, als wir bereitwillig zugeben.“

Über kreative Firmen

„Das Argument, Kreativität könne jedes Problem lösen, überzeugt mich nicht. Ich glaube nicht, dass eine Organisation, die ausschließlich aus kreativen Menschen besteht, ein erstrebenswertes Ziel oder auch nur möglich ist.

Über eine neue Religion

„Doch Kreativität hat sich in eine Religion verwandelt, die Blasphemien dieser Art nicht akzeptiert. Als Ketzer stehe ich daher griesgrämig am Rande eines Spielfelds, auf dem ich mich gerne und mit Freuden tummeln würde.“

Über gefällige Muster

„Wenn wir immer nur eine uns gefällige Vorstellung von Kreativität anstreben, und immer nur an das denken, was wir uns hier und heute wünschen, ignorieren wir das tatsächliche Potenzial neuer Ideen und werden dabei sogar weniger kreativ!“

Über zweifelhaften Nutzen

„… das Gehirn ist tatsächlich ein ganz erstaunliches Gebilde. Doch das bedeutet nicht, dass es auch immer zu unserem Nutzen wirkt.“

Über andere Gedankenwege

„Den wirklich kreativen Menschen zeichnet hingegen die Fähigkeit aus, sich nicht auf eine einzige Denkweise festlegen zu lassen“

Über das faule Hirn

„Kognitive Flüssigkeit bedeutet, dass das Gehirn sich von Dingen angezogen fühlt, an die es sich gewöhnt hat. Bekannte Botschaften lassen sich leicht verarbeiten, daher entwickelt das Gehirn dafür eine Präferenz.“

Über falsche Lässigkeit

„Die Aufgabe von Kreativität besteht darin, Menschen dabei zu helfen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen – doch dies lässt sich nicht erreichen, wenn man sich nur auf Dinge konzentriert, die einem nett, lustig oder passend erscheinen. Nein, Kreativität bedeutet vielmehr den Aufbruch zu neuen Ufern.“

Über Bauchgefühl

„Das Bauchgefühl ist der Feind jeder Kreativität!“

Über Moral

„Moralisierung bindet uns an jene Dinge, die niemanden irritieren. Kurz gesagt: Moral hält uns in der Sphäre der Nichtkreativität gefangen.“

Über direkte Herangehensweisen

„Wenn ein Kind einen Keks haben möchte, dann kommt es einem nicht mit verschiedenen Ausreden aller Art, dass es gestresst sei und sich entspannen wolle oder dass es ausprobieren wolle, wie der Keks wohl zusammen mit seinem Fruchtsaft schmecke. Stattdessen will es einfach nur den verdammten Keks haben.“

Über rationale Marktanalyse

„Wollen Sie Ihre Fähigkeit zur Ideenentwicklung verbessern? Dann werden Sie alberner. Ignorieren Sie das, was Menschen ‚benötigen‘ oder was ‚funktioniert‘ oder wofür Menschen ‚zu zahlen bereit sind‘.“

Stattdessen ermuntert er den Leser, den harten Weg zu gehen: „Ist Ihnen schon unwohl? Klasse!“ Denn das Gehirn hat es gern komfortabel. Es belohnt mit Endorphinen dafür, dass wir es nicht herausfordern: „Wahre Kreativität ist zumeist ein wenig gefährlich, bedrohlich und provokativ“, schreibt Rehn.

Und einen Mangel an Kreativität stellt der Fachmann in den Unternehmen täglich fest. Oder auch in Behörden: Was ist der Grund dafür, warum die Nasa einst Millionen Dollar ausgab auf der Suche nach dem perfekten Astronautenstift und am Ende auf den Bleistift kam?

Kommentare (8)

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Merkur

22.08.2012, 12:47 Uhr

Die Highlights aus dem Ratgeber Teil 1 und Teil 2 sind identisch.
Entweder fehlt ein Teil oder es wurden immer alle Ratgeber in jedes "Klappfenster" gepackt.

Bmehrens

22.08.2012, 13:53 Uhr

Mann, ist der kreativ! Seine "Geschäftsidee" ist, einfach mal gegen den Mainstream zu sein um SEINEN Anteil an rausgeschmissene Workshopgelder zu bekommen.

Bmehrens

22.08.2012, 14:19 Uhr

Die neue Welle? Erinnert mich fatal an Firmenberatungsunternehmen in den 1970gern:
Motto: DIVERSIFIKATION!!
Als das den "beratenen" Unternehmen nichts brachte - eher Verluste,
Motto in den 1980gern derselben Firmenberatungsunternehmen:
ZURÜCK ZUM KERNGESCHÄFT!!

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