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10.02.2015

10:49 Uhr

Ölpreis

Die fetten Jahre sind vorbei

VonDana Heide, Matthias Streit

Die Ölpreise ziehen zwar wieder an, doch der Preisanstieg ist vor allem den Erwartungen von Spekulanten geschuldet. Zu alten Höchstständen wird es nach Einschätzung von Experten nicht mehr kommen.

Der Preisverfall ist gestoppt, doch „ein steiler Anstieg des Preises scheint heute unwahrscheinlich“, schreibt die IEA.

Der Ölpreis kannte lange nur eine Richtung

Der Preisverfall ist gestoppt, doch „ein steiler Anstieg des Preises scheint heute unwahrscheinlich“, schreibt die IEA.

DüsseldorfDer rasante Ölpreisverfall der letzten Monate hat offenbar ein Ende. Seit Mitte Januar hat der Ölpreis vorerst seinen Tiefstand verlassen und steigt seitdem kräftig an. In den vergangenen Wochen legte er um gut 20 Prozent zu, von 45,70 auf knapp 60 Dollar für ein Barrel (156 Liter) der Sorte Brent. Nun gibt auch die Internationale Energieagentur (IEA) Entwarnung: Die Talfahrt der Rohölpreise wird sich nach ihrer jüngsten Einschätzung bald abbremsen, hieß es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht.

Eine Rückkehr zu den Höchstwerten der vergangenen drei Jahre werde es jedoch nicht geben, prognostizierte die in Paris ansässige Organisation. Vielmehr sei davon auszugehen, dass sich die jüngste Erholung der Ölpreise „in einem vergleichsweise begrenzten Rahmen“ bewegen werde.

Auch andere Experten teilen die Einschätzung der IEA. „Ein steiler Anstieg des Preises, wie es 2009 geschah, scheint heute unwahrscheinlich“, schreibt Ole Sloth Hansen, Rohstoffanalyst der Saxobank in einem Kommentar. Vielmehr rechnet er in den kommenden Monaten mit einem stagnierenden Preis um das heutige Niveau.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Beginne der Ölförderung

Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

Vollgas mit Benzin

Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 19. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

Goldene Zeitalter des billigen Öls

Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

Erste Ölkrise

In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

Preisexplosion während des Golfkriegs

Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

Ein rasanter Anstieg

Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg war der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt. Die Finanzkrise ließ den Preis Ende 2008 allerdings wieder abstürzen.

Ölpreis heute

Ein weltweites Überangebot hält die Preise weiterhin auf niedrigem Niveau. Aktuell kostet ein Barrel Brent rund 30 US-Dollar.

Ganz ähnlich sieht das auch die Commerzbank, deren Analysten mit einem komplizierten ersten Halbjahr rechnen. Für Juni prognostizieren sie einen Preis zwischen 50 und 55 Dollar pro Barrel. Ab der zweiten Jahreshälfte könnte sich der Preis aber auf bis zu 75 Dollar erholen. Die saisonal stärkere Nachfrage werde dann zudem durch bessere konjunkturelle Entwicklungen gestützt.

Die Veröffentlichung der IEA-Studie führte dazu, dass am Ölmarkt die Rally der vergangenen Tage vorerst endete: Ein Fass der Nordseesorte Brent verbilligte sich um mehr als ein Prozent und kostet nun 57,65 Dollar.

Dass der Ölpreis in den vergangenen Wochen so stark gestiegen ist, liegt vor allem an den Erwartungen der Ölspekulanten. Denn in den vergangenen Wochen mehrten sich die Anzeichen, dass diverse Ölförderer ihre Aktivitäten in den USA zurückfahren und sich die Fördermenge mittelfristig reduzieren könnte.

Folgen des niedrigen Ölpreises: Das Leiden der Ölmultis

Folgen des niedrigen Ölpreises

Premium Das Leiden der Ölmultis

Nach Exxon und Shell trifft der Verfall des Ölpreises auch BP schwer. Die Manager schalten auf Krisenmodus und konzentrieren sich darauf, die Kosten zu senken. Die Aktionäre wollen jedoch bei Laune gehalten werden.

So ist etwa die Zahl der Fracking-Ölbrunnen in den USA im Vergleich zum vergangenen Jahr um ein Fünftel zurückgegangen – von 1.416 auf nur noch 1.140. Mit den Texanern von WBH Energy ging im Januar bereits das erste Unternehmen Pleite. Das Analysehaus Cowen & Co. rechnet gar mit einem Einbruch der Investitionen von mindestens 116 Milliarden Dollar. Die Zahl der Entlassungen in der Industrie liegt schon jetzt bei 30.000.

Anleger erwarten nun eine Verknappung des Rohstoffs und treiben den Preis nach oben – obwohl täglich noch 230 Millionen Liter Öl zu viel auf den Markt schwemmen, steigen die Preise. Eine Folge der Spekulationen.

Kommentare (4)

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Herr Thomas Podgacki

10.02.2015, 11:55 Uhr

Einen wichtigen Aspekt sollte man nicht übersehen!
Da die Rohstoffrechnung wie die Rohstoffpreise meist in Dollar ausgestellt werden, muß man die eigene Währung erst in Dollar tauschen. Da der Euro stark abgestürzt ist, kann bei einer Ölpreiserholung und niedrigem Euro der Spritpreis teurer werden als zuvor.
Entscheidend ist als auch das Verhältnis der eigenen Währung zum Dollar.

Schönen Tag noch.

Account gelöscht!

10.02.2015, 11:56 Uhr

Gut das ich bei meiner Ölheizung geblieben bin und nicht auf die Öko-Energie wie Hackschnitzel- Pelletsheizung umgestiegen bin. Wobei ja Öko ziemlich relativ ist, wenn reihenweise für diese Energieform die Wälder fallen müssen.

Herr Marc Otto

10.02.2015, 12:06 Uhr

Stimmt, eine weise Entscheidung.

Alles, was staatlich gefördert wird wie diese alternativen Energien, sollte man nur dann nutzen, wenn man kurzfristig und ohne Mehrkosten wieder zurück gehen kann.

Öl und Gas kann man offensichtlich nicht toppen.

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