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01.10.2011

11:04 Uhr

Orte der Stille

Letzter Ausweg: Berghüttenwirt

VonHolger Alich, Sebastian Christ

Um dem Stress zu entfliehen lassen sich viele Strategien entwickeln. Rudolf Wötzel hat sich für einen radikalen Wandel entschieden und ist vom Investmentbanker zum Berghüttenwirt geworden.

Ein radikaler Ausweg aus dem Stress: Wirt auf einer Berghütte werden. ALIMDI.NET

Ein radikaler Ausweg aus dem Stress: Wirt auf einer Berghütte werden.

Rudolf Wötzel trägt keine Armbanduhr mehr. Dennoch kommt er zwei Minuten zu früh zum vereinbarten Treffen.

Der 48-Jährige wirkt tiefenentspannt: Der Teint leicht gebräunt, das blaue Hemd steckt nicht in der Hose. Ganz "casual" eben, wie das in der Welt heißt, in der Wötzel bis vor einiger Zeit noch zu Hause war.

Wötzel hat die Gipfel der Hochfinanz gegen die der Schweizer Alpen getauscht - und damit gewagt, wovon viele Gestresste heimlich träumen: Aussteigen. In seinem früheren Leben half Investmentbanker Wötzel der Lufthansa, die Fluggesellschaft Swiss zu übernehmen. Er arbeitete bei den prestige-trächtigsten Adressen der Branche: UBS, Deutsche Bank und am Ende Lehman Brothers, wo er zuletzt das M&A-Geschäft für den deutschen Markt verantworte.

Im Frühjahr 2007 wollte er dann nicht mehr. Er kaufte sich eine Landkarte und wanderte los - von Salzburg nach Nizza. Als er am Mittelmeer ankam, wusste er: Ich will nie mehr zurück. Über seinen Ego-Trip der besonderen Art hat er ein Buch geschrieben: "Über die Berge zu mir selbst: Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben". Das Buch traf den Nerv der Zeit und hat sich rund 40 000 mal verkauft. Jetzt schreibt er an der Fortsetzung: "Ein nicht-romantisierender Appel, das eigene Leben zu verwirklichen", sagt er.

Statt Vorstände von Dax-Unternehmen umsorgt Wötzel heute hungrige Wanderer in seiner Berghütte Gemsli in Klosters, nördlich von Davos. "Ich führe lieber fünf Berghüttenmitarbeiter, die ich bezahle, als 60 Analysten, die ich nicht bezahle", sagt er heute.

So ganz hat der die Banker-Sprache aber nicht abgelegt. Gegen Stress im Job empfiehlt er eine "Bilanzvekürzung": Was bringt mir das neue Projekt im Job, wie hoch sind die persönlichen Kosten? Wötzel sieht sich nicht als Bilderstürmer, als einer, der das System kritisiert. "Ich will den Leuten helfen, unbeschadet im System zurecht zu kommen", erklärt er. Dazu gibt er auch Seminare.

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