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23.07.2012

14:06 Uhr

Paul Achleitner

Ein Chefkontrolleur und Idealist

VonRobert Landgraf

Der neue Aufsichtsratschef der Deutschen Bank will die Libor-Affäre lückenlos aufklären. Dabei steht auch die Unternehmenskultur auf dem Prüfstand. Sein lange gehegtes Ideal: Die perfekte Langeweile.

Paul Achleitner: Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank will die Libor-Affäre um jeden Preis aufklären. Pressebild

Paul Achleitner: Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank will die Libor-Affäre um jeden Preis aufklären.

FrankfurtPaul Achleitner hat als Finanzvorstand der Allianz ein Motto ausgegeben, das er auch als Chefkontrolleur der Deutschen Bank verfolgt: "Boring is the new sexy." Frei übersetzt, bedeutet das: "Langweilig ist neuerdings sehr attraktiv." Mit dieser Maxime und seiner umsichtigen Art hat der 55-Jährige dazu beigetragen, dass die Allianz die Krisen an den Finanzmärkten gut überstanden hat. Sein Wechsel auf den Chefsessel im Aufsichtsrat der Deutschen Bank sollte dafür sorgen, dass auch Deutschlands größtes Geldinstituts langweiliger im positiven Sinne wird - und keine negativen Schlagzeilen mehr produziert.

Von diesem Ideal ist die Bank aber noch weit entfernt: Achleitner muss reagieren und macht Druck, damit die Affäre um die Zinsmanipulationen schnell aufgeklärt wird, in der die Deutsche Bank neben anderen Geldhäusern wie Barclays und UBS verwickelt ist.

Libor-Manipulationen: Erste Festnahmen stehen im Zinsskandal kurz bevor

Libor-Manipulationen

Erste Festnahmen stehen bevor

Im Libor-Skandal könnte es offenbar zu ersten Verhaftungen kommen.

Der Zinsskandal ist für die Deutsche Bank in mehrerer Hinsicht brisant. Inzwischen legt sich hier David mit Goliath an: Der Frankfurter Privatbankier Friedrich von Metzler (69) verklagt die mächtige Deutsche Bank wegen des Libor-Skandals im Rahmen einer Sammelklage. Ein Schritt, der für Aufsehen sorgte, handelt es sich bei von Metzler doch um die graue Eminenz am Finanzplatz Frankfurt. Ein Mann, der der Deutschen Bank sehr gewogen ist und im Aufsichtsrat ihrer Fondstochter DWS sitzt. Und das ist erst der Anfang. Weitere Kläger dürften folgen.

Noch dringlicher ist es allerdings, die Rolle von Anshu Jain (49) zu klären, dem neuen Co-Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, den die Vergangenheit eingeholt hat. Zwar haben sich die kriminellen Machenschaften in den Jahren 2005 bis 2007 fünf Hierarchieebenen unter ihm abgespielt, als der gebürtige Inder mit dem britischen Pass Chef der Investmentbank der Deutschen Bank in London war.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Doch es muss jeder Zweifel ausgeräumt werden, dass Jain und sein Führungsteam doch früher informiert waren über das dubiose Treiben. Achleitner treibt persönlich die Aufklärung voran. Er will es jetzt genau wissen: Wer wusste was wann? Mittlerweile prüfen mehr als 100 Mitarbeiter der Bank Millionen von E-Mails, checken Hunderte von Telefonaten. Bislang habe es keinerlei Anhaltspunkte gegeben, dass Jain oder einer aus der Führungsetage in den Skandal verwickelt sei, ist aus dem Aufsichtsrat zu hören.

Kommentare (1)

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oberver

23.07.2012, 14:24 Uhr

soso, er will das aufklären??


-- keiner will die Mauer
-- unsere Renten sind sicher
-- so lange ich lebe, werden wir nicht für die Schulden anderer bezahlen

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