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16.01.2009

07:19 Uhr

Personaldebatte bei der Deutschen Bank

Anshu Jain: Das entzauberte Wunderkind

VonMichael Maisch

Er galt als Nummer eins, wenn es um die Nachfolge von Josef Ackermann ging: Anshu Jain, Vizechef des Investmentbankings bei der Deutschen Bank. Doch jetzt hat das Finanzhaus ein Milliardenloch - und dem smarten Banker bricht der Boden unter den Füßen weg.

Anshu Jain: Der begabte Nachwuchs-Banker verliert an Zustimmung. Pressebild

Anshu Jain: Der begabte Nachwuchs-Banker verliert an Zustimmung.

LONDON. "Sonnengott", "Regenmacher" "Geldmaschine", kein Substantiv war zu blumig, um Anshu Jain anzuhimmeln. Für viele war er schlicht "der wichtigste Mann der Deutschen Bank". Der gebürtige Inder ist Co-Chef des Investment-Bankings, und seine Leute haben in guten Jahren mehr als die Hälfte zum Gewinn des Frankfurter Geldhauses beigetragen. Doch die Zeiten sind nicht mehr gut, und Jains Abteilung ist vom Wunder- zum Sorgenkind geworden.

Damit werden auch die Karten im Kampf um die Nachfolge von Konzernchef Josef Ackermann neu gemischt. "Die außerordentlich schwierigen Marktbedingungen haben die Ergebnisse aus dem Verkauf und Handel von Wertpapieren belastet. Davon waren insbesondere der Handel mit Kreditprodukten, das Aktienderivategeschäft sowie der Aktieneigenhandel betroffen", mit diesen dürren Worten begründete das Frankfurter Geldhaus den Verlust von satten 4,8 Mrd. Euro im vierten Quartal. Damit dürfte klar, sein, dass für das schockierend hohe Minus vor allem Jains Händler verantwortlich sind - das Ende einer langen Erfolgsserie.

Jain zählt seit mehr als einem Jahrzehnt zu Ackermanns wichtigsten Stützen. Als der Inder 1995 im Gefolge des charismatischen früheren Merrill-Lynch-Bankers Edson Mitchell zur Deutschen kam, machte er aus dem Geschäftsfeld Global Markets binnen weniger Jahren einen der größten Spieler im Geschäft mit Anleihen, Währungen und Aktien. In London schuf Jain eine Geldmaschine, die Konkurrenten fast ehrfürchtig als "Flow-Monster" bezeichneten. Die Gewinne, die die Trader in schöner Regelmäßigkeit produzierten, verhalfen dem als hochintelligent und ehrgeizig geltenden Jain zu einer Blitzkarriere. Gegen seinen Willen ging während des Booms nur wenig bei der Deutschen Bank.

Da war es nur natürlich, dass Jains Name lange als erster fiel, wenn es um die Thronfolge beim Frankfurter Geldhaus ging. Doch die Kreditkrise hat auch das geändert. Ackermann hat schon früh angekündigt, dass er im Mai 2010 seinen Job aufgeben wird, doch die Machtverhältnisse haben sich verschoben: "Der Einfluss der Investmentbanker schrumpft im gleichen Maß wie ihre Verluste steigen", meint ein Frankfurter Deutsch-Banker. Und auch ein Londoner Kollege räumt Jains Machtverlust ein: "Nach der Katastrophe der vergangenen Monate ist ein Investmentbanker als Chef der größten deutschen Bank politisch wohl kaum noch durchsetzbar". Dafür dominieren jetzt deutsche Namen die Nachfolgediskussion. Privatkundenchef Rainer Neske oder Risikovorstand Hugo Bänziger werden genannt. Aber auch Axel Wieandt, der von der Deutschen gerade für die Sanierung der Hypo Real Estate abgestellt wurde, könnte ein Kandidat sein.

Dabei ist Jain eigentlich gar kein typischer Investmentbanker. Der Cricket-Fan gilt als bescheiden und öffentlichkeitsscheu. Die Exzesse, für die seine Branche berüchtigt ist, liegen ihm fern. Zurückgezogen lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern im vornehmen Londoner Westen. Von seinem Vater wurde Jain in der Tradition des Jainismus erzogen. Die Nachfahren dieser Minderheitenreligion, die allesamt den Namen Jain tragen, lehnen - entgegen dem traditionellen hinduistischen Kastenwesen - Hierarchien ab. Kollegen sehen hier eine Erklärung für Jains strenges Leistungsprinzip. Doch erst einmal hat die Kreditkrise Jains Ehrgeiz Zügel angelegt.

Anshu Jain

1963 Jain wird in Jaipur im indischen Bundesstaat Rajasthan geboren.

1983 schließt er das Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität von Delhi ab und macht dann seinen MBA an der University of Massachusetts.

1985 beginnt Jain seine Bankerkarriere. Er steigt als Analyst bei Kidder Peabody ein und wechselt drei Jahre später zur Investmentbank Merrill Lynch.

1995 verlässt er gemeinsam mit seinem Mentor Edson Mitchell das Wall-Street-Haus und wechselt zur Deutschen Bank.

Seit 2001 sitzt er im Group Executive Committee der Deutschen Bank, dem entscheidenden Führungsgremium des Instituts. Gemeinsam mit Michael Cohrs leitet er das Investment-Banking des Frankfurter Geldhauses.

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