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23.03.2014

17:17 Uhr

Phänomen „Neurasthenie“

Burn-out gab es schon um 1914

Heute ist das Ausgebranntfühlen – das Burn-out-Syndrom – verbreitet. Vor 100 Jahren gab es schon eine ähnliche Diagnose: „Neurasthenie“. Spötter dichteten: „Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie.“

Wachsende Städte, mehr Verkehr und mehr Technik im Alltag sind einige der Gründe für Burn-Out. obs

Wachsende Städte, mehr Verkehr und mehr Technik im Alltag sind einige der Gründe für Burn-Out.

BerlinWachsende Städte, mehr Verkehr und mehr Technik im Alltag: Was nach den Belastungen heutiger Menschen klingt, wurde auch schon vor 100 Jahren als Stressfaktor erkannt. Damals spielte zum Beispiel die Taschenuhr als Grund für Unruhe eine Rolle. Mancher guckte immerzu darauf, um sich bloß nicht zu verspäten. Heute ist der ständige Blick aufs Smartphone als Gefahr für die Seelengesundheit ausgemacht. „Burn-out“ heißt das Phänomen auf Neudeutsch im Jahr 2014. Vor 100 Jahren war „Neurasthenie“ geläufig.

„Spötter sangen: "Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie“, schreibt der Autor Florian Illies in seinem Bestseller „1913“ in einem Kapitel über den österreichischen Autor Robert Musil (1880-1942, „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“).

Der Schriftsteller Musil, eigentlich ein starker und eitler Mann, habe unter dem „Stumpfsinn“ seiner damaligen Arbeit als Bibliothekar an der Technischen Hochschule in Wien gelitten. Im März 1913 sei er deshalb zu einem Nervenarzt gegangen, schreibt Illies. „Doch was würde der Doktor sagen? Heute würde man es „Burn-out“ nennen, damals sagte man: "Derselbe leidet an den Erscheinungen einer schweren Herzneurose: Anfälle von Herzklopfen mit jagendem Puls, Palpitationen beim Einschlafen, Verdauungsstörungen verbunden mit den entsprechenden psychischen Erscheinungen: Depressionszuständen und mit hochgradiger körperlicher und psychischer Ermüdbarkeit."“

So unterschiedlich reagieren wir auf Stress

Gene

Stressforscher schätzen, dass Stressanfälligkeit zu 30 Prozent genetisch bedingt ist.

(Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)

Mutter

Frauen, die während der Schwangerschaft hohe Cortisolwerte aufweisen, bekommen stressanfälligere Babys.

Kindliche Erfahrungen

Traumatische Erlebnisse in den ersten sieben Lebensjahren, der Zeit der Entwicklung der Identität, können lebenslänglich stressanfälliger machen.

Persönlichkeit

Erfolgsorientierte, ehrgeizige, sehr engagierte, ungeduldige und unruhige Menschen sind besonders stressanfällig.

Charakter

Feindseligkeit, Zynismus, Wut, Reizbarkeit und Misstrauen erhöhen das Infarktrisiko um 250 Prozent. Humor hingegen zieht dem Stress den Stachel. Eine Studie an 300 Harvard-Absolventen zeigte: Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Humor bewältigen Stress besser.

Selbstbestimmung

Der wichtigste Faktor, der über Stressanfälligkeit bestimmt, ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je mehr man den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, desto höher das Infarktrisiko.

Wertschätzung

Wer für seine Arbeit Anerkennung in Form von Lob oder einem angemessenen Gehalt bekommt, verfügt über eine bessere Stressresistenz.

Status

Wer eine gute Stellung in der Gesellschaft hat, verfügt auch über einen Panzer gegen Stress. Das ist auch bei Pavianen zu beobachten: Gerät das Leittier durch einen Konkurrenten in eine Stresssituation, schnellt der Cortisolspiegel hoch, normalisiert sich aber rasch wieder. Bei den Rangniedrigeren ist der Cortisolspiegel ständig erhöht.

Glaube

Einer der stärksten Stresskiller ist das Gebet. Studien belegen: Der Glaube an eine höhere Macht, die das Schicksal zum Guten wenden wird, beugt vielen Krankheiten vor.

Der Bielefelder Historiker Joachim Radkau („Das Zeitalter der Nervosität – Deutschland zwischen Bismarck und Hitler“) ist Experte für Mentalitäts-, Medizin- und Umweltgeschichte. Er erzählt: „Zwischen dem rasanten Anwachsen der Klagen über „Burn-out“ in den letzten beiden Jahrzehnten und der „Neurasthenie“-Welle ein Jahrhundert davor gibt es auffällige Analogien.“ Bei beiden Diagnosen handele es sich um Importe aus den USA, in beiden Fällen seien sie besonders im deutschen Kulturraum eingeschlagen.

Zum Begriff: Das Wort „Neurasthenie“ machte der New Yorker Nervenarzt George M. Beard ab 1880 bekannt. „Dieses Leiden wurde vielfach mit Fernwirkungen der elektrischen Revolution jener Zeit in Verbindung gebracht ähnlich wie heute Burn-out mit der elektronischen Revolution, der Reizüberflutung durch das Internet und der ständigen Erreichbarkeit über das Mobiltelefon“, sagt Radkau.

Bereits um 1900 wurde Neurasthenie in Mitteleuropa wie eine Epidemie wahrgenommen; in den Jahren vor 1914 war sie demnach eine der häufigsten Diagnosen überhaupt.

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