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18.03.2016

14:13 Uhr

Porsche-Prozess

Freispruch für Wendelin Wiedeking

VonMartin-W. Buchenau

Das Landgericht Stuttgart hat Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vom Vorwurf der Marktmanipulation im VW-Übernahmepoker freigesprochen. Für die Staatsanwälte, die Haft gefordert hatten, wird das Urteil zum Debakel.

StuttgartVor dem Urteil am Freitag war doch eine gewisse Anspannung bei dem früheren Porsche-Chef zu spüren. Wendelin Wiedeking knetete beide Hände, eine typische Abwehrgeste, in schwierigen Situationen die eigenen Kräfte zu sammeln.

Als er den Freispruch des Richters hört, folgt ein kurzer Blick zu seinem Anwalt Hanns Feigen, der auch schon Uli Hoeneß ein mildes Urteil verschaffte. In für ihn typischer Manier zieht der 63-Jährige Manager die Augenbrauen hoch, kein Lächeln aber doch Erleichterung huscht ihm über das Gesicht. Ein leichter Klapps auf die Schulter des zweiten Anwalts neben ihm. Es folgt die Urteilsbegründung. Jeder Satz eine Genugtuung für Wiedeking. „An den Vorwürfen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ist nichts dran, nichts - weder vorne, noch hinten, noch in der Mitte“, urteilt der Vorsitzende Richter Frank Maurer am Stuttgarter Landgericht.

Die Staatsanwälte hatten zweieinhalb Jahre Haft für Wiedeking und 27 Monate für den Ex-Finanzchef Holger Härter gefordert. Die Anwälte von Wiedeking und Härter hatten am Montag in ihren Plädoyers Freispruch gefordert und waren die Staatsanwälte dabei harsch angegangen.

Heiße Schlacht um Volkswagen

Ein Machtkampf mit Folgen

Heute ist die Sache klar: Die Porsche AG ist eine VW-Tochter und zugleich ein Gewinnbringer für den Wolfsburger Konzern. Fast zwei Milliarden Euro überweist der Stuttgarter Bolidenbauer beispielsweise dieses Jahr an Volkswagen. Ende des vergangenen Jahrzehnts fehlte hingegen nicht viel und es wäre anders rum gewesen: Porsche hätte als VW-Großaktionär den Konzern nach seinem Gusto steuern können. 2008 erreichte die Übernahmeschlacht ihren Höhepunkt – der Prozess gegen Ex-Firmenchef Wendelin Wiedeking und dessen Vize Holger Härter ist letztlich eine späte Folge.

Schleichender Angriff

Seit 2005 baute Porsche – der lukrativste Autobauer der Welt – seine Beteiligung an VW schrittweise auf. Zunächst ging es um Produktions-Kooperationen und eine gute Anlage hoher Porsche-Gewinne. Später wurde klar: Es ging um die Mehrheit. Aber um welche Mehrheit? Wichtig ist hierbei ein Anteil von 75 Prozent – bei diesem Wert wäre ein sogenannter Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag im Bereich des Möglichen gewesen. VW sperrte sich heftig, vor allem Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch war lange Zeit dagegen.

Überraschende Kehrtwende

Bis Anfang Oktober 2008 beteuerte die Porsche-Spitze, keine Beherrschung anstreben zu wollen. Am 26. Oktober 2008 dann die Kehrtwende: Porsche bestätigte, 75 Prozent an VW anzustreben, sofern die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Der VW-Kurs schnellte in zwei Tagen um das Fünffache nach oben. Das kam Porsche insofern gelegen, als der Wert seiner VW-Anteile deutlich stieg.

Das Scheitern

Die als größter Wurf der deutschen Industriegeschichte bejubelte Übernahmeabsicht scheiterte dennoch. Zwar hält die Porsche SE heute etwa 51 Prozent an VW, sie ist aber nur noch eine Beteiligungsgesellschaft – die Sportwagen-Produktion Porsche AG musste an die Wolfsburger verkauft werden, um die bei den Übernahmeschritten entstandenen Schulden decken zu können. Wiedeking und Härter mussten 2009 gehen.

Richter Maurer kritisiert den betriebenen Aufwandmit unzähligen Durchsuchungen und einen Berg von 200 Aktenordnern, ohne dass in sieben Jahren ein stichhaltiger Beweis dabei herausgekommen sei. „Subjektive Überzeugungen reichen für eine Verurteilung nicht aus“, sagt Maurer und verweist auf einen grundlegenden Irrtum bei den Staatsanwälten. „Professionelle Vorbereitungen sind keine Vorwegnahme von Entscheidungen in Unternehmen“, betonte Maurer.

Im Gegenteil: Es sei die Pflicht eines Kaufmanns, alle Szenarien durchzuspielen und das gelte vor allem bei Firmenübernahmen und erst recht, wenn Fragen der Finanzierung und des rechtlichen Rahmens wie beim VW-Gesetz nicht sicher seien. „Das ist etwas anderes als Brötchen einkaufen“, schulmeistert Maurer die Staatsanwälte.

Wenig Verständnis zeigt Maurer dafür, dass die Staatsanwälte die besondere Rolle von VW-Patriarch Ferdinand Piëch negiert hätten. „Herrn Piëch als optisches und psychologisches Problem zu bezeichnen, beleidige dessen Intellekt und verkennt dessen Einflussmöglichkeiten, wie Zeugenaussagen belegt haben“, sagt Maurer. Piëch wurde in er Übernahmeschlacht zu Wiedekings Gegenspieler, der zudem als VW-Aufsichtsratschef und Porsche-Aufsichtsrat auf beiden Seiten in die Karten schauen konnte. Wiedekings Anwalt Feigen nennt das Urteil eine „juristische Hinrichtung“ der Staatsanwaltschaft.

Das sagte Wendelin Wiedeking vor Gericht (1. Prozesstag)

Ex-Porsche-Chef vor Gericht

Wegen Marktmanipulation beim VW-Übernahmepoker steht Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vor Gericht. Nun hat er sich erstmals geäußert. Zitate aus Wiedekings Verteidigungsrede.

... den „Nischenanbieter Porsche“

„Das Eingehen einer Beteiligung von Porsche an VW entsprach nicht nur industrieller Logik. Es war für den Nischenanbieter Porsche geradezu überlebenswichtig. Die gesamte Kommunikation von Porsche [gegenüber Kapitalmarkt, Presse und sonstiger Öffentlichkeit] gab zu jeder Zeit exakt den Stand der Willensbildung der zuständigen Organe des Unternehmens – also Vorstand und Aufsichtsrat - wieder!“

...„Visionäre“ und „Spieler“

„Die Unterstellung, wir hätten im Vorstand bereits im Jahr 2005 die Absicht gebildet, „aufs Ganze zu gehen“, steht tatsächlich im Widerspruch zu allem, was damals gedacht und diskutiert worden ist. Wir waren Visionäre, aber keine Spieler“.

...das „Übernahmedrehbuch“

„Für mich ist die These nicht nachvollziehbar, Porsche hätte einen verdeckten Auftrag erteilt, eine Art „Übernahmedrehbuch“ zu schreiben. Ein Übernahmedrehbuch mit einer auf Irreführung des Kapitalmarkts gerichteten Kommunikation. Und einer systematischen Falschprotokollierung von Gremiensitzungen. Ein solch abenteuerliches Machwerk hat niemand beauftragt. Und ein solches Machwerk hat niemand geschrieben.“

Über seine „Nähe zu Ferdinand Piëch“

„Ferdinand Piëch hat sich einmal damit zitieren lassen, er ‚lasse sich sein Lebenswerk bei VW und Audi nicht von einem angestellten Manager ruinieren‘. Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in meiner Amtszeit aus den Familien Porsche und Piëch Milliardäre wurden, die mittlerweile die Mehrheit an VW halten. Die Staatsanwaltschaft hält es für ernsthaft möglich, dass ich mich trotz seiner öffentlich geäußerten Haltung mit Ferdinand Piëch
verschworen haben soll. Verschworen, VW heimlich zu übernehmen, Vorstands- und Aufsichtsratsprotokolle zu manipulieren und den Kapitalmarkt systematisch zu täuschen! Diese Unterstellung ist für mich eine intellektuelle Zumutung. Die mir unterstellte Nähe zu Piëch schmerzt mich richtig.“

Über ein „heimliches Anschleichen an die VW AG“

„Die Kurssicherungsgeschäfte haben wir nicht verheimlicht. Wir haben wiederholt in unseren Pressemitteilungen, in Geschäftsberichten, auf Bilanzpressekonferenzen, in Beiträgen auf Hauptversammlungen und sonstigen Verlautbarungen darauf hingewiesen. Von einem heimlichen Anschleichen an die VW AG kann daher überhaupt keine Rede sein. Jeder Investor, der sich mit den Publikationen von Porsche und der Presse auseinandergesetzt hat, wusste, dass wir neben Beteiligungszukäufen auch Kurssicherungsgeschäfte eingegangen sind. Auch den Leerverkäufern und insbesondere den Hedgefonds , die der Staatsanwaltschaft offensichtlich so sehr am Herzen liegen, war dies beim Eingehen ihrer Wetten gegen VW bekannt.“

Über die nachgeschobene zweite Anklage

„Leider hat es die Staatsanwaltschaft im Juni 2015 für richtig gehalten, wenige Wochen vor dem ursprünglich geplanten Prozessbeginn eine Anklage gegen Holger Härter und mich nachzuschieben. Die Staatsanwaltschaft hat in den vergangenen sechs Jahren verzweifelt versucht, der der zweiten Anklage zu Grunde liegenden Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008 irgendetwas Strafbares anzudichten. Die Kommunikation von Porsche war auch am 26. Oktober 2008 zutreffend. Zu dieser Überzeugung war die Staatsanwaltschaft selber auch schon 2012 gelangt, bevor sie auf Intervention von Leerverkäufern neue Ermittlungen gestartet hat.“

Über „Wetten gegen VW“

„Porsche ist durch diverse Hedgefonds bei verschiedenen Gerichten verklagt worden. Die Hedgefonds sind mit Leerverkäufen hochspekulative Wetten gegen VW eingegangen. Sie haben diese Wetten im Herbst 2008 verloren. Und sie bemühen sich seit Jahren erfolglos im In- und Ausland, ihren Wetteinsatz wieder hereinzuholen. Mit der nachgeschobenen, zweiten Anklage will die Staatsanwaltschaft die Hedgefonds offensichtlich unterstützen. Meines Erachtens hätte die Staatsanwaltschaft vor Erhebung der Anklage einmal kritisch hinterfragen sollen, auf wessen Seite sie sich da geschlagen hat. Immerhin haben die Hedgefonds die Wirtschafts- und Finanzkrise mit verursacht. Und ich bin überzeugt, dass sie auch für die Kursturbulenzen der VW-Aktie aus dem Herbst 2008 verantwortlich sind. Dass gerade diese ‚Spezialisten‘ von der Staatsanwaltschaft zu Opfern stilisiert werden, kann ich nicht nachvollziehen.“

„Wenn ich so gerechnet hätte wie der Staatsanwalt, wäre ich zu Recht hier angeklagt worden“, sagt Ex-Porsche-Finanzchef Härter. „Ich bin froh, dass es jetzt im Urteil offiziell mal gesagt wurde, dass Porsche nicht die Pleite drohte, dass wir drei Milliarden Liquidität am 26. Oktober 2008 hatten und jederzeit Zugriff auf weitere vier Milliarden Euro“, betont Härter.

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