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14.07.2011

14:35 Uhr

Porträt

Leo Kirch - der Herr der Filme

Leo Kirch hat als Unternehmer ein Imperium aus dem Nichts geschaffen. Zur besten Zeit arbeiteten 10.000 Menschen für ihn. Doch dann kam der jähe Absturz. Eine bewegte Lebensgeschichte.

Ein Foto aus den Krisenzeiten: Leo Kirch und der Rosenmontagszug 2002 in Köln. Quelle: ap

Ein Foto aus den Krisenzeiten: Leo Kirch und der Rosenmontagszug 2002 in Köln.

MünchenLeo Kirch hat hoch gepokert und viel verloren. Aus eigener Kraft hat der Sohn eines fränkischen Winzers einen der mächtigsten Film- und Fernsehkonzerne Europas mit fast 10.000 Beschäftigten aufgebaut. Doch im Frühjahr 2002 musste Kirch im Alter von 75 Jahren zusehen, wie sein Lebenswerk zerbrach: Die Kirch-Gruppe war pleite.

Umwerfen ließ sich Kirch davon aber nicht. „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen“, sagte der gläubige Katholik lakonisch und arbeitete in den folgenden Jahren trotz gesundheitlicher Probleme infolge von Diabetes aus seinem Münchner Stadtbüro weiter und mischte im Verborgenen auch in der Medienbranche mit. „Kirch ist bis zum letzten Atemzug Unternehmer“, sagte ein langjähriger Vertrauter einmal über ihn. Am Donnerstag starb Leo Kirch im Alter von 84 Jahren im Kreise seiner Familie.

Jahrzehntelang war Kirch die graue Eminenz der deutschen Medienlandschaft. Kirch galt als unersättlich, gewieft und risikobereit - eine Kombination, die nicht nur seine Gegner fürchteten. Auch in der Öffentlichkeit mischte sich die Bewunderung für den „Herren der Filme“ mit zunehmender Größe seines Konzerns mit einer Furcht vor einem übermächtigen „Big Brother“ aus Bayern. Wie bei kaum einem anderen deutschen Unternehmen war der Name des Gründers verknüpft mit dem seines Konzerns. Lange Zeit konnte er aus seinem Büro in der Firmenzentrale in Ismaning bei München ohne Kontrollmechanismen Milliarden bewegen und die deutsche Medienkonkurrenz in Angst und Schrecken versetzen.

Das Leben und Wirken des Leo Kirch

Die Herkunft von Leo Kirch

Der Medienunternehmer wurde am 21. Oktober 1926 in Würzburg geboren und ist jetzt im Alter von 84 Jahren gestorben. Sein Vater Robert war ein fränkischer Spengler und Nebenerwerbswinzer. Leo Kirch hat einen Bruder (Robert) und wuchs im Dorf Fahr bei Volkach auf.

Wo Dr. Kirch ausgebildet wurde

Leo Kirch studierte Betriebswirtschaft und Mathematik in seiner Geburtsstadt und in München, wo er später auch als Assistent arbeitete. Promoviert wurde er 1952 mit einer empirischen Untersuchung über den "Einfluss des Raumes auf die Reichweite des Verkehrs".

Familie

Mitte der 1950er-Jahre heiratete Leo Kirch. Seine Frau brachte 1957 Sohn Thomas zur Welt. Der einzige Sohn des Milliardärs war an der Kirch-Gruppe beteiligt, galt aber nie als potenzieller Nachfolger seines Vaters an der Spitze des Medienkonzerns.

Die Wurzeln von Kirchs Medienimperium

1955 legte Leo Kirch den Grundstein für sein späteres Medienimperium: Er gründete die Sirius-Film GmbH und kaufte Rechte an Kinofilmen mit dem Ziel, diese im Fernsehen auszustrahlen. Die vier Jahre später ins Leben gerufene Firma Beta-Film entwickelte sich zu einem Herzstück der späteren Kirch-Gruppe. Mit seiner Vertriebsfirma Taurus-Film wurde der Unternehmer innerhalb weniger Jahre zu einem unverzichtbaren Geschäftspartner der Sender ARD und ZDF.

Pionier des Privatfernsehens

Kirch spielte als Gesellschafter der Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenfernsehen (PKS) eine maßgebliche Rolle bei der ersten Ausstrahlung eines deutschen Privatfernsehprogramms am 1. Januar 1984. Aus der PKS entwickelte sich Sat 1 und später ProSieben, Kabel 1, N 24 sowie das Deutsche Sportfernsehen (DSF), K-toon/Junior und Neun Live. Bei sämtlichen Sendern hatte Kirch großen Einfluss.

Erfolgsgeheimnisse

Zum einen strebte Kirch nach einer Monopolisierung, zeitweise stammte jeder zweite im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Film aus seinem Archiv; Ende der 1990er Jahre beherrschten zwei Senderblöcke den deutschen Privatfernsehmarkt: Kirchs Gruppe und die vom Bertelsmann-Konzern kontrollierte RTL-Group. Zum anderen wurde der Unternehmer bald auch in der Filmproduktion aktiv. So kontrollierte er die gesamte Verwertungskette von Medieninhalten - von der Herstellung über den Vertrieb, Senderechte, Synchronisation, Verleih, Video, Merchandising bis hin zur Ausstrahlung.

Einstieg bei Springer

Beim Börsengang des Axel-Springer-Verlags 1985 sicherte sich Leo Kirch einen Zehn-Prozent-Anteil. Als der Unternehmer diesen erhöhen wollte, kam es zum Streit mit Springer. Letztendlich hielt Kirchs Gruppe 40 Prozent an dem Verlag und zog Mitte 1993 in dessen Aufsichtsrat ein.

Scheu vor der Öffentlichkeit und deren Folgen

Leo Kirch stellte die Öffentlichkeit vor zahlreiche Rätsel. Unklar war etwa, ob der „Medienmogul“ in Folge einer starken Diabetes eine Sehschwäche hatte oder fast komplett blind war. Einblick in das Privatleben des Unternehmers war fast unmöglich. Die Geschäftspraxis seiner Unternehmen kam nur durch einige Gerichtsprotokolle ans Licht.

Bezahlfernsehen - auf's falsche Pferd gesetzt

Von 1989 setzte Kirch auf Bezahlfernsehen, in Kooperation mit Bertelsmann und dem französischen Canal Plus hob er den analogen Bezahlsender Premiere aus der Taufe. Probleme bei der Digitalisierung machte der von einem Kirch-Unternehmen entwickelte Decoder, die sogenannte D-Box, weil sie als störanfällig und kompliziert zu bedienen wahrgenommen wurde. Als sich Bertelsmann und Canal Plus bei Premiere zurückzogen, übernahm Kirch den Sender komplett und machte ihn zusammen mit seinem digitalen Bezahlkanal DF1 zu Premiere World. Abonnenten wollte er vor allem durch Vermarktungsrechte für Fußball und Formel 1 gewinnen. Letztlich kostete ihn das Bezahlfernsehen die Herrschaft über sein Unternehmen.

Gläubiger Katholik

Leo Kirch ist gläubiger Katholik. In einem Interview kommentierte er das drohende Aus für sein Unternehmen Anfang 2002 mit den Worten Hiobs: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.“

Durch seine Zurückhaltung in der Öffentlichkeit - lange Zeit gab es nicht einmal Fotos von dem Unternehmer - wurde der Mythos noch verstärkt. Einen seiner wenigen öffentlichen Auftritte hatte Kirch im Mai 2008 als Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem er persönlich befreundet war. Die guten Kontakte Kirchs zu einflussreichen Politikern und großzügige Kredite der Banken trugen in Kirchs besten Jahren zum Eindruck des machtbesessenen Medienmoguls bei. „Wenn Leo Kirch in Schwierigkeiten kommt, freut sich halb Deutschland“, schrieb der Medienwissenschaftler und SPD-Politiker Peter Glotz im Juni 1998 über den „ungeliebten Tycoon“. Damals war die Fusion des Digitalfernsehens DF1 mit Premiere untersagt worden - für Kirch eine schwere Niederlage.

Kommentare (1)

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m2t

14.07.2011, 14:55 Uhr

einer der letzten großen unternehmer ist von uns gegangen. einer der unternehmer war aus leib und seele. einer der seine persönlichen bedürfnisse in den hintergrund stellte und bis zuletzt sehr bescheiden lebte. einer der auch gerade wegen seiner menschlichen seite sehr geschätzt wurde. einer der selbst sein werk errichtete und der den eigenen mitarbeitern nicht fremd war, sondern einer für den seine mitarbeiter gerne arbeiteten. selbst als er mit seinem unternehmen scheiterte, konnte es sich der loyalität seiner mitarbeiter und freunde sicher sein.

ruhe in frieden leo kirch.
wir sehen uns in der ewigkeit.

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