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04.07.2014

12:56 Uhr

Prognosen-Check

Welche Unternehmen die Anleger enttäuschten

VonTobias Döring

Scheinbar haben fast alle Dax-Konzerne ihre Erwartungen für 2013 erfüllt. Doch eine Studie zeigt: Fast die Hälfte gab keine belastbare Prognose ab, viele waren ungenau. Die Transparenz bleibt immer mehr auf der Strecke.

Bilfinger-Chef Roland Koch: Der ehemalige Ministerpräsident von Hessen musste die Prognose für den Konzern zurückschrauben – die Aktie stürzte ab. dpa

Bilfinger-Chef Roland Koch: Der ehemalige Ministerpräsident von Hessen musste die Prognose für den Konzern zurückschrauben – die Aktie stürzte ab.

Düsseldorf/FrankfurtWie gut manche Prognose ist, zeigte sich erst am Montagabend einmal wieder: Da musste Roland Koch eingestehen, dass es mit einem Gewinnzuwachs bei Bilfinger nichts wird. Im Gegenteil: Der bereinigte Gewinn (Ebita) des Bau- und Dienstleistungskonzern werde unter den 419 Millionen Euro aus dem Geschäftsjahr 2013 liegen. Die Anleger reagierten entsetzt auf die Ankündigung des Vorstandschef: Der Kurs des MDax-Unternehmens rauschte um bis zu 17 Prozent in den Keller und erreichte ein Zwölf-Monats-Tief.

Wie genau oder ungenau die Konzerne mit ihren Prognosen sind, haben jetzt die Anlegerschützer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und die Beratungsgesellschaft Kirchhoff Consult untersucht. In ihrer am Freitag vorgestellten Studie haben sie die Geschäftsberichte der Dax-30-Konzerne aus dem Jahr 2013 genau unter die Lupe genommen.

So transparent oder intransparent waren die Prognosen

Beispiele für niedrige Transparenz – Beiersdorf

Dem Kosmetikkonzern kreiden die Studien-Autoren an, das Ergebnis nicht quantifiziert zu haben: „ (..) Ebit-Umsatzrendite des Konzerns erwarten wir leicht über der des Vorjahres“, heißt es im Prognosebericht, der lediglich zwei Seiten lang ist. Darin findet sich auch ein Werbeblock: „Wir sind davon überzeugt, dass wir mit unserem international erfolgreichen Markenportfolio, unseren innovativen und qualitativ hochwertigen Produkten (...) für die zukünftige Entwicklung gut aufgestellt sind.“

Heidelberg Cement

Der Prognosebericht ist nicht gänzlich intransparent (s.u.), es gibt aber Redundanzen: 2,5 Seiten für den gesamtwirtschaftlichen Überblick und Rückblick auf die Geschäftstätigkeit im vergangenen Jahr haben die Autoren der Studie gezählt.

Merck

Die Studie bemängelt bei Merck den Aufbau des Berichts und Redundanzen: Mischung von Segmenten und Märkten sowie Wiederholung einiger Produktinitiativen in mehreren Abschnitten (teilweise Identische Aussagen).

Deutsche Bank

Auch die Deutsche Bank erschwert die Transparenz für Investoren. Es gibt keine Prognose, sondern Ziele für 2015: „Bei Auflegung unserer Strategie 2015+ hatten wir geplant, unser Ergebnis vor Steuern bis 2015 auf 2,4 Mrd. Euro zu erhöhen.“

Beispiele für hohe Transparenz – Deutsche Telekom

Die Deutsche Telekom gibt weitaus mehr in ihren Erwartungen Preis, als sie müsste. Mitarbeiterentwicklung und -förderung in den kommenden Jahren, Corporate Citizenship und CSR-Aktivitäten (Verweis auf Corporate-Responsibility-Kapitel) waren laut den Autoren der Studie von DSW und Kirchhoff Consult ein Schwerpunkt.

Heidelberg Cement

Der Baustofflieferant setzt einen ähnlichen Schwerpunkt: Mitarbeiterentwicklung und -förderung in den kommenden Jahren („Management Ausbildungsprogramm SUMMIT“), Corporate-Citizenship-Aktivitäten ( „ (..) freiwillige Aktivitäten an unseren Standorten entsprechen unseren Corporate-Citizenship-Richtlinien (und) sollen positive Ergebnisse zum Wohl der Gesellschaft erzielen“); CSR-Aktivitäten und Umweltverantwortung („Schwerpunkte auf Klimawandel, Biodiversität (..) nachhaltig produzierten Beton (..) Umwelt-Audits“).

SAP

Die Prognose zu nicht-finanziellen Aktivitäten werde immer wichtiger, halten die Autoren der Studie fest. Beim Softwarekonzern SAP finden sich ebenfalls Angaben zur Mitarbeiterentwicklung und -förderung in den kommenden Jahren.

Siemens

Das Umweltportfolio mit Fokus auf Klima- und Umweltschutz zeichnet den Prognosebericht von Siemens aus. Der Industriekonzern berichtet dort außerdem über die Mitarbeiterentwicklung und -förderung in den kommenden Jahren.

Quelle: Studie zur Prognoseberichterstattung und Prognosegenauigkeit im Dax 30; Autoren: DSW und Kirchhoff Consult; Grundlage: Geschäftsberichte der Konzerne 2012 und 2013

Das zunächst positive Ergebnis: Die Erwartungen, die die Unternehmen in ihren Berichten ein Jahr zuvor geäußert hatten, wurden größtenteils erfüllt. Von den 17 Konzernen, die in ihren Geschäftsberichten 2012 eine Prognose abgegeben hatten, erfüllten elf ihre selbst aufgestellten Erwartungen, mit Adidas, Allianz, Henkel und Munich Re übertrafen vier sie sogar. Einzig der Pharma- und Chemiekonzern Bayer und der Industriekonzern Siemens rissen ihre Prognose.

Ärgerlich aus Sicht der Anleger ist jedoch: 13 Konzerne haben ihre Erwartungen erst gar nicht in Zahlen ausgedrückt. „Für die Aktionäre sind Fehlprognosen in der Regel eine äußerst kostspielige Angelegenheit“, wagte DSW-Präsident Ulrich Hocker bei der Vorstellung der Studie in Frankfurt eine Begründung, warum viele Konzerne auf Prognose verzichteten. „Kurse reagieren nun einmal empfindlich, wenn geweckte Erwartungen nicht erfüllt werden“, sagte er laut Redemanuskript. Die Prognosen der Konzerne seien zudem einfach sehr konservativ, meinen die Autoren. Auch das hilft dabei, die Erwartungen zu erfüllen.

Bei ihren Prognosen werden die Unternehmen zudem immer einfallsreicher. Denn die meisten wollen sich nicht auf eine genaue Zahl festlegen. Das zeigt sich auch in den aktuellen Geschäftsberichten 2013: Nur vier von mittlerweile 19 Dax-Konzernen mit quantitativen Angaben wagten beim Gewinn für das laufende Geschäftsjahr eine Punktprognose. Die Unternehmen setzen hingegen auf Prognosekorridore, zehn Mal wurde ausschließlich qualitative Tendenzen angegeben, schreiben die Autoren von DSW und Kirchhoff Consult.

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