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27.01.2006

07:00 Uhr

Prozessbeginn

Enron-Chef Lay: Held oder Schurke?

VonAnnette Kiefer

Für Garrett Ashmore war er jahrelang der edle Held, der sein Leben veränderte. Enron-Chef Kenneth Lay finanzierte ihm als Schüler einen Austausch nach Russland, obwohl er ihn noch nie getroffen hatte.

HOUSTON. Und er blieb jahrelang mit dem Jungen in Kontakt – bis Lay ihn später als diplomierten Ökonomen für Enrons Breitbandsparte einstellte.

„Deshalb fällt mir das alles jetzt auch so schwer. Es ist so, als ob dich dein Superheld zuerst aus der Gosse holt und dir anschließend alles wieder wegnimmt“, sagt Ashmore. Einen Moment lang sitzt der kernige Geschäftsmann beim Interview mit der Zeitung „Houston Chronicle“ da wie ein Häufchen Elend. Doch plötzlich kommt dem 30-Jährigen wieder die Galle hoch: „Ich habe denen geholfen, Millionen zu verdienen, und dann haben sie mir meine Millionen durch ihre Betrügereien ausgelöscht. Diese Menschen haben mir sieben Jahre meines Lebens gestohlen.“

Das typisch Laysche Wechselbad der Gefühle: Ist der frühere Chef des US-Energiekonzerns Enron der Bösewicht oder der Held? Klarheit soll der Strafprozess bringen, der an diesem Montag in Houston/Texas beginnt. Lay werden Betrug, Geldwäsche und Verschwörung in seiner Zeit als Chef des einst größten Energiehandelsunternehmens der Welt vorgeworfen, das so spektakulär zusammenbrach. Mit ihm sitzt Ex-Enron-Chef Jeff Skilling auf der Anklagebank.

Auch fast fünf Jahre nachdem Enrons Luftschlösser in sich zusammenfielen, haben sich Ex-Enronianer noch kein einhelliges Urteil über ihren ehemaligen Häuptling gebildet. Manche glauben noch immer daran, dass Lay keine Ahnung vom wahren Ausmaß der Bilanzfälschungen hatte – Motto: Wenn der Chef das gewusst hätte, wäre alles anders gekommen. Lay selbst beteuerte in einem TV-Interview: „Ich habe immer so gelebt, dass ich keine Gesetze übertrete.“

Der heute 63-jährige Lay war nicht nur für Garrett Ashmore ein Idol. Halbglatze, Lachfältchen, glatt rasiertes Mondgesicht, freundliche Augen: Der ideale Vatertyp und gleichzeitig einer von ihnen. Ein Ex-Underdog, der ganz groß rausgekommen ist. Lay, aufgewachsen in armen Verhältnissen als Sohn eines Baptistenpredigers, verkörpert den US-Traum von Aufstieg und Erfolg wie kaum ein anderer. In seiner Jugend reichte es manchmal nicht für den traditionellen Truthahn zum Erntedankfest. Trotzdem schafft er es und lehrt mit 27 Jahren an der renommierten George-Washington-Universität.

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