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18.11.2013

16:56 Uhr

Quotenregel für Aufsichtsräte

Die meisten Dax-Konzerne lassen Frauen außen vor

VonMartin Dowideit, Dietmar Neuerer

ExklusivDie gesetzliche Frauenquote für Aufsichtsräte soll kommen. Gerade einmal jeder vierte Dax-Konzern erfüllt sie. Die Suche nach qualifizierten Frauen würde hart werden. Deswegen rebellieren CDU-Wirtschaftspolitiker.

Goldröcke: So werden qualifizierte Aufsichtsrätinnen zuweilen genannt. Getty Images

Goldröcke: So werden qualifizierte Aufsichtsrätinnen zuweilen genannt.

Düsseldorf/BerlinIn den Koalitionsverhandlungen haben sich Union und SPD auf Vorgaben für Frauenquoten in Unternehmen geeinigt. Ein Baustein: Mindestens 30 Prozent der Aufsichtsräte sollen ab 2016 weiblich sein. Aus dem Umfeld der Verhandlungsparteien heißt es, dass die Quote für den gesamten Aufsichtsrat berechnet werden soll – und nicht getrennt für Vertreter von Anteilseignern und Arbeitnehmern.

Derzeit erfüllt einer Übersicht von Handelsblatt Online zufolge gerade einmal jeder vierte Dax-Konzern die Frauenquote. Perfekte Musterschüler sind derzeit lediglich Henkel, Deutsche Bank, Beiersdorf und Allianz. Bei diesen vier Firmen überschreiten sowohl Anteilseigner als auch Arbeitnehmer die 30-Prozent-Schwelle im Aufsichtsrat.

Vier weitere Dax-Konzerne können dank weiblicher Arbeitnehmervertreter sorgenfrei in die Zukunft schauen. Denn Commerzbank, Deutsche Post, Deutsche Telekom und Lufthansa überschreiten die Grenze dank starker Präsenz von Frauen auf der Arbeitnehmerseite. So ist im 20-köpfigen Aufsichtsrat der Lufthansa die Chefin des Maschinenbauers Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller, die einzige Frau unter den zehn Vertretern der Anteilseigner. Auf der Tischseite der Arbeitnehmer sitzen aber fünf Frauen – Christine Behle, Doris Krüger, Ilona Ritter, Christina Weber und Birgit Weinreich.

Bislang liegt die durchschnittliche Frauenquote der 30 Dax-Konzerne einer Übersicht von Handelsblatt Online zufolge bei 22 Prozent (2012: 18%, 2011: 13,4%). Betrachtet man die Anteilseigner für sich, liegt die Quote bei 18 Prozent. Besser schneiden die Arbeitnehmervertreter ab: Ihre Frauenquote über alle Dax-Unternehmen hinweg liegt bei 26 Prozent.

Frauenquote in anderen Ländern

Frankreich

In Frankreich sollen bis 2017 mindestens 40 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich sein. In einem ersten Schritt soll die Frauenquote bis 2014 auf 20 Prozent angehoben werden. Die Vorschrift gilt für börsennotierte Unternehmen sowie alle Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten oder mehr als 50 Millionen Euro Umsatz. Auch im Staatsdienst hat Frankreich eine Frauenquote eingeführt, mit der bis 2018 ein Anteil von 40 Prozent Frauen in Spitzenpositionen erreicht werden soll.

Spanien

In Spanien wurde 2007 eine gesetzliche Quote verabschiedet. Sie verpflichtet Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten dazu, bis 2015 einen Frauenanteil in der Chefetage von 40 Prozent zu erreichen. Dieses Minimum gilt demnach auch für Männer, so dass mehr als 60 Prozent Frauen nicht möglich wären. Spanien fördert das Modell, indem Firmen bei öffentlichen Aufträgen der Vorzug gegeben wird, die die Quote erfüllen.

Belgien

Belgien hat im Sommer 2011 eine Quote festgeschrieben. Sie sieht einen Anteil von jeweils mindestens einem Drittel Frauen und Männern in Führungsgremien von börsennotierten und staatlich kontrollierten Unternehmen vor. Für erstere sind laut Brüssel Sanktionen vorgesehen. Danach wäre jede Neubesetzung eines Postens automatisch nichtig, falls ein Unternehmen die Quote verletzt.

Niederlande

Im Mai 2011 wurde von den niederländischen Nachbarn ein Gesetz verabschiedet, das ab 2016 mindestens 30 Prozent Frauen und Männer in Vorständen vorsieht. Es bezieht sich auf börsennotierte Firmen sowie sonstige Unternehmen, wenn diese mindestens 250 Mitarbeiter beschäftigen.

Italien

Italien führte im Sommer 2011 eine Quote ein, die für börsennotierte sowie vom Staat kontrollierten Unternehmen gilt. Ab 2015 müssen demnach beide Geschlechter je mindestens ein Drittel der Vorstände stellen. Unternehmen, die sich nicht an die Vorgaben halten, drohen Sanktionen.

Norwegen

Das Nicht-EU-Land Norwegen gilt in Europa bei Frauenquoten als Vorreiter. Nach verschiedenen Gesetzen, die bis ins Jahr 2003 zurückreichen, müssen die Vorstände staatlicher und großer börsennotierter Konzerne zu rund 40 Prozent mit Frauen besetzt sein. Allerdings sind nicht an der Börse notierte Unternehmen davon befreit, obwohl sie die Mehrheit der norwegischen Firmen ausmachen.

Island

Der EU-Anwärter hat 2010 ein Quoten-Gesetz erlassen. Es sah vor, dass bis September 2013 jedes Geschlecht mit mindestens 40 Prozent in den Vorständen bestimmter Unternehmen vertreten ist, wobei hier wie in anderen Ländern Schwellen bei der Mitarbeiterzahl gelten.

Abgeschlagen sind der Gesundheitskonzern Fresenius und seine ebenfalls im Dax notierte Tochter Fresenius Medical Care. Dort schicken weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber Frauen in den Aufsichtsrat. Beim Autozulieferer Continental liegt die Frauenquote bei fünf Prozent im Aufsichtsgremium, beim Baustoffkonzern Heidelberg Cement bei acht Prozent. Der Initiative „Frauen in Aufsichtsräte“ zufolge liegt die Frauenquote bezogen auf 160 börsennotierte deutsche Unternehmen bei 17,4 Prozent. In jedem fünften Aufsichtsrat seien Männer unter sich.

Kommentare (17)

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Bedenken

18.11.2013, 13:38 Uhr

Also wenn man so Leute wie diesen SPD Beck in den Vorstand hieven kann, ohne dass der Konzern pleite geht, dann dürfte die Frauenquote nicht das geringste Problem darstellen.

Wenn man so die kritischen Bedenken liest, kann man sich der Vermutung nicht entziehen, dass die Männer gewaltige Schiss haben, entthront zu werden, weil es gut laufen könnte. Wäre schon schlecht oder?

Die Frauen dürfen sich auf jeden Fall auf Miesmacherei und unerwartete Querschläge einstellen. Geschenkt wird ihnen nichts werden - im Gegenteil. Doch aufzuhalten ist der Zug doch nicht.

Benutzername

18.11.2013, 13:52 Uhr

HB: "Die Suche nach qualifizierten Frauen würde hart werden."

Das ist überhaupt kein Problem – man kann ja einfach auf die hervorragend qualifizierten Frauen aus der Politik zurückgreifen – die sich auf diese Weise sozusagen ihre eigene „Anschlussverwendung“ in den Koalitionsvertrag hineingeschrieben haben.

Und da Aufsichtsräte börsennotierter AGs ganze ZWEI Sitzungen im Kalenderjahr abhalten müssen (§110 Abs. 3 AktG), besteht auch überhaupt kein Knappheitsproblem: Jede der Damen bekommt einfach mehrere dieser Mandate in verschiedenen Firmen (jeweils mit entsprechender Vergütung, versteht sich), und schon ist die Quote erfüllt.

Wahrhaftigkeit

18.11.2013, 13:59 Uhr

Frauenquote, was für ein langweiliges Thema. Von mir aus können 100 Prozent im Aufsichtsrat sitzen oder im Vorstand. Hauptsache das Unternehmen floriert. Aber ich kann das Thema nicht mehr hören.

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