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02.01.2008

13:33 Uhr

Raiffeisenbank Gammesfeld

40 Jahre Einsamkeit

VonChristian Schnell

Eine Mischung aus Hartnäckigkeit und Bauernschläue: 40 Jahre lang führte Fritz Vogt eine der kleinsten Banken Deutschlands, der Name „Raiffeisenbank Gammesfeld“ steht für Widerstand und Misstrauen gegenüber „von oben“ verordneten Vorschriften. Ab heute wird Peter Breiter hauptamtlicher Geschäftsführer – ein Spagat zwischen Tradition und Moderne.

GAMMESFELD. Die „Kienzle“ kam als letzte technische Neuerung und muss jetzt wohl als erste gehen. 11 000 Mark hatten die Verantwortlichen der Raiffeisenbank Gammesfeld 1968 für die Buchungsmaschine ausgegeben, um von ihren Kunden auch Schecks und Überweisungen entgegennehmen zu können. Nun hat sie ausgedient. Schließlich haben Führungswechsel in der Regel auch immer Veränderungen bei Arbeitsabläufen zur Folge.

Peter Breiter heißt der Neue, der ab heute die Rolle des hauptamtlichen Geschäftsführers in der nach außen hin unscheinbaren Bank mit der großen Außenwirkung übernimmt. Denn der Name „Raiffeisenbank Gammesfeld“ ist in der deutschen Bankenszene ein Phänomen, gilt er doch als Synonym für Widerstand und Misstrauen gegenüber allem, was „von oben“ an Vorschriften auf kleine Regionalbanken aufgeladen wird. Auf Breiter kommt demnach nicht nur die Arbeit in einer der kleinsten Banken Deutschlands zu, er muss auch mit deren überregionalem Image als „Rebellenbank“ umgehen. Das hat die Bank vor allem Breiters charismatischem Vorgänger Fritz Vogt zu verdanken. Der inzwischen 77-Jährige führte das Ein-Mann-Institut in den letzten 40 Jahren mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, Verbundenheit zur Raiffeisen-Idee und Bauernschläue. Mit dem Jahreswechsel hat er endgültig seinen Hut genommen.

Der Grundkonflikt zwischen der kleinen Bank auf der einen und Bankenaufsicht und Genossenschaftsverband auf der anderen war stets der gleiche: Die Bank aus dem 530-Seelen-Dorf im hügeligen Hohenloher Land – irgendwo zwischen Schwäbisch Hall und dem Touristen-Mekka Rothenburg ob der Tauber – ist zu klein, um im Zuge der immer größeren Bankeinheiten selbstständig bestehen zu können. Schließlich blieben von 516 genossenschaftlichen Banken, die es im Jahr 1990 im Württembergischen Genossenschaftsverband noch gab, im vergangenen Jahr lediglich 176 übrig. Die Gammesfelder sind mit ihren 260 Mitgliedern dabei an letzter Stelle. „Die Bank stellt sicherlich so etwas wie ein genossenschaftliches Biotop dar“, bringt es Verbandsdirektor Gerhard Schorr auf den Punkt.

Im Kleinen musste sich die Raiffeisenbank gegen die sechs umliegenden Genossenschaftsbanken behaupten, die sich bereits vor Jahren zusammengeschlossen haben und innerhalb deren die Gammesfelder Bank wie das kleine gallische Dorf aus „Asterix und Obelix“ herausragt. Weil die kleine Bank mit der Bilanzsumme von 19,3 Millionen Euro in den vergangenen Jahren jedoch keinen Euro in den technischen Fortschritt investiert hatte, arbeitete sie profitabler und bot dazu oft noch die besseren Konditionen. Im Großen war es vor allem der jahrelange Konflikt mit der Finanzaufsicht BaFin, der Vorgängerin des Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen, der die Bank überregional bekannt gemacht hat. Weil Vogt das 1976 eingeführte „Vier-Augen-Prinzip“ nicht erfüllte, wurde dem Institut 1984 die Banklizenz entzogen. Vogt machte trotzdem alleine weiter. Und hätte ihn 1990 das Bundesverwaltungsgericht nicht freigesprochen, Vogt wäre wegen illegalen Bankbetriebs für drei Jahre ins Gefängnis gegangen.

Seitdem schwelte ein Dauerkonflikt zwischen beiden Parteien, bei dem bislang stets absehbar war, dass er sich wegen des hohen Alters von Vogt lösen wird – bis die Sache vor knapp zwei Jahren eine überraschende Wende nahm. Die Raiffeisenbank Gammesfeld und der Genossenschaftsverband in Stuttgart entschlossen sich, die Stelle Vogts neu auszuschreiben. Wohl wissend, dass es schwierig werden dürfte, Bewerber für die seit Jahrzehnten optisch wie technisch unveränderte Bank zu finden. Zumal die Ausschreibung den Zusatz enthielt: „Die Buchung erfolgt manuell.“ Wenn Fritz Vogt bisher Schecks und Überweisungen entgegennahm, buchte er sie auf der „Kienzle“ und schickte das Ergebnis dann per Post ans Rechenzentrum in Stuttgart.

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