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21.09.2011

11:43 Uhr

Ratgeber

Karriere-Tipps, auf die Sie nicht hören sollten

VonBritta Beeger

Nach dem Ausland kommt der Aufstieg, gute Netzwerke bringen einen immer an die Spitze und der Doktortitel ist ein Karriere-Turbo? Viele dieser Regeln gelten heute nicht mehr – und können der Karriere sogar schaden.

In der Rubrik „Karriere Tipp“ widmet sich Handelsblatt Online wöchentlich Themen rund um Beruf, Büro und Bewerbung. CAEPSELE

In der Rubrik „Karriere Tipp“ widmet sich Handelsblatt Online wöchentlich Themen rund um Beruf, Büro und Bewerbung.

DüsseldorfDavid Croyé entschied sich früh, seinen eigenen Weg zu gehen. Mit 22 schmiss er nach nur vier Semestern sein Architekturstudium, um sich ganz auf das zu konzentrieren, was ihm wirklich Spaß machte. Croyé nahm sich eine Auszeit und brachte sich selbst alles darüber bei, wie Suchmaschinen wie Google funktionieren und wie er eine Website aufbauen muss, damit sie unter den ersten Treffern landet. Zwei Jahre lang las er Bücher und Blogs, stöberte in amerikanischen Foren, und testete an seinen eigenen Internetseiten immer wieder selbst aus, was gut funktionierte – und was nicht.  

Die harte Arbeit hat sich gelohnt: Heute, mit 27, ist Croyé Online-Marketing-Chef bei Kaufda.de - einer Plattform, auf der Nutzer in Prospekten von Aldi, Kaufhof oder Praktiker gezielt nach Angeboten in ihrer Stadt suchen können - und leitet ein Team von 20 Mitarbeitern. „Ich habe wirklich genau den Job gefunden, den ich gerne machen will“, sagt der zugezogene Berliner.

Die Laufbahn von David Croyé ist nur eine von vielen die zeigen, dass viele alte Karriereregeln heute so nicht mehr gelten: Etwa, dass man ohne Studium nicht aufsteigen kann, es ohne Auslandserfahrung nie an die Spitze bringt oder eine Top-Karriere nur in einem großen Konzern macht. „Viele dieser Karriereregeln sind reine Mythen“, sagt Headhunter Marcus Schmidt, der seit über zehn Jahren Unternehmen und Führungskräfte berät.

Auch Karrierecoach Martin Wehrle, Autor des Buchs „Lexikon der Karriere-Irrtümer“ ist überzeugt, dass viele oft gehörte Regeln im echten Leben gar nicht zutreffen. „Im Gegenteil“, so Wehrle, „einige vermeintliche Karriere-Turbos können den Aufstieg sogar bremsen.“

12 Karriere-Mythen

Mit 50 ist man zu alt für die Karriere

Nein! In der Realität gibt es diese Altersschranke oft gar nicht, glaubt Headhunter Marcus Schmidt: „Manche Mandanten suchen sogar explizit Führungskräfte ab 50, weil sie viel Wert auf Erfahrung legen und nicht wollen, dass der Neue gleich wieder weiterzieht.“ Zudem gilt in Deutschland seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das eine Diskriminierung aus Altersgründen verbietet.

Seine Erfahrungen hat Schmidt in dem Buch „Die 40 größten Karrieremythen“ niedergeschrieben. Handelsblatt Online hat die spannendsten Zitate ausgewählt.

Ohne Doktortitel geht es nicht

„Die Frage, ob man promovieren soll oder nicht, hängt von der angestrebten Karriere ab“, sagt Schmidt. Denn die Promotion koste immer auch Zeit – in der Diplomanden ein vergleichsweise geringes Gehalt beziehen. „Nicht alle jungen Berater, Anwälte und Wirtschaftsprüfer wollen in einem Unternehmen zum Partner aufsteigen oder erreichen dieses Ziel.“

Eine Top-Karriere macht man nur im großen Konzern

Falsch! Entscheidend für die Karriere sei nicht, bei welchem Unternehmen man arbeite, sondern welche Aufgaben und Entfaltungsmöglichkeiten man habe, sagt Personalberater Schmidt. „Gerade in weniger etablierten Unternehmen gibt es oftmals spannendere und weniger standardisierte Aufgaben als in Großkonzernen“, so Schmidt.

Nur wer sich anpasst kommt weiter

Im Gegenteil: Eigene, gut argumentierte Überzeugungen hält Headhunter Marcus Schmidt für unabdingbar. „Wer nur mitläuft, um ja keinen Fehler zu machen, kann nichts Herausragendes leisten und wird nicht dauerhaft auf sich aufmerksam machen“, so Schmidt. So könne man sich nicht profilieren oder für die nächsten Ebenen empfehlen.

Der MBA ist ein Karriere-Turbo

Die deutsche Wirtschaft zeigt ein anderes Bild: Absolventen hätten sich selten in die Führungsetage hochgearbeitet, sagt Schmidt. Anders als der Doktortitel ist der MBA zudem kein normierter akademischer Grad, seine Vergabe wird also grundsätzlich nicht staatlich geregelt oder kontrolliert. Wer Studiengebühren von bis zu 70.000 US-Dollar auf sich nehme, solle deshalb das Renommee der Schule immer überprüfen.

Ohne Examen gibt es keinen Aufstieg

Muss man heute studieren, wenn man Karriere machen will? Nein, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Und einige prominente Konzernlenker geben ihm recht: Telekom-Chef René Obermann etwa hat sein Studium abgebrochen, und auch Klaus-Peter Müller, bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender, hat nie studiert.

Gehalt ist ein untrüglicher Gradmesser des Karriereerfolgs

Die Position mit Perspektive sei nicht immer die am besten bezahlte, sagt Marcus Schmidt. So könne sich für ein renommiertes Traineeprogramm ein kurzfristiger Gehaltsverzicht durchaus auszahlen - etwa, wenn das ausbildende Unternehmen in seiner Branche als Kaderschmiede gilt.

Ein Auslandsaufenthalt fördert die weitere Karriere

Nicht immer, sagt Headhunter Marcus Schmidt – stattdessen kann der Auslandseinsatz sogar zum Nachteil werden. „Oftmals sind es die Daheimgebliebenen, die dann verbleibende Inlandsposten unter sich aufteilen“. Sie säßen dann auf Stühlen, auf die Auslandsrückkehrer vergeblich spekulieren.

Der erste Job muss der richtige sein

Wer auf standardisierte Einstiegsprogramme in Unternehmen mit hohem Bekanntheitsgrad setze, müsse auch in Kauf nehmen, dass die eigene Berufslaufbahn nachgemacht wirkt, sagt Personalberater Marcus Schmidt. „Gehen Sie eigene Wege. Suchen Sie Ihren Einstieg ruhig gegen den Strich. Probieren Sie etwas aus, was sie wirklich interessiert.“

Karriere macht, wer mehr als 60 Stunden pro Woche arbeitet

Falsch, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Ebenso wichtig wie der tatsächliche Zeiteinsatz sei der gefühlte Zeiteinsatz. Und der definiere sich auch durch die Befriedigung mit der getanen Arbeit. „Wer es schafft, aus seines Arbeit weitgehend Befriedigung zu ziehen, muss auch nicht Karriereschablonen zum persönlichen Zeiteinsatz nachjagen.“

Frauen hindert die „gläserne Decke“ am Aufstieg

Tatsächlich finde sich diese „gläserne Decke“ vor allem in den Köpfen der männlichen Entscheider, glaubt Schmidt. Für weibliche Führungskräfte scheine sie hingegen kein Thema zu sein. „Viele Beratungsunternehmen und große Konzerne bitten uns öfter sogar explizit, nach weiblichen Kandidatinnen zu suchen.“

In der Wirtschaftskrise macht man keine Karriere

„In der Krise wählen Unternehmen bei der Besetzung von Stellen zwar sorgfältiger aus. Aber sie stellen trotzdem noch ein“, ist die Erfahrung von Marcus Schmidt. Gerade in Phasen des Umbruchs gebe es etwa die Chance zur Übernahme von Restrukturierungsjobs, bei denen wirklich die Fähigkeit der Verantwortlichen zählt.

So etwa ein Auslandsaufenthalt, der – so sagt eine Regel, die sich besonders hartnäckig hält – die Karriere immer fördert. Aber stimmt das wirklich? „Das Problem an einem Aufenthalt im Ausland ist, dass man in der Zentrale oft vergessen wird“, so Wehrle. Während man selbst in China, Indien oder Südamerika festsitze, pflegten die Kollegen in der Heimat ihre Kontakte und besetzten begehrte Posten. Der erhoffte Karrierekick bleibe für die Heimkehrer oft aus.

Das zeigen auch Studien verschiedener Unternehmensberatungen. Laut einer Untersuchung von Price Waterhouse Coopers aus dem Jahr 2005 wurden nach der Rückkehr aus dem Ausland nur 33 Prozent befördert, 58 Prozent verharrten auf dem gleichen Level, 9 Prozent wurden sogar zurückgestuft. Und laut einer Studie von Ernst & Young aus dem Jahr 2010 bewerten nur 22 Prozent der Unternehmen ihr eigenes Wiedereingliederungsprogramm als gut.

Auch aufgrund solcher Zahlen steht für Wehrle fest: Nur ins Ausland zu gehen, um seine Karriere voranzutreiben sei eine „Schnapsidee“.

So drastisch würde Sörge Drosten das wohl nicht ausdrücken. Drosten ist Partner bei der Personalberatung Kienbaum und hilft seit 13 Jahren Dax-Unternehmen und großen Mittelständlern, das richtige Personal zu finden. Er ist überzeugt, dass viele Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere nach wie vor gelten. Ohne ein gutes Studium und internationale Erfahrung komme man etwa in die großen Unternehmensberatungen gar nicht erst rein. Doch auch Drosten hat erlebt, dass viele Karriere-Tipps auch zum Nachteil werden können.

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