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17.09.2012

13:41 Uhr

Ratgeber

So werden Sie ein guter Chef

VonKatrin Terpitz, Thorsten Giersch

Fast alle Dax-100-Unternehmen haben schon Rat bei ihm gesucht: Reinhard Sprenger ist Deutschlands wohl bekanntester Managementberater. In seinem neuen Buch erklärt er, warum Firmen sich von Diven verabschieden müssen, Zielvereinbarngen und Awards Teufelszeug sind und warum vor allem Fremdoptimierer gefragt sind.

Manche Chefs versuchen es auf die harte Tour. WirtschaftsWoche

Manche Chefs versuchen es auf die harte Tour.

DüsseldorfReinhard Sprenger coacht Vorstände und berät Konzerne in Führungsfragen. Dabei spart er nicht mit Kritik. Der promovierte Philosoph hält Managern den Spiegel vor. Er liebt es, unbequeme Wahrheiten auszusprechen - und zu provozieren. Nicht zuletzt deshalb sind viele seiner Bücher wie „Mythos Motivation“ Bestseller. Über 800 000-mal wurden seine Werke allein im deutschsprachigen Raum verkauft und bis ins Chinesische übersetzt.

Dabei ist Sprenger kein belehrender Theoretiker. Als einer der wenigen Managementdenker kennt er das operative Geschäft, bei 3M als Leiter Personalentwicklung und beim Personaldienstleister Adecco. Viele Chefs sind Sozialallergiker. „Radikal führen“ heißt Sprengers neues Werk. Damit will er bis zur Wurzel (lat. radix) von Führung vordringen. Der Campus-Verlag hat das Buch als „Opus Magnum“ Sprengers angekündigt. Hat er denn nicht längst alles gesagt? „Das Buch entstand aus den elementaren Führungsproblemen, die ich täglich in der Praxis erlebe“, erläutert Sprenger im Gespräch mit dem Handelsblatt seinen Impetus.

Ratschläge von Reinhard Sprenger

Sprenger

Fast alle Dax-100-Unternehmen haben schon Rat bei ihm gesucht: Reinhard Sprenger ist Deutschlands wohl bekanntester Managementberater. In seinem neuen Buch erklärt er, warum Firmen sich von Diven verabschieden müssen, Zielvereinbarngen und Awards Teufelszeug sind und warum vor allem Fremdoptimierer gefragt sind. Die besten Zitate.

Persönlichkeitsmerkmale

„Es besteht kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen der Top-Manager und dem wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen. Es ist irrelevant, ob der Geschäftsführer charismatisch, bescheiden, visionär, technokratisch, selbstsicher, zurückhaltend, vorbildlich oder authentisch ist.“

Die Rolle als Chef

„In ihrer Rolle als Chef fallen der individuelle und der systemische Ansatz zusammen. Für den Mitarbeiter 'sind' Sie das Unternehmen. Und genau in dieser Rolle sind Sie immer in der Verantwortung.“

Nicht an Zielen ausrichten

„Das Fehlen der Wichtigkeit erklärt, warum solche Unternehmen oft von kleinen Wettbewerbern an die Wand gedrängt werden: Die können uns ja nicht gefährlich werden! Doch, das können sie. Weil sie sich nicht an Zielen ausrichten, sondern an Problemen.“

Zusammenarbeit

„Denn gerade beim Thema Zusammenarbeit sind viele Unternehmen dilemmatisch aufgestellt. Auf der Apellebene heißt es mit Nachdruck: Sei teamfähig! Identifiziere dich mit dem Gesamtunternehmen! Gleichzeitig raunt der institutionelle Rahmen: Setz dich durch! Bekämpfe deine internen Konkurrenten! Belohnt wirst du nur für deinen Einzelerfolg!“

Was Sie nicht zu einer guten Führungskraft macht

„Das, was Sie brauchten, um aufzusteigen: Biss, Talent, Fleiß, Durchsetzungsvermögen, Präsentationsfähigkeit, all das macht sie nicht zu einer guten Führungskraft. Insbesondere technisch ausgebildete Fachkräfte ( wie zum Beispiel Ingenieure) unterschätzen die Bedeutung 'sozialer' Faktoren bei der Führungsarbeit.“

Der Weg zum Erfolg

„Dies gilt für das Privatleben wie für das Geschäftsleben: Nichts macht erfolgreicher, als andere erfolgreich zu machen.“

Transaktionskosten

„Wenn Sie zum Beispiel bei Entscheidungen Ihre Mitarbeiter einbeziehen, mitreden und mitentscheiden lassen, dann haben Sie vielleicht einen Transaktionskostenvorteil verspielt, aber unter Umständen viel Produktivität geschaffen. So sehen viele Manager immer nur die Schwierigkeiten von zu viel Informationen, niemals die Risiken zurückgehaltener Information.“

Risikomüdigkeit

„Den souveränen Umgang mit dem anderen auf der Grundlage von Vertrauen nenne ich 'Risikomüdigkeit'. Sie hat nichts mit blindem Vertrauen zu tun, sondern weiß, dass Menschen sich oft unverantwortlich verhalten.“

Entscheidungen treffen

„Eine Entscheidung ist keine Rechenaufgabe. Sondern ein Springen durch die Feuerwand des Zweifels. Nur wenn es unklar ist, wohin die Reise geht, dann ist eine Entscheidung fällig. Mithin ist jede Wahl eine Entscheidung; aber nicht jede Entscheidung ist ein Wahl. Entscheidung ist der größere Begriff.“

Wenn Routinen versagen

„Führung wird also erst dann wertvoll, wenn Routinen versagen. Ich kann es gar nicht klar genug machen: Führung hat ihren Aufgabenbereich 'jenseits' der Routine, nämlich im Konflikt, in dilemmatischen Situationen. Ein Unternehmen braucht keine Führung, wenn das Unternehmen in ruhigen Gewässern segelt. Um aber Stillstand zu vermeiden, muss Führung entscheidungsbereit sein.“

Das Buch soll nicht weniger als „die Essenz erfolgreicher Führung“ vermitteln. Gewohnt schonungslos geht Sprenger mit Managern ins Gericht: „Viele Führungskräfte schaffen mehr Probleme, als sie lösen.“ Er räumt auf mit Managementmantras wie modernem Führungsstil. „Das Wie wird in der Führung völlig überbetont“, kritisiert er. Entscheidend sei letztlich der Erfolg. Dafür gebe es kein Patentrezept.

Interview Sprenger: „Führen ist wie Hausfrauenarbeit“

Interview Sprenger

„Führen ist wie Hausfrauenarbeit“

Managementquerdenker Reinhard Sprenger erklärt im Interview, wie er die wichtigsten Aufgaben für Führungskräfte definiert.

Eine Grundvoraussetzung gelte jedoch: Wer führt, muss Menschen mögen. „Manche Führungskräfte haben aber eine ausgeprägte Sozial-allergie“, beobachtet Sprenger. Doch wer zur Kontaktvermeidung neige, einen ausgeprägten Überlegenheitskomplex habe oder nicht freundlich sein könne, sei als Chef ungeeignet. „Unternehmen müssen sich von Diven verabschieden!“

Aus gutem Grund: Unternehmen sind heute mehr denn je „Kooperations-Arenen“. Sie müssen sich radikal vom Gegeneinander auf das Füreinander umstellen. Die Realität sieht meist anders aus. „Sei teamfähig, heißt es immer, aber befördert wird, wer sich gegen die Kollegen durchsetzt“, so Sprenger.

Ratschläge von Reinhard Sprenger

Sprenger

Fast alle Dax-100-Unternehmen haben schon Rat bei ihm gesucht: Reinhard Sprenger ist Deutschlands wohl bekanntester Managementberater. In seinem neuen Buch erklärt er, warum Firmen sich von Diven verabschieden müssen, Zielvereinbarngen und Awards Teufelszeug sind und warum vor allem Fremdoptimierer gefragt sind. Die besten Zitate.

Unternehmenskultur

„Es gibt Unternehmen, die haben mehr Kultur als der Normalmensch in seinem Kulturbeutel. Sie haben Teamkultur, Leistungskultur, Veränderungskultur, Konfliktkultur, Förderungskultur und Führungskultur.“

Die Schwäche der Gremien

„Das ist eine klassische Schwäche vieler Leitungsgremien: Falls sich kein Konsens ergibt, wird diskutiert und diskutiert und die Entscheidung vertagt. Oft dauert es schon ewig, einen Konsens darüber herzustellen, ob es überhaupt ein Problem gibt.“

Bereitschaft zur Schuld

„Ohne die Bereitschaft zur Schuld ist Handeln nicht möglich. Deshalb erzeugt die Entscheidung eines Konflikts immer neue Konflikte – man hat sich gleichsam 'geschieden' von jenen, deren Interessen man hintanstellte. Wer unschuldig bleiben will, wer dem Wiederstand ausweicht, bleibt schwach.“

Was von Ihnen gefordert wird

„Die Fähigkeit, die von Ihnen als Führungskraft gefordert ist, ist eben nicht Wertebewusstsein, sondern Ambiguitäts-Toleranz. Der Blick für Mehrdeutigkeit. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Widersprüche zu sehen, beide Seiten anzuerkennen, sich vor beiden zu verbeugen – und dennoch für eine zu entschieden, wenn die Sachlage es erfordert.“

Es kommt auf die Passung an

„Und es gibt niemanden, der immer und überall passt. Aus dieser Perspektive ist Erfolg dann Ergebnis der Passung der Organisationsstruktur mit dem Individuum oder den Markterfordernissen; Misserfolg ist das Ergebnis 'unpassender' Strukturen. Der institutionelle Rahmen gibt vor, ob jemand passt, zur Geltung kommt, wirksam wird.

Miklas Luhmann hat das gern an dem russischen Politiker Michail Gorbatschow illustriert: Dessen Wirkung war sicher auch seiner Persönlichkeit zu danken; aber ersit die historische Sitaution gab ihm die Chance, der zu werden, der er ist.“

Es geht um Mutualismus

„Es geht dabei weniger um Altruismus. Vielmehr geht es um das Wechselseitige, den Mutualismus, durch den wir alle von unseren gemeinsamen Handlungen profitieren.“

Über allen Zweifel erhaben?

„Sieger zweifeln nie? Lassen Sie sich von niemandem einen solchen Unsinn erzählen! Sie sollten sich geradezu fürchten vor demjenigen, der keinen Zweifel kennt. Ein Sieger muss vielmehr den 'methodischen' Zweifel kultivieren.“

Keine Zwerge einstellen

„Wenn Sie nur Bewerber einstellen, die kleiner sind als Sie, erschaffen Sie eine Organisation von Zwergen.“

Probezeit

„Ob jemand etwas tauge, könne man erst beurteilen, wenn er den Job tatsächlich macht. Deshalb sollten sie die Probezeit seriös vorbereiten, begleiten und auswerten. Und es muss von Beginn an klar sein: Erst nach der Probezeit wird der Mitarbeiter eingestellt!“

Über das Geschriebene

„Es macht nachlässig und schwächt das Erinnern. Wer wirklich will, dass gewisse Werte ins kollektive Bewusstsein des Unternehmen sickern, der muss von Person zu Person sprechen. Und immer wieder sprechen. Dafür gibt es Führungskräfte. Die müssen Gespräche führen – und nicht schreiben. Nur das Ungeschriebene ist dem Menschen 'eingeschrieben'.“

Viele Firmen stehen in vertikaler Spannung zwischen oben und unten statt in Horizontalspannung zwischen innen und außen (dem Kunden). Um das zu erreichen, müssten sich Manager von 70 Prozent der gängigen Personalinstrumente verabschieden, so Sprengers radikale These. Zielvereinbarungen und 360 Grad-Beurteilungen hält er ebenso für Teufelszeug wie Awards oder interne Ranglisten. „Denn sie machen aus Kollegen Konkurrenten.“

Kommentare (6)

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IchChefDuNix

17.09.2012, 14:07 Uhr

Am besten, man umgibt sich nur mit Experten, also mit Leuten, die fachlich mehr auf dem Kasten haben als man selbst. So kann man sich als Chef auf das Moderieren beschränken, übt ein bisschen Kontrollfunktion aus und kann sonst alles an die klugen Köpfe delegieren, die einen umgeben. Und siehe da, der Laden brummt.

Account gelöscht!

17.09.2012, 14:43 Uhr

Allein dass sich jemand veranlasst fühlt auszusprechen, dass eine gute Führungskraft nicht Kontake vermeiden wollen soll oder nett sein können muss treibt einem doch die Lachtränen in die Augen oder lässt einem die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Es ist einfach so: Menschenführung braucht unbedingt die richtigen Anlagen und viel Menschenerfahrung. Beides ist oft einfach nicht da, befördert wird der Mann für´s Grobe oder der willigste Speichellecker oder im schlechtesten Fall die Kombination von beidem.

Chefle

17.09.2012, 15:17 Uhr

Das Problem ist doch, dass die wenigstens Chefs es schaffen einfach mal zu sagen das ein Mitarbeiter mehr weiss als der Chef selbst. Da brechen sich viele einen Zacken aus der krone. Sobald das so ist, ist für mich der Chef auch kein echter, glaubhafter Chef. Leider ist das aber so und die Chefs stellen oft Leute ein die ihnen selbst von Wissen her nicht gefährlich werden können bzw. die eine Kopie von ihnen selbst sind.

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