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30.11.2011

10:44 Uhr

Ratgeber

Wie die Weihnachtsfeier zum Karriere-Sprungbrett wird

VonGero Brandenburg

Weihnachtsfeiern sind ein Test: Welcher Mitarbeiter empfiehlt sich für höhere Aufgaben, wer erstickt seine Karriere im Fettnäpfchen? Der Chef schaut genau hin. Der Knigge-Experte über den Tummelplatz für Karrieristen.

Weihnachtsfeier im Betrieb: Karriere-Schaulaufen mit erhöhter Fettnäpfchen-Gefahr. Nicola Schaller

Weihnachtsfeier im Betrieb: Karriere-Schaulaufen mit erhöhter Fettnäpfchen-Gefahr.

Herr Klein, auch wenn ich keine Lust habe, warum sollte ich mir die Weihnachtsfeier im Unternehmen nicht entgehen lassen?

Sie sollten auf jeden Fall hingehen. Aus zwei Gründen: Erstens ist die Weihnachtsfeier, wie gerade wieder Gerichtsurteile belegen, eine betriebliche Veranstaltung. Jedenfalls, solange der Chef anwesend ist. Dann ist sogar ein Ausrutscher bei der Polonaise als Arbeitsunfall  versichert. Verlässt der Chef die Party wird daraus eine Privatfeier und sie können ebenfalls nach Hause gehen. Hinzu kommt noch die zweite Komponente: Wer sich von allen Betriebsfeiern fernhält, wird schnell zum Außenseiter und zur Zielscheibe für Attacken. Und wer Karriere machen will, für den ist die Teilnahme sowieso Pflicht. Weihnachtsfeiern sind die idealen Tummelplätze für Karrieristen.

Wieso?

Schon allein deshalb, weil viel Alkohol fließt. So kann man Leuten, die sich verplappern, Geheimnisse entlocken und diese Informationen bei passender Gelegenheit für sich nutzen. Klatsch und Tratsch gehören dazu, nur Sie selbst sollten sich mit pikanten Details zurückhalten ...

... und deshalb auch beim Alkohol Verzicht üben?

Unbedingt. Übertreiben Sie auf keinen Fall damit. Man sollte im Unternehmen immer das Gesicht wahren. Deshalb sollte man auch Kritik an Kollegen vermeiden. Wer bei der Feier aus der Rolle fällt, dem sei gesagt: Es gibt ja auch einen Tag danach. Wer sich zum Gespött der Belegschaft gemacht hat, hat es schwer. Chefs bleibt so etwas selten verborgen. Wer sich gehen lässt, so heißt es schnell, der kennt seine Grenzen nicht.

Tipps für die Weihnachtsfeier

Der richtige Ton

Sagen Sie dem Chef nie die Meinung! Erst recht, wenn diese kritisch ist. Ebenso tabu ist, zu fortgeschrittener Stunde um eine Gehaltserhöhung oder Beförderung zu bitten. Selbst im Suff ist das tödlich!

Quelle: Die Karrierebibel - Jeden Tag mehr Erfolg! (von Jochen Mai)

Keine zusätzlichen Gäste

Bringen Sie auch nicht unangemeldet zusätzliche Gäste mit – etwa den Partner oder einen Freund oder Freundin.

Keine Büffet-Rüpel

Ebenso fällt durch, wer geschmacklose Witze erzählt, niemanden grüßt, wie ein Rüpel durchs Büffet pflügt oder bereits stark angeschickert zur Party erscheint.

Klatsch und Tratsch

Seien Sie auch vorsichtig beim Smalltalk: Auf Weihnachtsfeiern wird zwar viel geredet, wer aber zu tief schürft oder das Gespräch auf das Leiden der Welt lenkt, sorgt mindestens für atmosphärische Störungen. Klatsch und Tratsch über Kollegen sollten Sie sich zudem verkneifen.

Vorsicht, Alkohol!

Überhaupt Alkohol: Wenn der Pegel steigt, wird die Zunge lockerer und der Mut zur Wahrheit steigt. Halten Sie sich damit unbedingt zurück. Kollegen zu beleidigen, ist schon ein schwerer Fauxpas. Aber lautstark über die unsägliche Weihnachtsansprache des Chefs herzuziehen, kann Sie den Job kosten.

Draufgänger

Auch der Ruf eines Draufgängers, der jeden Matrosen unter den Tisch trinken könnte, ist ein Pyrrhussieg. Die Kollegen sollen einem schließlich auch nach der Party mit Respekt begegnen und sich nicht ausschließlich an den Moment erinnern, als man über die Kurven der Praktikantin dozierte – oder schlimmer: sie examinierte.

Intimitäten

Intimitäten sind erst recht tabu! Auch wenn der Rahmen eine privatere Atmosphäre suggeriert: Es handelt sich bei der Weihnachtsfeier um eine betriebliche Veranstaltung. Damit gelten auch alle arbeitsrechtlichen Konsequenzen: sexuelle Belästigung, tätliche Angriffe, Verbalinjurien – all das ist abmahnfähig.

„Du, Herr Müller“

Achtung beim DU: Wenn der Chef nach dem sechsten Schnaps plötzlich „Du“ sagt, zählt das nur, wenn er sich am nächsten Tag noch daran erinnern mag. Ansonsten sagt man besser wieder „Sie“ zu ihm. Bitte niemals an das „Du“ erinnern!

Chef als Partyhengst

Dasselbe gilt für Zeugen einer zunehmend ausgelassenen Führungskraft: Wenn Sie beobachten wie der Chef auf den Tisch klettert, sich das Hemd aufreißt, um ausgelassen zu tanzen, sollten Sie sich zügig aus der Affäre stehlen. Manche Chefs neigen dazu, die Scham und das schlechte Gewissen am nächsten Tag jenen anzulasten, die das bezeugen könnten.

Spaßbremsen

Neben den Partylöwen gibt es allerdings auch die Gruppe der Spaßbremsen. Riesenfehler! Kollegen, die schweigend in der Ecke kauern, demonstrativ auf die Uhr schauen oder über Restaurant und Essen mäkeln, mag keiner. Solche augenfälligen Miesepeter sind womöglich nicht einmal teamfähig.

Führungskräfte auf Distanz

Schlimmer ist nur noch: gar nicht hingehen. So jemand entlarvt sich als eigenbrötlerisch. Gleiches gilt für einzelne Gruppen, die sich während der Party absondern und tuscheln – sei es als Abteilung oder als Horde von Alpha-Männchen. Chefs, die lieber unter sich bleiben, demonstrieren, dass sie den Kontakt zur Basis weder haben noch suchen und schaden so dem Betriebsklima.

Unfallschutz

Eine juristische Finesse noch zum Schluss: Als Gradmesser ab wann die betriebliche Feier wieder privat ist, gilt in der Regel die Anwesenheit des Chefs: Gehen die Vorgesetzten nach Hause und mit ihnen das Gros der Mitarbeiter, endet der betriebliche Charakter der Weihnachtsfeier und damit auch der Unfallschutz. Dasselbe gilt für den Heimweg: Der ist immer privat! Also aufpassen.

Stichwort Strategie: Mit welchen Leuten suche ich das Gespräch?

Moralisch mag das verwerflich klingen, aber wenn ich meine Karriere strategisch plane, suche ich mir immer die wichtigsten Leute aus. Mit Langweilern will man sich ja nicht beschäftigen, also geht man zum Chef. Oder noch besser: zum Chef des Chefs. Als Mitarbeiter hat man sonst nur äußerst selten Gelegenheit zum Vorstand vorgelassen zu werden. Alternativen sind die Herrentoilette und der Aufzug, da kommt auch jeder hin. Im Ernst: Eine Weihnachtsfeier ist für Karrieristen die perfekte Gelegenheit die wichtigen Leute kennenzulernen.

Gibt es Themen, die ich bei der Weihnachtsfeier nicht ansprechen sollte?

Ich mag es eigentlich nicht, wenn man bestimmte Themen vorgibt. Wenn man darauf drängt, dass nur über Sport, Wetter und Urlaub gesprochen werden soll, ist das natürlich schnarchlangweilig. Da sollte man sich keinen Maulkorb umhängen lassen. Aus der Situation heraus sollte man unterhaltsam sein. Wenn ich merke, dass die Leute auf Comedian Dieter Nuhr abfahren, kann ich natürlich den ganzen Abend dessen Witze erzählen. Oft ist aber so, dass die Leute über betriebliche Dinge sprechen wollen, auch wenn das nicht Sinn der Weihnachtsfeier ist. Sind Kunden oder Lieferanten dabei, sollte man sich hüten nur über das Büro zu sprechen. Das wäre einfach unhöflich. Und wenn Sie mit dem Chef reden sind Themen wie Gehaltserhöhung natürlich auch inakzeptabel.

Kann ich den Lebenspartner mitbringen?

Bitte nur, wenn es ausdrücklich erlaubt ist. Weihnachtsfeiern sind teuer, da kann ich natürlich nicht einfach meine eigenen Gäste mitbringen. Es muss schon allgemein kommuniziert werden, dass Verwandte oder Bekannte zur Feier zugelassen sind. Das ist nicht automatisch der Fall.

Hans-Michael Klein  ist Leiter der Knigge-Akademie und Vorsitzender der deutschen Knigge-Gesellschaft.

Hans-Michael Klein ist Leiter der Knigge-Akademie und Vorsitzender der deutschen Knigge-Gesellschaft.

Welche Kleidung ist angemessen?

Der Dresscode ist neben dem Alkohol das zweite große Fettnäpfchen. Gerade viele Frauen denken, man könne freizügiger auftreten. Doch es gilt der Rat: Wenn man noch etwas werden will im Unternehmen, sollte man sich zurückhalten. Bauchfrei-hirnfrei geht nicht. Kurze Röcke, tiefe Dekolletés und andere Reizbomben sind ebenfalls tabu. Im Prinzip soll man so aussehen wie im Büro. Vielleicht ein bisschen festlicher, ohne overdressed zu sein. Norwegerpullover und Jogginghosen müssen draußen bleiben. Idealer Weise wird vorab von der Geschäftsführung kommuniziert, welcher Dresscode erwünscht ist. Auf der anderen Seite sind auch die Arbeitnehmer in der Pflicht. Diese müssen natürlich ein Fingerspitzengefühl dafür haben, was erwünscht ist. Sie kennen ja das Unternehmen. Im Tattoo-Studio läuft man anders herum als bei der Deutschen Bank.

Was mache ich wenn der Chef das „Du“ anbietet?

Das „Du“ vom Chef nach Möglichkeit annehmen. Sonst war`s das mit der Karriere. Nach Knigge steht dem Boss das Anbieten auch zu. Im Privatleben kommt es vom Älteren, im Business vom hierarchisch Höheren. Wenn man am nächsten Tag nicht sicher ist, ob Chef sich daran erinnert: abwarten! Sag ich einfach „na, Peter“ oder „Hallo Herr Müller“, kann er beleidigt sein. Je nachdem, ob er es noch weiß oder nicht. Bis dahin in der dritten Person reden: „Sollte man heute nicht….“

Gibt es feste Abläufe bei der Weihnachtsfeier?

Grundsätzlich schon. Die Ansprache des Chefs zur Eröffnung der Feier ist ein Muss, genauso wie der Toast, der die Trinkrunde eröffnet. Außerdem bittet er zum Büffet. Und eigentlich beschließt er auch die Feier. Als Arbeitnehmer muss ich wissen, wann ich zu gehen habe. Manche bleiben bis 5 Uhr morgens, aber man sollte sich am Chef orientieren. Wenn er geht, gehe ich auch.

Bitte auf keinen Fall ...

Kleidung wählen,

... die mehr preisgibt als sie verhüllt.

Quelle: Die Karrierebibel - Jeden Tag mehr Erfolg! (von Jochen Mai)

über das Essen,

... die Getränke oder Kollegen lästern.

über Eheprobleme,

... Krankheiten oder Motivationsmängel im Unternehmen diskutieren.

die Kurven

... der Praktikantin beschreiben oder hörbar wertschätzen.

dem Chef

... unverblümt die Meinung geigen oder ihn um eine Gehaltserhöhung bitten.

beweisen wollen,

... dass man jeden Matrosen unter den Tisch trinken kann. Oft beweist man nur, dass Matrosen dann doch mehr vertragen.

auf dem Teller

... beim Gang ans Büffet den Turm zu Babel nachbauen.

Kann ich beim Chef Punkte sammeln, wenn ich anbiete die Feier zu organisieren?

Eher nicht. Grundsätzlich ist das eine typische Aufgabe, die delegiert wird. Ein Chef beschäftigt sich normalerweise nicht mit Fragen wie der Restaurantauswahl oder dem Shuttle-Service. Das macht ein Mann oder eine Frau seines Vertrauens. Wer das blind in die Hände der Belegschaft legt, zeigt zwar demokratischen Geist, läuft aber Gefahr, dass die Veranstaltung schief geht. Und dafür muss er dann den Kopf hinhalten. Ein Chef wird sich das Heft bei solchen Veranstaltungen nie aus der Hand nehmen lassen. Er will ja nicht nur feiern, sondern verfolgt auch andere Ziele.

Welche?

Eine Weihnachtsfeier ist kein Selbstzweck. Alles, was der Chef macht, dient natürlich seiner persönlichen Karriere oder dem Wohl des Unternehmens. Events wie Betriebsausflüge und Weihnachtsfeiern sollen die Mannschaft zusammenschweißen und auf neue Herausforderungen einstellen.

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