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03.01.2012

07:00 Uhr

Rente mit 67

Nur wenige Mitarbeiter sind älter als 55 Jahre

Seit Jahren klagen deutsche Unternehmen über Fachkräftemangel. Eine Lösung könnte sein, ältere Mitarbeiter länger im Job zu halten. Doch die meisten Firmen tun das nicht. Einige Fallbeispiele.

Von der Leyen verteidigt Rente mit 67

Video: Von der Leyen verteidigt Rente mit 67

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Düsseldorf/München/FrankfurtÄltere Mitarbeiter sind nicht nur erfahrene Spezialisten auf ihrem Gebiet, sondern kennen auch das Unternehmen bestens. Ein Blick in die Altersstruktur der deutschen Konzerne zeigt jedoch, dass bislang von dem Potenzial der Alten kaum Gebrauch gemacht wird.

So sind beim Chemiekonzern BASF nur 11,5 Prozent der Beschäftigten älter als 55 Jahre. Beim Energieversorger RWE sieht es ähnlich aus: Gerade einmal zwei Prozent der 70 000 Beschäftigten sind älter als 60 Jahre. Die zweitälteste Gruppe, in die RWE seine Belegschaft einteilt – die der 55- bis 59-Jährigen – macht 9,8 Prozent aller Mitarbeiter aus. Beim Konkurrenten Eon, der derzeit 11 000 Stellen abbaut, fordert die Gewerkschaft, dabei auf Vorruhestandsregelungen zurückzugreifen.

Dieses Instrument nutzt auch die Deutsche Telekom seit Jahren, um den Altersdurchschnitt in den eigenen Reihen zu senken. Als ehemaliger Staatskonzern hat das Unternehmen allerdings ein Sonderproblem, denn dort arbeiten viele Beamte. Einige von ihnen tun sich mit dem technologischen Wandel schwer. Ihnen bietet die Telekom deshalb Vorruhestandsregeln an, damit sie den Konzern vorzeitig verlassen.

Rente mit 67 - was sich dahinter verbirgt

Wie sieht der Stufenplan zur Rente mit 67 aus?

Das Regelalter für die abschlagsfreie Rente steigt von derzeit 65 Jahren anfangs in Schritten von einem Monat, in der zweiten Phase in Zwei-Monats-Schritten. 2029 ist die Anhebung auf 67 Jahre erreicht. Die erste Anhebung um einen Monat im nächsten Jahr trifft den Geburtsjahrgang 1947. Jene also, die im Laufe der kommenden zwölf Monate 65 werden. Der erste Jahrgang, der für die volle Rente bis 67 arbeiten muss, ist der Geburtsjahrgang 1964.

Warum wurde die Rente mit 67 beschlossen?

Aus demografischen Gründen: Weil die Bundesbürger immer länger leben und daher immer länger Rente beziehen. Und weil zugleich die Zahl der Beitragszahler schrumpft. Die Rente mit 67 soll hier für neue Balance sorgen.

Mit welcher demografischen Entwicklung ist zu rechnen?

Bis zum Jahr 2030 wird sich der Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland weiter deutlich verändern. Die Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen - das sind die Erwerbsfähigen - schrumpft nach den Prognosen um fünf Millionen auf dann rund 45 Millionen. Im selben Zeitraum nimmt die Zahl der Menschen über 65 um gut sechs auf 22 Millionen zu. Mit anderen Worten: Kamen vor 20 Jahren noch vier Erwerbsfähige auf einen Rentner, so wird sich das Verhältnis im Jahr 2030 voraussichtlich auf 2:1 verschlechtern.

Wie hat sich die Rentenbezugsdauer entwickelt?

Sie hat sich in den vergangenen 40 Jahren deutlich erhöht: Ein durchschnittlicher West-Ruheständler bezog 1970 noch 11,1 Jahre Rente. 2010 waren es bereits 18,4 Jahre. Im Osten Deutschlands nahm die Rentenbezugsdauer im Schnitt zwischen 1995 und 2010 von 16 auf 18,9 Jahre zu (frühere Zahlen für Ostdeutschland liegen nicht vor).

Was soll die Rente mit 67 finanziell bewirken?

Sie soll die Rentenkassen langfristig entlasten, den Anstieg des Beitragssatzes abmildern und damit die Rentenversicherung zukunftsfest machen. Weil es Ausnahmen für Versicherte mit mindestens 45 Beitragsjahren gibt (sie können weiterhin mit 65 ohne Abschläge in Rente gehen), ist aber nur eine bescheidene Entlastung zu erwarten: Experten gehen davon aus, dass die Rente mit 67 die Beitragszahler 2030 um 0,5 Prozentpunkte jährlich - nach heutigen Werten sind das etwa 5,5 Milliarden Euro - entlasten kann. Bis dahin ist ein Beitragssatzanstieg auf maximal 22 Prozent (2012: 19,6 Prozent) einkalkuliert.

Ist die Rente mit 67 ein Rentenkürzungsprogramm?

Die Kritiker sagen: „Ja“ - und verweisen darauf, dass schon heute die Mehrzahl der Beschäftigten mit Abschlägen in Rente gehen. 2010 waren das immerhin knapp 58 Prozent aller Neurentner. Aus Arbeitslosigkeit kamen zuletzt 16 Prozent.

Wie ist das mit den Renten-Abschlägen?

Für jeden Monat, den man vor der Regelaltersgrenze in Rente geht, werden vom Rentenanspruch 0,3 Prozent abgezogen, und zwar lebenslang. Ein Beispiel: Wer 1955 auf die Welt kam, der kann 2020 erst mit 65 Jahren und neun Monaten ohne Abschläge in Rente gehen. Ein vorzeitiger Rentenbezug mit 63 Jahren - also 33 Monate vor der Regelaltersgrenze - führt zu einer Rentenkürzung von 9,9 Prozent (33 x 0,3 Prozent).

Von den insgesamt 76 000 Telekom-Beschäftigten auf dem deutschen Heimatmarkt waren im vergangenen Jahr sechs Prozent älter als 56 Jahre. Damit ist diese Gruppe im Vergleich zum Jahr 2008 um einen Prozentpunkt gewachsen.

Auf einen steigenden Altersdurchschnitt in den eigenen Reihen bereitet sich auch der Versicherungskonzern Allianz vor. Dort arbeiten bisher die wenigsten Beschäftigten bis zur gesetzlichen Altersgrenze – was vor allem an der attraktiven betrieblichen Altersvorsorge bei der Allianz liegt, die mit 60 Jahren abgerufen werden kann.

Rente mit 67: Dobrindt verteidigt Seehofers Rentenvorstoß

Rente mit 67

Dobrindt verteidigt Seehofers Rentenvorstoß

Die Koalition streitet über die Rente mit 67. Während der CSU-Generalsekretär Dobrindt Seehofers Kritik an den Plänen für die Rente mit 67 verteidigt hat, bezeichnet die SPD die Zweifel als „scheinheilig“.

Der Konzern beobachtet die demografische Entwicklung und die möglichen Veränderungen durch die Rente mit 67 aber genau. Spezielle Bildungs- und Gesundheitsprogramme sollen helfen, die Belegschaft auf eine tendenziell längere Lebensarbeitszeit vorzubereiten.


Kommentare (32)

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Account gelöscht!

03.01.2012, 07:20 Uhr

"Telekomm ... Als ehemaliger Staatskonzern hat das Unternehmen allerdings ein Sonderproblem, denn dort arbeiten viele Beamte. Einige von ihnen tun sich mit dem technologischen Wandel schwer. Ihnen bietet die Telekom deshalb Vorruhestandsregeln an, damit sie den Konzern vorzeitig verlassen."

Was für eine Formulierung... .

Fakt ist: Nicht-Beamte kann man besser unter Druck setzen...und billiger sind sie auch.

Account gelöscht!

03.01.2012, 08:32 Uhr

Ein weiterer Beweis dafür daß keine Fachkräfte sondern Billigkräfte gesucht werden.

Noch nie war die Propaganda so verlogen wie heute.

fondsberater

03.01.2012, 08:47 Uhr

das zeigt mit aller Deutlichkeit die Verlogenheit in der Debatte um den "Fachkräftemangel". Ü 50 bekommen bei uns - egal wie hoch sie qualifiziert sind, keinen job mehr. Das ist die bittere Wahrheit

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