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13.05.2015

11:25 Uhr

Reto Francioni und Deutsche Börse

Der Abschied des Fliegenfischers

VonMichael Brächer

Chefwechsel bei der Deutschen Börse: Der Schweizer Reto Francioni verlässt das Unternehmen nach fast einem Jahrzehnt an der Spitze. Ein Annäherungsversuch an den Mann, der seine Börse durch turbulenten Zeiten führte.

Bei der Hauptversammlung der Deutschen Börse hat Vorstandschef Reto Francioni seinen letzten Auftritt. Ab Juni führt ein anderer die Zügel. Reuters

Reto Francioni

Bei der Hauptversammlung der Deutschen Börse hat Vorstandschef Reto Francioni seinen letzten Auftritt. Ab Juni führt ein anderer die Zügel.

FrankfurtGanz am Schluss wird Reto Francioni dann doch etwas persönlich: „Es war mir eine Ehre“, und „Uf Wiederluege!“, sagt der Schweizer seinen Aktionären. Fast zehn Jahre führte Francioni die Deutsche Börse – und das durch schwierige Zeiten. Nun tritt er ab.

2005 als Vorstandschef angetreten, brachte er die Börse erfolgreich durch die Finanzkrise und wehrte sich gegen Hedgefonds, die den Konzern zerschlagen wollten. Der Aktienkurs hat sich seit seinem Amtsantritt fast verdoppelt. Man habe in der Krise „die Chance genutzt, unsere Zuverlässigkeit in schwierigster Zeit zu belegen und uns Vorteile für die Zukunft zu erarbeiten“, sagte Francioni am Mittwoch.

Bei der Hauptversammlung der Deutschen Börse überbrachte Francioni den Aktionären in gewohnt formalem Ton gute Nachrichten: „Unsere Zukunftsperspektiven sind vielversprechend“, sagte er. Die wesentlichen Kennziffern seien „klar positiv“. Im vergangenen Jahr hatte die Börse von der Belebung an den Aktienmärkten profitiert. Unterm Strich stand ein Jahresüberschuss von 788 Millionen Euro. Auch die jüngsten Quartalszahlen übertrafen die Prognosen der Analysten. Im laufenden Jahr peilt die Deutsche Börse nun Nettoerlöse zwischen 2,2 und 2,4 Milliarden Euro an.

Börsenfusionen

Nicht immer erfolgreich

Der Wettbewerb im Börsenhandel ist hart. Alternative Aktienhandelsplattformen, meist gegründet von Investmentbanken, machen den klassischen Börsen das Leben schwer. Die relativ hohen Kosten zwingen die etablierten Betreiber zu Zusammenschlüssen. Doch nicht alle Fusionspläne glücken.

Paris/Amsterdam

Die Aktien- und Derivatemärkte von Paris, Amsterdam und Brüssel schließen sich im Jahr 2000 zur europäischen Mehrländerbörse Euronext zusammen. Später kommen Lissabon und die Londoner Terminbörse Liffe hinzu.

New York/Amsterdam

Euronext und die New Yorker Stock Exchange (NYSE) fusionieren 2007 zur transatlantischen Mega-Börse.

New York/Frankfurt

Die Fusion der Börsen von Frankfurt und New York scheitert im Februar 2012 am Veto der EU-Wettbewerbshüter. Für Störfeuer sorgten zeitweise die Technologiebörse Nasdaq und die US-Rohstoffbörse Intercontinental-Exchange (ICE) mit einem rund elf Milliarden Dollar schweren feindlichen Übernahmeangebot für die NYSE/Euronext.

Singapur/Sydney

Die Börse Singapur (SGX) versuchte 2011, die australische Börse ASX zu schlucken. Dafür bot sie 8,4 Milliarden australische Dollar (damals 5,9 Mrd Euro). Der australische Finanzminister Wayne Swanch erklärte aber klar, das Angebot der Asiaten sei „nicht im nationalen Interesse“.

London/Frankfurt

Die Deutsche Börse versuchte mehrfach erfolglos, die London Stock Exchange (LSE) zu kaufen. Auch die Nasdaq bemühte sich mehr als einmal vergeblich um die Londoner.

London/Toronto

2011 mussten die LSE und die Börse Toronto (TMX) ihre Hochzeit abblasen. Eine Gruppe kanadischer Finanzfirmen war den Briten in die Parade gefahren und hatte ein eigenes Übernahmeangebot vorgelegt. Damit wollten die Kanadier verhindern, dass der wichtigste Finanzhandelsplatz des Landes in ausländische Hände fällt. Die größere Londoner LSE hätte in der Ehe die Übermacht gehabt.

Kein Wunder also, dass der Aufsichtsratschef der Börse, Joachim Faber, den scheidenden Vorstand lobte. Die Börse sei Francioni „zu außerordentlich großem Dank verpflichtet“. Er habe den Konzern „in den turbulenten Zeiten der Finanzkrise durch ein sicheres Fahrwasser geführt“. Das Unternehmen sei vom vorwiegend europäischen zum weltweiten Anbieter“ geworden.

Francioni gilt als passionierter Fliegenfischer: Wer da erfolgreich sein will, muss stillhalten. Tatsächlich sahen Francionis Kritiker in ihm einen biederen Technokraten. Der Jurist blieb defensiv, scheute den öffentlichen Auftritt. Und als er sich 2012 doch aus der Deckung wagte, ging das mächtig daneben. Ausgerechnet Francionis wohl ambitioniertestes Projekt, die Fusion mit der amerikanisch-europäischen Nyse Euronext, scheiterte am Widerstand der Brüsseler Wettbewerbswächter. Sie fürchteten, dass durch den Deal ein Quasi-Monopol im Derivategeschäft in Europa entstehen könnte.

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Für Francioni, der bis zuletzt von dem Projekt überzeugt war, eine persönliche Niederlage, die er selbst „die größte Enttäuschung“ nennt. „Die Fusion «wäre gut gewesen für Europa und den Markt“, sagte er im Februar. Erst Anfang der Woche war bekannt geworden, dass die Börse nicht weiter gegen das Urteil vorgeht – und die Niederlage akzeptiert.

Ab Juni wird der Investmentbanker Carsten Kengeter in Francionis Fußstapfen treten: In den vergangenen Wochen arbeitete er Tür an Tür mit seinem Vorgänger, über seine Strategie hielt er sich bislang aber bedeckt. Und Francioni? Der gebürtige Züricher, der im August seinen 60. Geburtstag feiern wird, freut sich auf seine Rückkehr in die Schweiz. Das sagte er kürzlich der Neuen Züricher Zeitung (NZZ). In seiner Heimat sitzt Francioni im Verwaltungsrat der Schweizerischen UBS, außerdem ist er Universitätsprofessor in Basel. „Über weitere Dinge werde ich in Ruhe entscheiden“, erklärte Francioni der NZZ. Anders gesagt: Der Fliegenfischer bleibt sich treu.

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