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12.03.2013

06:30 Uhr

Rezension

Alle Chefs mal weglesen jetzt

VonMartin Dowideit

„Hört auf zu arbeiten“, fordern Anja Förster und Peter Kreuz in ihrem neuesten Buch. Der Titel führt in die Irre, denn die Managementberater geben keine Anleitung zum Müßiggang. Ganz im Gegenteil.

Wir sind in einer Welt angekommen, in der es keiner bei noch so viel Anstrengung mehr schafft, allen Anforderungen gerecht zu werden. Getty Images

Wir sind in einer Welt angekommen, in der es keiner bei noch so viel Anstrengung mehr schafft, allen Anforderungen gerecht zu werden.

DüsseldorfBei der Beschäftigung mit dem neuen Buch der beiden Karriere- und Management-Berater Anja Förster und Peter Kreuz kann man schnell ein schlechtes Gewissen kriegen. Denn wenn man für die Rezension nach Feierabend und am Wochenende die Seiten wälzt, findet man sich in einer von den Autoren kreierten, unangenehmen Kategorie wieder: ein Rädchen im System zu sein, das aus Pflichtgefühl Arbeit leistet.

Dabei haben Förster und Kreuz auf den knapp 230 Seiten ein anderes Ziel für jeden Berufstätigen: Sie spüren der Lösung nach, wie man bei der Arbeit das „Funkeln in die Augen“ bekommt. Das Funkeln, das man sonst vor allem in der Freizeit verspürt, wenn man den eigenen Balkon oder seinen Garten neugestaltet, eine Rekordzeit beim Laufen erreicht oder die Familie glücklich gesehen hat.

Sieben Organisationsprinzipien, die Förster und Kreuz kritisieren

Hierarchie

Führung nach strenger Machtordnung. Die Richtung der Disziplinierung sei immer von oben nach unten gerichtet, auch der Informationsfluss.

Anweisung und Kontrolle

Arbeit nach Zeiterfassung und vorgegebener Reihenfolge. Erwachsene Menschen würden so wie Kinder behandelt.

Abteilende Ordnung

Es werde davon ausgegangen, dass Menschen Rädchen in einer Maschine seien. Jedem werden exakte Zuständigkeiten zugeteilt, die Organisation wirkt wie ein Setzkasten: Zwischen den einzelnen Kästchen gibt es eine strikte Trennung.

Effizienz

Es quietscht nichts, es hakt nichts – jede überflüssige Kommunikation, jeder Zeitverlust ist ausgemerzt. Bis zur Übertreibung.

Standardisierung

Die Arbeit ist so schematisch vorgegeben, dass es nur geregelte Handgriffe und Tätigkeiten gibt. Darüber hinaus geschieht nichts.

Prozessoptimierung

Perfektion bis ins letzte Detail wird angestrebt. Beim Blick auf jeden winzigsten Bearbeitungsschritt geht der Blick aufs Ganze verloren.

Routine

Wer immer das gleiche macht, geht keine Risiken ein und macht nie etwas falsch – aber nur solange das Umfeld sich nicht verändert.

Quelle

„Hört auf zu arbeiten“

Förster, Anja / Kreuz, Peter

Pantheon Verlag, 2013

Das Buch soll dabei kein allgemeingültiger Ratgeber für jede Karrierelage sein, sondern mehr ein Gedankengerüst zur Selbstreflexion. Einige erfrischende Ansichten auf das Berufsleben bringen die ehemalige Unternehmensberaterin und der Ex-Wirtschaftsprofessor in ihrem Werk auch unter. Aber die Lektüre ist in Teilen zäh, enthält hier und da schiefe Beispiele und kann nicht wirklich überzeugen.

Im Abstand von zwei bis drei Jahren werfen Förster und Kreuz frische Bücher auf den Markt. In „Hört auf zu arbeiten!“ wenden Sie sich nicht an die Führungsetage. Sie sprechen jeden Beschäftigten an und – das ist mutig – nehmen sogar die Last der Verantwortung von den Schultern der Chefs. Sie sagen: Jeder einzelne in einem Betrieb hat sich selbst gegenüber die Verpflichtung, aus seiner Situation das Beste zu machen. „Wie wäre es, wenn Sie aufhören würden, das System zu akzeptieren, wie es ist – und stattdessen anfangen würden, es zu verändern? Jeder für sich und in seinem Umfeld. Und ohne den Job aufzugeben!“

Leider dauert es bis Seite 107, bis die Autoren eine erste Antwort geben, wie das klappen kann: „Wenn wir also von der Notwendigkeit sprechen, die Arbeitswelt zu verändern, dann wünschen wir uns, dass Sie den Mut haben, an Ihrer Arbeitswelt selbst etwas zu verändern.“ Ein wenig später heißt es dann: „Ich bin nur dann in der Arbeit frei, wenn ich mich (…) zu einer Sache entschlossen habe und dafür KEINE Gegenleistung erwarte.“

Das rüttelt natürlich auf. Die Arbeitswelt selbst verändern? Keine Gegenleistung für die eigene Arbeit erwarten? Das sind doch sehr hehre Ansprüche. Recht schlüssig begründen Förster und Kreuz diese Auffassung. Sie kategorisieren dazu vier Typen von Arbeit.

Kommentare (9)

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babyboomer_sucks

12.03.2013, 07:26 Uhr

ueberall wo prozesse und regeln herrschen werden die roboter die aufgaben uebernehmen. das menschliche gehirn ist fuer monotonie nicht gechaffen.

der menschliche koerper ist fuer max 4-5 stunden taeglich fuer computerarbeit ausgelegt. danach ist bewegung in form von spazieren gehn oder laufen an der frischen luft angesagt.


einfaches prinzip, um baby boomer herz infarkte und burnout zu vermeiden. wehrt euch generation y!!

merxdunix

12.03.2013, 08:20 Uhr

Ich hab das Buch zwar noch nicht gelesen. Der Artikel hier lässt jedoch erwarten, dass das Zeitverschwendung wird.
Jede menschliche Arbeit ist würdig, wenn man mit ihr etwas schafft, ohne gleichzeitig etwas anderes dabei zu zerstören. Und wenn man sich mit jeder Arbeit genau darauf beschränkt, etwas zu schaffen, dann ist sie auch kreativ. Die Kreativität mag nicht immer allen zugänglich sein. Wenn jedoch der Arbeitende selbst erkennt, dass seine Arbeit ausschließlich dem Wertegewinn dient, dann füllt sie ihn auch aus. Das Problem ist aber die kapitalistische Einstellung zur Arbeit. Wenn Arbeit dazu dient, andere auszubeuten, anstatt sie am Wertegewinn angemessen zu beteiligen, dann wirkt sie immer auch zerstörend, zumindest auf den der sie ausübt.
Die Lösung ist somit die angemessene Teilhabe, was dem Motiv „Es ist mein Ding“ gleich kommt. Wer an seiner Arbeit angemessen partizipiert, für den gibt es auch keine Scheißarbeit. Das Problem ist nur, damit kann man keine Ausbeutung betreiben und somit lässt ein kapitalistisches System das nicht zu. Es würden dann auch keine Überschüsse anfallen, um selbstherrliche Schmarotzer durchzufüttern. All die überflüssigen Politiker, Banker, Militärs und Zahlenverdreher wären dann übrig und deshalb bekämpfen sie jede Form genossenschaftlicher Wertschöpfung.

alexffm

12.03.2013, 09:29 Uhr

Der Kollege hieß Gottlieb und nicht Gottfried.

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