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05.10.2014

18:46 Uhr

Rezension Lifelogging

Die Vermessung des Lebens

VonAntje Korsmeier

Die Welt erzählen oder nur zählen? Der Soziologe Stefan Selke hat ein zum Nachdenken anregendes Buch über das Sammeln der eigenen Daten geschrieben. Sein Fazit: Es bleibt Verunsicherung.

Alles wird aufgezeichnet, sogar wie gestresst wir sind - zur Selbstoptimierung des persönliches Wohlbefindens. dpa

Alles wird aufgezeichnet, sogar wie gestresst wir sind - zur Selbstoptimierung des persönliches Wohlbefindens.

MünchenDie einen tragen beim Joggen am Handgelenk schicke neue Gadgets wie die "Runner Cardio" oder "Galaxy Gear Fit", andere verlassen sich auf eine App ihres Smartphones. Denn das Laufen um der reinen Bewegung willen ist out, vielmehr müssen Leistung, Kalorienverbrauch und Herzfrequenz registriert werden.

Cloud-Computing und die Weiterentwicklung von Miniprogrammen und Apps haben eine Form des Datensammelns und - speicherns ermöglicht, die immer mehr Anhänger findet und die der Soziologe Stefan Selke unter dem Begriff "Lifelogging" zusammenfasst. "To log" bedeutet protokollieren, und erfasst wird oftmals gleich das ganze Leben: E-Mails und Telefonate, Ernährung, Arbeitsdisziplin, Schlafverhalten, Aufenthaltsort der eigenen Kinder.

Die Top-Bücher im Herbst

George Packer: Die Abwicklung

Auf den Bestsellerlisten Amerikas und Europas hat der Journalist kräftig für Furore gesorgt. Anhand von 14 Porträts erzählt er vom Niedergang der US-Industrie. Herz zerreißende, aber auch Mut machende Geschichte von Menschen, die sich von der Wirtschaftspolitik und Unternehmerwelt nicht treiben lassen, egal wie das Leben ihnen mitspielt.
Unterm Strich setzt der Autor keine eigene These, aber man kann sie sich selbst leicht bilden: Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Doch es gibt Hoffnung. (S. Fischer Verlag)

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Dasselbe Thema, aber mit mehr Zukunftsdrall und deutlich wissenschaftlicher: Der Soziologe mit Zukunftsforscherdrang hat ein beeindruckendes Buch vorgelegt, in dem er die Zukunft der Arbeit skizziert. Rifkin erläutert, was sich durch die Vernetzung aller Dinge quer durch sämtliche Lebensbereiche verändern wird. Dass der Industriearbeiter in 50 Jahren zu aussterbenden Spezies gehören dürfte, aber auch als was wir dann arbeiten können. (Campus Verlag)

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/die-null-grenzkosten-gesellschaft-pL9783593399171.html

Peter Thiel und Blake Masters: Zero to One

Dass Wettbewerb heute kein Geschenk des Himmels mehr ist, beschreibt auch der Milliardär Peter Thiel in seinem Buch. Dabei ist es eigentlich kaum mehr als die (von Blake Masters) niedergeschriebene Vorlesung, die Thiel an der Standford Universität gehalten hat, also im Herz des Silicon Valley, wo Thiel unter anderen mit Paypal und Facebook reich wurde. Thiel gibt Ratschläge für Gründer, seziert aber auch das heutige Wirtschaftssystem. Monopole sind für ihn kein Teufelszeug, sondern der wesentliche Anreiz, Neues zu schaffen. Der Wettbewerb an sich wird wegen der gegen Null sinkenden Grenzkosten (siehe Rifkin) nur zu Arbeitsplatzverlust führen. Selten stand auf 200 dünnen Seiten so viel Lesenswertes. Man muss nur mit Thiels libertärer Natur klarkommen. (Campus Verlag)

Stefan Selke: Lifelogging

Cloud-Computing und die Weiterentwicklung von Miniprogrammen und Apps haben eine Form des Datensammelns und -speicherns ermöglicht, die immer mehr Anhänger findet und die der Soziologe Stefan Selke unter dem Begriff "Lifelogging" zusammenfasst. Es ist, wie er in seinem hellsichtigen Buch darlegt, eine "verängstigte Gesellschaft", die sich da mittels der Technik schützen will. Überfordert von den Möglichkeiten und Optimierungszwängen der Moderne, begreift das Individuum jegliche Entscheidung als problematisch. (Econ Verlag)

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/lifelogging-pL9783430201674.html

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles

Dieses Buch liest sich wie ein Science-Fiction-Thriller. Es handelt von Maschinen, die Menschen ausspionieren, Kriege führen und Börsencrashs verursachen. Das Bedrohliche: Es ist keine Fiktion, sondern bereits Realität. Und es ist geschrieben von einer Insiderin, die weiß, wovon sie spricht. Die Autorin verdient ihr Geld mit künstlicher Intelligenz und Big Data. Gerade deswegen sollte man ihren Warnungen zuhören. Wir alle würden Unternehmen und Geheimdiensten freiwillig die Werkzeuge liefern, uns zu manipulieren und auszubeuten, beklagt sie.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/sie-wissen-alles-pL9783570102169.html

Joel Kaczmarek: Die Paten des Internets

Also mieses Timing kann man dem Autor wahrlich nicht vorwerfen: Seine Biografie über die Samwers kam just in dem Moment auf den Markt, als die drei Brüder dauerhaft in den Medien präsent waren. Sie hatten gerade angekündigt, ihre Firma Rocket Internet an die Börse zu bringen und womöglich den Internet-Versandhandel Zalando gleich mit. Der Autor ist Chefredakteur des Start-up-Magazins „Gründerszene“ und hat die Maschen der Samwers detailliert und mit dem nötigen Abstand analysiert. Das Buch ist nicht nur für Gründer ein großer Gewinn. (FBV Verlag)

http://www.handelsblatt.com/finanzen/aktien/neuemissionen/ipo/rocket-internet-die-maschen-der-samwer-brueder/10611654.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/die-paten-des-internets-pL9783898798808.html

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst

„Ohne Geld keine Angst, ohne Angst kein Geld: Kein Geld ohne Angst.“ Dieser Satz ist so etwas wie die Kurzversion des Buches. Der Soziologe sieht diese Angst als das Thema, das in der modernen Gesellschaft alle angeht – quer durch alle Schichten und Milieus. Und auch er sieht sie eng verbunden mit der Ökonomie.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/gesellschaft-der-angst-pL9783868542844.html

Mariana Mazzucato: Das Kapital des Staates

Auf den ersten Blick scheint das Buch ein paar Jahre zu spät geschrieben zu haben. Denn seit der Finanzkrise 2008 ist es ja kein Geheimnis mehr, dass der Kapitalismus auf die Unterstützung und die Regulierung durch den Staat angewiesen ist. Aber der Schwerpunkt des Buchs liegt jenseits der Finanzmärkte. Die Autorin beschreibt sehr konkret, wie groß die Bedeutung staatlich finanzierter Forschung und Entwicklung für private Unternehmen ist. Dabei stellt sie fest: Die Amerikaner vertreten zwar in der Theorie die freie Marktwirtschaft, fördern aber in der Praxis ihre Unternehmen sehr effektiv.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/das-kapital-des-staates-pL9783956140006.html

Philip Roscoe: Rechnet sich das?

Wissen Sie, wie viel eine gespendete Niere wert ist? 15.200 Dollar sei der Preis, an dem gespendete und nachgefragte Nieren im Gleichgewicht wären. Roscoe zeigt auf, dass Kosten-Nutzen-Abwägungen heute nicht nur im Gesundheitswesen oder beim Autofahren, sondern selbst bei privatesten Entscheidungen wie der Partnerwahl selbstverständlich sind. Der Managementprofessor argumentiert, dass die Durchdringung des Alltags mit dem ökonomischen Denken die Gesellschaft nicht voranbringt, sondern ärmer macht, weil es das soziale Denken verdrängt und die Beziehungen der Menschen zueinander beschädigt.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/rechnet-sich-das-pL9783446440371.html

Drei über Google

Christoph Keese: Silicon Valley / Eric Schmidt: Wie Google funktioniert / Dave Eggers: Der Circle

Der eine hasst Google (Springer-Mann Keese), der andere verteidigt es (Google-Chairman Schmidt) – und noch ein anderer schreibt einen Roman über eine fiktive Firma, bei der alle an Google denken (Schriftsteller Eggers). Selten hat ein Konzern so viele Leser gleichzeitig in seinen Bann gezogen auf so unterschiedliche Weise. Wo Keese und Eggers – jeder auf seine Art – vor der Macht des Silicon Valley warnen, versucht Schmidt im Flausch-Modus zu beruhigen. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/strategie/wo-bleiben-grosse-erfindungen-wir-wollten-fliegende-autos-sie-gaben-uns-140-zeichen/10721072.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/zero-to-one-pL9783593501604.html

 http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/rezension-der-circle-wuerden-sie-ihrem-kind-einen-chip-implantieren/10321584.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/der-circle-pL9783462046755.html?ticket=ST-4573153-ErP4ThmN2wcnG0SdLdL0-s02lcgiacc01.vhb.de

Hardliner wie der Informatiker Gordon Bell filmen gar jeden ihrer Schritte mit einer Kamera, um eine lückenlose Enzyklopädie ihres Lebens zu erstellen. Ist das Hybris? Oder schlichtweg Naivität? Selke verneint diese Nachfrage: "Die Personen, die ich kennen lernen konnte, waren überaus reflektiert", dennoch: "Viele erliegen einfach dem Fetisch Technik."

Und warum sollte sich der Einzelne nicht selbst vermessen, wenn es ihm Spaß macht - wir leben schließlich in einer freien Gesellschaft. Doch diese Haltung ist zu kurzsichtig. Zum einen beeinflusst jede technische Neuerung die Kultur insgesamt; man denke nur an die Armbanduhr, die so harmlos daherkam und eine umfassende soziale Disziplinierung mit sich brachte. Zum anderen hat das Sammeln von Daten in einer vernetzten Welt zwangsläufig Folgen auch für jene, die das nicht tun.

Big Data im Sport: Der gläserne Lahm

Big Data im Sport

Der gläserne Lahm

Der FC Bayern will die volle Datenkontrolle über das Fußballspiel. Am Ende soll ein optimierter Sportler stehen. Doch wie steht es mit dem Schutz der Spielerdaten? Und was passiert, wenn der Spieler den Verein verlässt?

Viele Lifelogger sind von dem Glauben an ein besseres Leben getrieben. Ein diffuser Wunsch nach Selbstverbesserung plus schöne neue Welt. Selke, der an der Hochschule Furtwangen eine Professur für Gesellschaftlichen Wandel innehat, bricht diesen Idealismus herunter. Die Hauptmotive des Lifeloggings sind Kontrollwille, Verbesserung, Kosteneinsparung und Sicherheitserwägungen.

Es ist, wie er in seinem hellsichtigen Buch darlegt, eine "verängstigte Gesellschaft", die sich da mittels der Technik schützen will. Überfordert von den Möglichkeiten und Optimierungszwängen der Moderne, begreift das Individuum jegliche Entscheidung als problematisch. Die eigene Wahrnehmung kann sich täuschen, aber Daten, so der Grundgedanke des Buches, sind objektiv, und je mehr davon vorliegen, desto leichter lassen sich Ereignisse voraussehen, kann man Vorsorge treffen und lassen sich Fehler eliminieren.

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