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18.04.2016

16:47 Uhr

Rezension zu Paul Kalanithi

Leben, jetzt erst recht!

VonMaike Freund

Was tun, wenn die Diagnose Krebs heißt? Wenn plötzlich keine Zeit mehr für alle Lebenspläne bleibt? Der Arzt Paul Kalanithi findet in seinem Buch eine ganz eigene Antwort auf diese existenzielle Frage, die Mut macht.

Bewegend und mit feiner Beobachtungsgabe schildert der junge Arzt und Neurochirurg Paul Kalanithi (nicht im Bild) seine Gedanken über die ganz großen Fragen.

Bewegend und mit feiner Beobachtungsgabe schildert der junge Arzt und Neurochirurg Paul Kalanithi (nicht im Bild) seine Gedanken über die ganz großen Fragen.

DüsseldorfPaul Kalanithi führt so etwas wie ein Bilderbuchleben: Er ist erfolgreich, hat eine tolle Frau, an Elite-Universitäten studiert und das Ende seiner Assistenzzeit steht kurz bevor. Bald wird der Überflieger wählen können unter den Top-Job-Angeboten als Neurochirurg. Wenn da nicht diese Rückenschmerzen wären.

Als Arzt kennt er die Anzeichen besser als jeder andere. Und trotzdem ignoriert er die Symptome hartnäckig. Arbeitet 18 Stunden bis zur völligen Erschöpfung. Will nicht wahrhaben, dass irgendetwas nicht stimmt. Als er die Schmerzen nicht mehr aushält, geht er doch zum Arzt. Die Diagnose: Lungenkrebs im Endstadium. Paul ist 36. Und muss sich damit auseinandersetzen, dass ihm keine Zeit mehr bleibt.

Formen der Krebs-Therapie

Operation

Bei einer Operation wird der Tumor entfernt, häufig auch die umliegenden Lymphknoten um eine Streuung zu vermeiden. Eine Operation allein reicht meist nicht aus.

Quelle: Bayerische Krebsgesellschaft

Chemotherapie

Dabei kommen bestimmte Medikamente, sogenannte Zytostatika, zum Einsatz. Sie können bösartige Tumoren zerstören oder zumindest ein weiteres Wachstum verhindern. Die Medikamente greifen in den Zell-Stoffwechsel ein. Weil sie aber nicht zwischen gesunden Zellen und Tumorgewebe unterscheiden können, kommt es zu Nebenwirkungen, etwa Haarausfall, Erbrechen, Immunschwäche. Weil sich das Normalgewebe aber schneller regeneriert, wirkt die Chemotherapie auf Krebszellen stärker.

Strahlentherapie

Der Tumor wird vor, nach oder anstelle einer Entfernung mit energiereicher Strahlung beschossen. Die Bestrahlung kommt nur lokal zum Einsatz und kann das Wachstum des Tumors bremsen, indem die Tumorzellen zerstört werden.

Molekularbiologische Therapie

Es handelt sich um einen jungen Therapieansatz, auch "targeted therapy" (zielgerichtete Therapie) genannt. Hierunter fällt die in der US-Studie erforschte Blockierung des Ral-Proteins. Spezifische Wirkstoffe sollen zielgenau die Krebszellen angreifen.

Hormontherapie

Hierbei werden Antihormone gegeben. Sie können vor allem Tumoren der Geschlechtsorgane und Brustkrebs im Wachstum stoppen oder verlangsamen.

Hyperthermie

Hierunter versteht man die Überwärmung des Körpers oder einzelner Körperteile. Dies kommt beispielsweise ergänzend zu einer Strahlentherapie zum Einsatz, und kann ihre Wirkung verstärken.

In „Bevor ich jetzt gehe“ erzählt Paul Kalanithi seine Geschichte aus der Ich-Perspektive: Erst die als Arzt, dann die als Patient. Wie er versucht, sein Gleichgewicht angesichts der Diagnose Krebs nicht zu verlieren. Zu entscheiden, wie er den Rest seines Lebens ausrichten will. Er schreibt: “Wie meine Patienten musste ich mich mit dem Sterben auseinandersetzen und begreifen, was mein Leben lebenswert machte.”

Kalanithi erzählt von seinen Zweifeln und Hoffnungen und von seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Die Worte, die er findet, sind schlicht, doch sie gehen ans Herz. Denn was er erzählt, ist ehrlich und authentisch.

Buch von Karl Lauterbach: Albtraum-Diagnose Krebs

Buch von Karl Lauterbach

Albtraum-Diagnose Krebs

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erklärt in seinem neuen Buch, warum Krebs zur Epidemie wird.

Trotzdem: Muss das wirklich sein, noch so ein Buch? Über Krebs und Tod? Nein, muss es nicht. Aber es tut unendlich gut. Vielleicht, weil dieser Mann und seine Familie trotz all des Schlimmen so mutig ist. Weil Paul Kalanithi nicht zerbricht an seinem Schicksal, sondern ein neuer Paul Kalanithi wird, einer, der mehr er selbst ist. Einer, der über sich und sein Schicksal hinaus wächst. Weil er seine eigene Antwort auf die Frage findet, die alle umtreibt: Was macht das Leben eigentlich lebenswert? Und wie nutze ich die Zeit, die mir geschenkt wird, sinnvoll?

Paul Kalanithi entscheidet sich: Als er als Arzt nicht mehr arbeiten kann, beginnt er mit dem Schreiben. Er und seine Frau entscheiden sich, trotz des nahen Todes ein Kind zu bekommen. Paul entscheidet sich dafür, nicht die Angst über sein Leben bestimmen lassen. Keine Angst vor dem Leid zu haben.

Das hier ist ein schmales Buch, das trotz der wenigen Seiten schwer wiegt. Auch viele Tage, nachdem man es aus der Hand gelegt hat, kommt es einem zwischendurch wieder in den Sinn. Es hat etwas berührt. Zum Schwingen gebracht. Nicht, weil es traurig ist, sondern weil es trotz der Traurigkeit Mut macht. Nicht diese Krankheit besiegen zu können, sondern trotz der Krankheit keine Angst zu haben, sich für seine Wünsche zu entscheiden.

Paul Kalanithi erzählt von sich, aber zwischen den Zeilen steht da noch mehr, etwas, was den Leser nicht wieder loslässt: Es ist ein Plädoyer für das Leben. Und den Mut, sich seinen Sehnsüchten zu stellen. Lesen!

Paul Kalanithi
Bevor ich jetzt gehe. Was am Ende wirklich zählt
Das Vermächtnis eines jungen Arztes

Verlag Knaus Albrecht, München, 19,99 Euro
199 Seiten

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