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27.01.2015

16:46 Uhr

Rhetorik-Ranking

Herr Kaeser und die großen Worte

VonClaudia Obmann

Welcher Dax-Chef hält die verständlichste Rede? Siemens-Chef Joe Kaeser hat am Dienstag die Hauptversammlungssaison eröffnet, bekam aber eher mittelmäßige Noten. Chancen auf den Sieg haben andere.

Siemens-Chef Joe Kaeser trat als erster Dax-Konzernlenker in den Ring um die Redner-Krone 2015. dpa

Siemens-Chef Joe Kaeser trat als erster Dax-Konzernlenker in den Ring um die Redner-Krone 2015.

DüsseldorfDen Auftakt als erster Redner der Hauptversammlungssaison machte am Dienstag Joe Kaeser in der Münchner Olympia-Halle. Er hatte nach heftigen internen Machtkämpfen den glücklosen Peter Löscher bei Siemens abgelöst. Mit seinem Rede-Debüt 2014, mit dem er die verunsicherten Aktionäre auf seinen Kurs einschwören musste, schaffte er es auf Platz 15. Das war nicht gut, aber auch nicht ganz schlecht.

Auch in diesem Jahr blieb er rhetorisch exakt Mittelmaß, obwohl seine Rede um 1000 Wörter länger als im Vorjahr war, und er versuchte, mehr Aspekte anzusprechen, um seine Aktionäre zu beruhigen.

Der Kampf um die Redner-Krone auf den Hauptversammlungen 2015 ist damit eröffnet. Mit Spannung wird erwartet, welcher Chef der dreißig größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands diesmal die beste Rede vor den Aktionären hält. Dass BMW-Konzernlenker Norbert Reithofer wie auch schon im Vorjahr als Sieger aus dem Redner-Ring hervorgeht, steht nicht fest. Im Gegenteil.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Der promovierte Ingenieur muss sich auf ambitionierte Konkurrenz gefasst machen, die ebenfalls mit einer vollkommen verständlichen Rede bei ihren Aktionären punkten will. Der Vorsprung des Siegers vor diesen Verfolgern ist denkbar gering.

Joe Kaeser hatte bei seiner Rede eine schwierige Aufgabe. Denn der Siemens-Chef steht unter Druck: Die Zahlen des einstigen Finanzvorstands des Elektrokonzerns sind nicht besser als die seines Vorgängers. Aber nicht nur, dass die Chefs der umsatzstärksten Divisionen Energie und Gas sowie Medizintechnik ausscheiden, auch die Arbeitnehmer machen mobil. Zudem klagen Fonds gegen Siemens. Die größte rhetorische Aufgabe: Kaeser musste sich für den teuersten Deal der Siemens-Geschichte, die Übernahme des Öl-Dienstleisters Dresser-Rand aus Texas, erklären.

Auch, wenn der Siemens-Chef wegen des Geschäfts kaum Pluspunkte bei den Anlegern sammeln konnte, lief es zumindest rhetorisch besser. „Positiv fiel auf, dass er sich nicht hinter Fachbegriffen versteckte“, konstatiert Kommunikationsprofi Frank Brettschneider. Gebrauchte Kaeser doch mal einen in der Branche üblichen Ausdruck oder einen Anglizismus, erläuterte beziehungsweise übersetzte er ihn sofort.

So verstand zum Beispiel jeder im Publikum sofort, dass im Zuge der Digitalisierung Geschäfte im Bereich „remote services“, die Kaeser mit „Fernwartung für unsere Kunden“ übersetzte, Zukunft haben werden. Allerdings trübten die insgesamt zu langen Sätze, die Kaeser leicht leiernd und stockend vom Blatt ablas, wobei er häufig Satzteile unpassend betonte, diesen positiven Eindruck wieder leicht.

Kommentare (1)

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Herr Horst Hamacher

27.01.2015, 18:23 Uhr

Der Kaeser ist ein guter Tänzer, .... aber sonst?!?

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