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16.09.2011

14:59 Uhr

Risiko Berufsunfähigkeit

Wie sich Arbeitnehmer sinnvoll absichern

VonDörte Jochims

Jeder vierte Erwerbstätige scheidet aus gesundheitlichen Gründen aus dem Arbeitsleben aus. Doch nur wenige haben sich privat gegen Berufsunfähigkeit abgesichert. Es ist riskant, sich alleine auf den Staat zu verlassen.

In der Rubrik „Karriere Tipp“ widmet sich Handelsblatt Online wöchentlich Themen rund um Beruf, Büro und Bewerbung. CAEPSELE

In der Rubrik „Karriere Tipp“ widmet sich Handelsblatt Online wöchentlich Themen rund um Beruf, Büro und Bewerbung.

DüsseldorfDer eine heiratet, bekommt Kinder und führt jahrzehntelang ein verantwortungsvolles Leben, als ihn eine schwere Krankheit zurückwirft. Der andere ist Milliardär und hat sich nie über etwas Gedanken macht, das unterm Strich keine Summe ergab. Im Film „Das Beste kommt zum Schluss“ landen beide im selben Krankenzimmer. Obwohl sie aus unterschiedlichen Welten stammen, brechen sie gemeinsam auf, um künftig nur noch zu tun, was ihnen wirklich wichtig ist. Das verzweifelte Ziel, Versäumtes nachzuholen, schweißt sie fest zusammen.

Was würde passieren, wenn Krankheit, Kündigung oder Klagen Sie aus ihrem gewohnten Leben reißen würden und ihnen kein zynischer Milliardär à la Jack Nickolson zur Seite steht? Kluge sorgen vor und kümmern sich rechtzeitig darum, sich zumindest gegen die finanziellen Folgen solcher Schicksalsschläge abzusichern. Denn 2001 wurde die staatliche Berufsunfähigkeitsrente abgeschafft. Die Hilfe vom Staat wurde damit ausgerechnet für Kranke auf das Niveau des 19. Jahrhunderts zurückkatapultiert.

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So erreichte zu Bismarcks Zeiten die oft hoch gelobte Altersrente zunächst fast niemanden. Denn das Durchschnittsalter lag damals bei etwa 40 Jahren. Einen Anspruch konnten aber nur 70-Jährige geltend machen. Dafür kamen deutlich mehr Invalide als gedacht in den Genuss einer regelmäßigen Zahlung.

Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Wer seine Altersrente antritt, kann statistisch gesehen auf 25 Jahre Zahlung hoffen. Arbeitnehmer, die nach 1961 geboren sind und aus gesundheitlichen Gründen aus dem Erwerbsleben ausscheiden müssen, bleibt dagegen meist nur Hartz IV. Nur wer nachweislich nicht länger als drei Stunden arbeiten kann, bekommt den vollen Satz der Erwerbsminderungsrente und damit 38 Prozent seines letzten Bruttoeinkommens. Wer noch zwischen drei und sechs Stunden schaffen kann, hat Anspruch auf den halben Satz. Berufsanfänger, die noch nicht mindestens fünf Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung einbezahlt hat, gehen ganz leer aus. Gleiches gilt für Selbstständige, die nicht in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen.

Tipps für die Berufsunfähigkeitsversicherung

Früh abschließen

Schließen Sie eine Berufsunfähigkeit in jungen Jahren ab, wenn noch keine Krankheiten vorliegen. Denn bei chronischer Erkrankung ist es oft zu spät. Achten Sie darauf, dass sie die Versicherungssumme ohne Gesundheitsprüfung erhöhen können, wenn sich ihre Lebensverhältnisse ändern.

Faustregel

Als Faustregel gilt: Die monatliche Berufsunfähigkeitsrente sollte zwischen 70 und 100 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens betragen. Doch Abweichungen sind möglich.

Inflation beachten

In den Vertrag sollte eine Dynamik der Berufsunfähigkeitsrente vereinbart werden. Denn auf Grund der Inflationsrate verliert das Geld kontinuierlich an Wert.

Keine abstrakte Verweisung

Der Vertrag sollte die abstrakte Verweisung ausschließen. Das bedeutet die Berufsunfähigkeit ist stets auf den erlernten Beruf bezogen. Mit einer abstrakten Verweisung kann der Versicherer verlangen, dass der Berufsunfähige in einem anderen Beruf arbeitet.

50 Prozent

Der Versicherer sollte voll bezahlen, wenn die Berufsunfähigkeit zu 50 Prozent gegeben ist.

Vorsicht bei Koppelung

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sollte auf keinen Fall an eine Kapitallebens- oder Rentenversicherung gekoppelt sein. Denn kündigen sie dann ihre Altersvorsorge, entfällt auch der Risikoschutz.

Flexibilität bewahren

Der Vertrag sollte flexibel genug sein, um den späteren Wechsel etwa in die Selbstständigkeit ermöglichen.

67er-Falle

Die 67er Falle. Die Versicherung sollte unbedingt die Zeitspanne bis zum Renteneintritt abdecken. Dabei ist die Anhebung der Altersgrenze zu berücksichtigen. Andernfalls entsteht eine Deckungslücke.

Nachversicherungsgarantie

Im Vertrag sollten vor allem Jüngere unbedingt eine Nachversicherungsgarantie vereinbaren, um die Berufsunfähigkeitsrente ohne Gesundheitsprüfung später erhöhen zu können.

Wahrheitsgemäße Angaben

Beim Abschluss des Vertrages sind Fragen zum Gesundheitszustand wahrheitsgemäß zu beantworten. Andernfalls zahlen Sie womöglich jahrzehntelang ein, um dann - wenn der Versicherer im Ernstfall die Krankenakte prüft - ohne Absicherung dazustehen.

Prognosezeitraum

Immer wieder ein Zankapfel ist der sogenannte Prognosezeitraum, den der Arzt für eine potenzielle Berufsunfähigkeit attestieren muss. In vielen Fällen verlangen die Versicherungen einen Zeitraum von ein bis drei Jahren für „eine voraussichtlich dauernde Berufsunfähigkeit“. Doch das ist oft nicht realistisch. Im Vertrag sollten maximal sechs Monate vereinbart sein.

Private Vorsorge ist daher Pflicht. Denn immerhin jeder Vierte wird berufsunfähig. Doch noch gehören entsprechende Versicherungspolicen zu den am stärksten vernachlässigten Versicherungen. Dabei sind sie für Jeden, der mit Arbeit sein Geld verdienen muss, unverzichtbar. Denn sie ersetzt im Versicherungsfall vollständig oder teilweise den Verdienstausfall. Sie springt ein, wenn Versicherte nachweislich zu mehr als 50 Prozent berufsunfähig sind und ihren erlernten Beruf nicht mehr ausüben können. Der Staat zahlt hingegen nur bei so genannter Erwerbsminderung. Hier können Betroffene überhaupt keine Tätigkeit mehr ausüben.

Doch billig ist der Versicherungsschutz nicht. So zeigen Berechnungen, die Experten von Morgen & Morgen exklusiv für Handelsblatt Online erstellt haben, das etwa ein 42-jähriger Abteilungsleiter in der Pharmaindustrie für 3000 Euro Rente zwischen 1500 und 1700 Euro pro Jahr zahlt. Ein 51-jähriger Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens müsste für 5000 Euro Rente zwischen 3.500 und 3.900 Euro berappen.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

28.09.2011, 13:57 Uhr

Das größte und leider von allen Seiten völlig vernachlässigte Problem ist bei dieser Versicherungsart die katastrophale Annahmepolitik!

Wer vorbildlich (Hand auf's Herz!) und wirklich ehrlich alle Gesundheitsfragen beantwortet wird leider die Erfahrung machen, dass:

- Die Wahrscheinlichkeit, ohne verhängnisvolle Ausschlussklauseln angenommen zu werden, auch schon bei einer/-m 30-jähriger/-n bei nur rund 20% liegt, d.h. sage und schreibe 4 von 5 Antragstellern werden NICHT normal versichert. Der Grund: Nicht nur offensichtliche Gesundheitseinschränkungen spielen eine Rolle, sondern selbst Bagatellfälle wie leichte Rückenprobleme, Heuschnupfen oder ein BMI >25.

- Die Prüfung des Antrags teilweise Monate dauert, weil viele Ärzte sich zu schade sind, für 50 € einen einseitigen Fragebogen gegenüber der anfragenden Versicherungsgesellschaft abzugeben!

- Vorgänge, die auf Grund der o.G. Gründe nicht normal policiert werden, dennoch in der Uniwagnisdatei landen und ohnehin bei jedem Alternativantrag angegeben werden muss, dass der Mitbewerber nur eingeschränkt versichern möchte (ein Unding, warum pennen hier die Datenschützer???)

- die oft empfohlene neutrale Voranfrage bei rund der Hälfte aller Versicherer nicht oder nur sehr widerwillig bearbeitet wird.

Aber wie immer werden - wie auch in diesem Artikel - immer nur Prämien und Bedingungen unter die Lupe genommen. Ist ja auch so schön einfach im heutigen EDV-Zeitalter. Aber was nützt mir ein günstiger Versicherer mit 5 Sternen, wenn dieser sämtliche Rückenerkrankungen während der gesamten Vertragslaufzeit ausschließt, weil ich vor 6 Monaten Mal wegen Verspannungen bei der Massage war???

Hier ist m. E. die Versicherungsaufsicht gefordert. Ein Produkt anzubieten, was die Mehrheit nicht wie beworben bekommen kann, ist m. E. nach wettbewerbswidrig!

Account gelöscht!

28.09.2011, 16:33 Uhr

Ich bin alterstechnisch so gerade aus der gesetzlichen Absicherung rausgefallen - und habe damals Angebote eingeholt und mich schlau gemacht.
Ergebnis war, dass ich mir das schlicht nicht leisten konnte - viel zu teuer. Und dabei gehört mein Bürojob noch nicht mal zu den als gefährlich eingestuften Berufen.

neulig

29.09.2011, 14:55 Uhr

Leider wieder ein wichtiges Thema oberflächlich behandelt und die gängigen Platituden verwendet: "Jeder 4. scheidet aus gesundheitlichen Gründen aus dem Berufsleben aus". Bitte nennen Sie mir hierfür die Quelle, die das belegt! Im übrigen wäre diese Zahl nur der Gesamtquerschnitt. Wie sähe diese ohne die Beamte bzw. Lehrer aus? Und warum gehen viele Beamte bzw. Lehrer aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand? Weil es diesen teilweise sehr leicht gemacht wird und weil sich diese es aufgrund ihrer Pension oft leisten können. Des Weiteren bleibt unerwähnt, dass die durchschnittliche Berufsunfähigkeitsdauer wohl nach einigen Statistiken unter 4 Jahren liegt und eben nicht 20 oder 30 Jahre andauert, wie viele meinen.
Es wird hier, wie so oft erwähnt, dass auf keinen Fall eine Koppelung an eine Rentenversicherung erfolgen soll. Immer mit dem Grund, dass man sich beides vielleicht nicht mehr leisten könnte. Was für ein Quatsch! Erstens kann man eine Teilkündigung vornehmen oder bei einigen Anbietern eine BUZ in eine SBU umwandeln und zweitens braucht man eine hohe zusätzliche Rente, wenn man früh und lange berufsunfähig wird, denn diese ist dann äußerst gering (man zahlt ja keine gesetzlichen Rentenbeiträge mehr). Also wer sich beides schon jetzt nicht leisten kann, sollte sich m. E. auch keine BU-Versicherung leisten. Grundsätzlich ist man im Leben vielen Risiken ausgesetzt und fast keiner kann sich leisten, sich gegen alles abzusichern. Viele besser ist es m. E. auf seine Gesundheit und eigene Arbeitskraft Rücksicht zu nehmen und vorbeugend zu investieren statt mit einer Versicherung, die m. E. nur jeder 20 - 40. wirklich braucht.

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