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15.07.2015

13:02 Uhr

Rocket Internet

Shopwings gibt in Deutschland auf

Erst im Herbst hatte Rocket Internet seine Tochter Shopwings in Deutschland gestartet. Über den Onlinedienst konnten Kunden in ihrem lokalen Supermärkten bestellen. Doch nun gibt das Start-up hierzulande auf.

Das Geschäftsmodell von Rocket Internet basiert auf dem Aufbau von Start-ups. Reuters

Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer

Das Geschäftsmodell von Rocket Internet basiert auf dem Aufbau von Start-ups.

DüsseldorfDie Start-up-Schmiede Rocket Internet zieht bei einem ihrer jüngsten Projekte die Reißleine. Der Einkauf- und Lieferdienst Shopwings werde in Deutschland eingestellt, sagte ein Rocket-Internet-Sprecher am Mittwoch. Das Unternehmen werde sich stattdessen auf andere Märkte in Südostasien konzentrieren.

Shopwings war im Herbst vergangenen Jahres in Deutschland gestartet. Die Idee: der Kunde wählt online seine Artikel aus, ein persönlicher Einkäufer übernimmt den Weg zum Supermarkt in der Nähe – etwa Lidl, Aldi, Edeka oder Alnatura – und liefert die Waren binnen zwei Stunden nach Hause. Je nach Warenwert fällt ein Lieferpreis von bis zu 6,90 Euro an. Genutzt werden kann der Dienst in München und Berlin.

Das Samwer-Imperium

Die Brüder

Marc (Jahrgang 1970), Oliver (1973) und Alexander (1975) wuchsen in Köln auf; sie studierten in Köln, Vallendar, Oxford und Harvard Rechtswissenschaft, BWL und VWL. Heute arbeiten sie in München und Berlin.

Die Beteiligungen

Die Brüder agieren über den Fonds Global Founders Capital (GFC) der den European Founders Fund (EFF) 2013 ersetzte und das mittlerweile börsennotierte Unternehmen Rocket Internet. Der 150 Millionen Euro schwere GFC ist ein Wagniskapitalgeber, der weltweit als Investor auch die Gründung kleiner Unternehmen die nicht im Fokus von Rocket Internet stehen unterstützen soll; Rocket ist der sogenannte Inkubator, also die Beteiligungsgesellschaft, über die die Samwers in Neugründungen von Internet-Start-ups investieren. Über den GFC halten die Samwers auch die Mehrheit an Rocket Internet.

Rocket Internet ging am 2. Oktober 2014, einen Tag nach dem mit Mitteln der Beteiligungsgesellschaft aufgebauten Versandhändler Zalando, an die Börse. Ein Misserfolg: Die zu optimistisch eingeschätzte Aktie verlor noch am ersten Handelstag zweistellig.

Die Erfolge

Angefangen hat ihr Erfolg mit Alando, einem Internet-Auktionshaus nach dem Vorbild des US-Unternehmens Ebay. Es folgte der Klingeltonanbieter Jamba, der Youtube-Klon MyVideo oder der deutsche Groupon-Vorgänger CityDeal. Zwischenzeitlich hatten sie auch Anteile an den Kontaktnetzwerken Facebook und StudiVZ. Als Aushängeschild gilt der mittlerweile Börsennotierte und mit Rocket-Internet-Geld aufgebaute Versandhändler Zalando, an dem die Samwers nach wie vor Anteile über ihren Fonds Global Founders Capital (GFC) halten.

Mit der Gründung von GFC begann eine noch internationalere und aggressivere Investitionsstrategie der Brüder, laut eigenen Angaben hält der Fonds Beteiligungen an über 50 Unternehmen weltweit. Die Brüder verfügen mittlerweile über ein geschätztes Privatvermögen von insgesamt 5,1 Milliarden Dollar.

Die Misserfolge

Die Samwers stehen eigentlich für erfolgreiche Start-ups. Doch Misserfolge gibt es auch bei ihnen. Im August 2014 listet der Autor Joel Kaczmarek in seinem Buch „Die Paten des Internets“ rund 40 Unternehmen auf, die Pleite gegangen sind – darunter Klone wie Ecareer, Dreambookers oder MyBrands.

Die Verkaufsmaschen

Wenn die Samwers etwas verkaufen wollen, setzen sie gerne auf aggressive Werbung. Das klappte sowohl bei Jamba (Stichwort: „Crazy Frog“) als auch bei Zalando („Schrei vor Glück“). Auch bei Investoren treten die drei Brüder, allen voran Oliver Samwer, offensiv auf. So schrieb der mittlere Bruder einst eine Mail an Investoren, in denen er sich und seine Brüder als Gründer des weltgrößten Start-up-Inkubators bewarb und mit lauter wichtigen Namen wie denen einiger bisheriger Investoren um sich schlug.

Die Kritikpunkte

Die Samwers gelten als erfolgreich, aber auch skrupellos – gerade, wenn es um ihre Geschäftsmodelle geht. In den USA werden sie nur „Copycats“ genannt, weil sie die Ideen erfolgreicher Unternehmer ungefragt übernehmen. Auch mit der Konkurrenz gehen sie nicht immer zimperlich um. So soll Rocket Internet auch schon das Angebot anderer Firmen gezielt manipuliert und versucht haben, an deren Kundendaten zu gelangen. Oliver Samwer bestreitet die Vorwürfe.

Shopwings werde wegen kostenträchtiger Auflagen für Verbraucherinformationen und die mangelnde Kooperation mit dem Einzelhandel den Dienst kommende Woche einstellen, hatte das Wirtschaftsmagazin Capital zuvor unter Berufung auf Branchenkreise berichtet.

Das Geschäftsmodell von Rocket Internet basiert auf dem Aufbau von Start-ups. Um Neugründungen und deren Wachstum zu finanzieren, ging das Unternehmen im Herbst an die Börse und hat sich seitdem wiederholt frisches Geld besorgt.

Der Kapitalhunger des Wagniskapitalfinanzierers ist groß, denn die Start-up-Firmen schreiben rote Zahlen. Von den von Rocket betreuten Firmen gelten der Essenslieferdienst Delivery Hero und die beiden Online-Möbelhändler Westwing und Home24 als wahrscheinlichste nächste Kandidaten für einen Börsengang.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Herr Stefan Meister

20.07.2015, 11:17 Uhr

Wenn das tatsächlich die Gründe sind, halte ich das ja für einigermaßen unverantwortlich, ein angebliches 30 Milionen €-Unternehmen so an die Wand zu fahren:
unverantwortlich gegenüber den Mitarbeitern
unverantwortlich gegenüber den Investoren

Dass es eine LMIV gibt hätte Shopwings bei der Gründung beachten müssen, spätestens bei der Due Dilligence durch Rocket Internet hätte eine rechtliche Beleuchtung des Geschäftsmodell erfolgen müssen.
Und ob die Handelsketten bereit sind, in so ein Modell einzusteigen, hätte RI mit einem paar Gesprächen klären können.
Auf der NOAH in Berlin hat o. Samwer ja dargestellt, wie im Hause Rocket Internet recherchiert wird: am Beispiel Türkei habe man in Wikipedia geschaut und dann in google maps. Eine professionelle Recherche hätte sich nicht gelohnt. (Dafür hat man dann anschließend ein paar hundert Leute auf die Straße gesetzt.
Es erstaunt dann schon, dass bei einem derartig "professionellen" Vorgehen alleine Tengelmann einen 2stelligen Millionenbetrag in Shopwings investiert.
Eine Woche vor Schließung noch war die Lebensmittelbranche der Wachstumsmarkt für RI, Riesenpotential! - jetzt zwei Schlappen. Und jetzt ist für shopwings gerade noch Potential in Australien und Asien vorhanden.
Die nächste Schlappe mit Helpling zeichnet sich schon ab - das Original hat gerade aufgegeben.
Naja, mit der halben Milliarde, die RI Anfang letzter Woche eingesammelt hat, können die ja nochmal 20 solche Unternehmen hops gehen lassen.
Den "Brüdern" solltest Du halt kein Geld geben.

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