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01.06.2012

15:22 Uhr

Sanierer Geiwitz

Schlecker als größter Fall und größte Niederlage

Das Aus für Schlecker ist bitter - auch für den Insolvenzverwalter Geiwitz. Er konnte die Gläubiger nicht für eine Lösung gewinnen, die Tausende Jobs erhalten hätte. Sein größter Fall und seine größte Niederlage.

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz: Das Aus von Schlecker ist auch für ihn bitter. dapd

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz: Das Aus von Schlecker ist auch für ihn bitter.

EhingenDie Schlecker-Insolvenz hat ihn über Nacht zum Hoffnungsträger für tausende Menschen gemacht. Der Unternehmenssanierer Arndt Geiwitz mühte sich seit Ende Januar, die abgewirtschaftete Drogeriekette Schlecker vor dem Untergang zu bewahren. Nun nach dem endgültigen Aus ist Schlecker für Geiwitz nicht nur sein größter Fall, sondern auch seine größte Niederlage.

Übernommen hatte sich der Insolvenzfachmann keinesfalls. Seine Kanzlei Schneider, Geiwitz & Partner mit Zentrale in Neu-Ulm und elf Filialen hat einen klingenden Namen in Insolvenzverwalterkreisen. „Alt eingesessen und einer Größenordnung wie Schlecker gewachsen“, sagt ein Branchenkenner über die Experten aus Süddeutschland, die kürzlich auch in anderer Sache von sich reden machten. Geiwitz' Kollege Werner Schneider ist Verwalter des Druckmaschinenherstellers Manroland mit seinen einst 6500 Jobs. Der Wirtschaftsprüfer rettete früher etwa bei der Augsburger Walter Bau zwei Drittel der Stellen.

Großer Ladenschluss: Das Schlecker-Imperium zerfällt

Großer Ladenschluss

Das Schlecker-Imperium zerfällt

Das Warten der Schlecker-Mitarbeiter hat ein Ende: Das Unternehmen wird abgewickelt.

Auch Geiwitz selber leitete schon umfassende Sanierungen wie die der Kögel-Fahrzeugwerke oder der Budget Autovermietung. Doch bei seinem Schlecker-Fall stehen nun mehr als 13 000 Mitarbeiter in Deutschland vor dem Aus.

Die Möglichkeit einer Abwicklung hatte sich früh angedeutet. Schon einen Monat nach Beginn seiner Arbeit für die Drogeriekette musste Geiwitz der Öffentlichkeit eine ganz bittere Pille verkaufen. „Die Situation ist so dramatisch, dass das Unternehmen nicht nachhaltig am Markt bestehen kann“, sagte er. Es stehe ein „herber, schmerzhafter Schnitt“ an.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Geiwitz' Aufgabe lag in einem Spannungsfeld zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite standen die Gläubiger mit ihren Forderungen, auf der anderen aber tausende Mitarbeiter-Schicksale. Der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) erklärt, dass die Einigung mit den Gläubigern das Zentrum eines guten Insolvenzplans sei. Bei allem Willen zum Erhalt der Jobs gelte das Prinzip, dass die Gläubiger selbst im schlechtesten Fall einer Unternehmensfortführung nicht mehr Geld verlieren dürften als mit einer Liquidation.

Kommentare (5)

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Beamtenschlafstadt_MG

02.06.2012, 11:28 Uhr

Für die Unbedarften unter den Lesern. Die Headline ist irreführend. Für die Mitarbeiter und Gläubiger ist es vielleicht die größte Niederlage. Nicht hingegen für Herrn Geiwitz. Für ihn ist es das Geschäft seines Lebens. Ich wundere mich über diese Naivität mit der hier von Seiten des HB über ein Insolvenzverfahren berichtet wird. Die Durchführung von Insolvenzverfahren ist in unserer Gesellschaft die einzige Dienstleistung, wo das Leistungsprinzip auf den Kopf gestellt wird. Dank unserer InsVV, der Insolvenzrechtlichen Vergütungsordnung. Wäre die Investorensuche positiv verlaufen, hätte Herr Geiwitz einen viel viel schlechteren Schnitt hinsichtlich seines eigenen Honorars gemacht. So aber wird sich die Abwicklung über Jahre hinziehen. Die Kosten gehen ausschließlich zu Lasten der Gläubiger und schmälern deren Quote, nicht hingegen das Honorar von Herrn Geiwitz. Für Inolvenzverwalter stellt die InsVV mit diversen Hebelungsmöglichkeiten eine Lizenz zum Gelddrucken dar. Ein Skandal. Für Herrn Geiwitz ist die Abwicklung von Schlecker DAS Geschäft seines Lebens. Vor diesem Hintergrund muss das "Bemühen" des Insolvenzverwalters einen Investoren zu finden, gesehen werden.

Gaucholin

02.06.2012, 17:41 Uhr

Einem Insolvenzverwalter zu unterstellen, er würde mit Absicht ein Unternehmen an die Wand fahren, ist tatsächlich unbedarft. Um für Verfahren bestellt zu werden, muss ein Insolvenzverwalter nachgewiesen haben, dass er in der Lage ist, eine Sanierung erfolgreich durchzuführen. So haben sich Wellensiek & Co ihren Namen gemacht - nicht durch plattmachen und abschröpfen.

Wirklich unbedarft ist es aber, implizit zu unterstellen, dass Schlecker durch einen Investor gerettet werden könnte. Das Schlecker Konzept ist ebenso tot wie das Image dieser Läden (woran v.a. Verdi kräftig mitgewirkt hat). Der Verbraucher hat entschieden, dass ein Drogeriemarkt mit Aldi-Einrichtung und Douglas-Preisen einfach unnötig ist!

Beamtenschlafstadt_MG

03.06.2012, 02:12 Uhr

Sie reden völlig am Thema vorbei. Hier geht es um Insolvenzverwaltung in Deutschland an sich. Und die ist hanebüchen. An und für sich werden doch Insolvenzverfahren durchgeführt um Gläubiger zu befriedigen. Ist Ihnen schonmal aufgefallen, dass es ein Mißverhältnis zwischen den Ausschüttungen an die Gläubiger und dem Honorar des Verwalters gibt? Die Relation ist absolut reziprok. Die InsVV ist eine Lizenz zum Gelddrucken - ein absolut perverses System. Übertragen Sie das mal in irgendeinen anderen Teil unserer Wirtschaft. Unvorstellbar, dass Nicht-Leistung überdurchschnittlich honoriert wird. Stellen Sie sich einmal vor ein Verkäufer bekommt umso mehr Tantiemen je weniger Umsatz er erwirtschaftet. Die InsVV setzt hier völlig falsche Anreize und muss dringend reformiert werden. Würde man das Honorar des Insolvenzverwalters an den Erfolg seiner Bemühungen koppeln, was glauben Sie wieviele Investoren plötzlich auch für angeblich hoffnungslose Fälle gefunden werden. Auch im Falle der Abwicklung sollten die Gläubigerinteressen ein viel größeres Gewicht bekommen. Das Honorar sollte sich in Relation zur Höhe der Ausschüttungen befinden und nicht die Insolvenzmasse schmälern, wie das regelmäßig der Fall ist. Es wird Zeit, dass sich endlich mal das Justizministerium mit dieser skandalösen Abschöpfpraxis auseinandersetzt und praktikable Reformvorschläge erarbeitet.

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