Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.03.2016

10:40 Uhr

Schlagfertigkeit

Vom Schweigen im Aufzug und anderen Peinlichkeiten

VonKerstin Dämon
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Die Aufzugtür gleitet auf, der Chef tritt ein. Und jetzt? Etwas sagen oder peinlich berührt auf den Boden starren? Für viele sind Smalltalk oder Reden vor Publikum der reinste Horror. Wie Sie die richtigen Worte finden.

Im Fahrstuhl oder vor Publikum fehlen Ihnen die Worte? Das kann man ändern. Fotolia.com

Schlagfertigkeit

Im Fahrstuhl oder vor Publikum fehlen Ihnen die Worte? Das kann man ändern.

Machen wir ein kurzes Gedankenspiel: Ihr Unternehmen feiert Jubiläum, Mitarbeiter und Manager aus sämtlichen Niederlassungen sind vor Ort. Beim Festakt hält der Vorstandsvorsitzende eine Rede, schaut anschließend ins Publikum und entdeckt Sie. Sein Gesicht hellt sich auf und er sagt: "Ach, ich sehe, Herr/Frau Mayer ist auch hier, kommen Sie doch bitte rauf zu mir und erzählen Sie uns ..." Und das auch noch in einer Fremdsprache, weil Ihr Unternehmen international aufgestellt ist.

Fühlt sich an wie früher, "Hefte raus, Klassenarbeit", nicht wahr?

So geht es nicht: Die populärsten Irrtümer, wie eine gute Rede aussieht

Der Redner muss sich zuerst vorstellen

"Tun Sie es nicht", warnt Rhetorik-Trainer und Buchautor Matthias Pöhm in seiner Sammlung der typischen Rhetorik-Irrtümer. "Gerhard Schröder, Obama und Konsorten stellen sich nicht selbst vor. Wer sich vorstellt, hat's nötig und macht sich dadurch klein." Er ist überzeugt: "Wenn Sie gut waren, dann machen die Leute sich schon von selbst schlau, wenn nicht... ist es gut, dass Sie's nicht erwähnt haben."

Geben Sie eine Übersicht und eine Zusammenfassung

Im Fernsehen wird vorher auch nicht verraten, wer der Mörder ist. Eine Übersicht am Anfang des Vortrags langeweilt nur. Und: Martin Luther King, Cicero und Obama gaben auch keine Übersicht, worüber sie reden wollten.

Ein ganz ähnlicher Tipp ist der, am Anfang zu erklären, worüber man sprechen will, dann darüber zu sprechen und am Schluss eine Zusammenfassung zu geben. Dieses Rhetorikschema ist leider so wirkungsvoll wie eine Schlaftablette. Stellen Sie sich vor, die Ansagerin vom "Tatort" sagt am kommenden Sonntag: "Der Mörder ist diesmal der Direktor", dann kommt der Krimi und am Schluss heißt es: "Sie haben heute erlebt, wie der Kommissar den Direktor als Mörder entlarvte."

Beginnen Sie mit einem Zitat

"Meine Damen und Herren, schon Goethe wusste..." Das wirkt altväterlich, ausgelutscht. Benutzen Sie statt dessen eigene Lebensweisheiten, statt die von Laotse, Buddha oder Goethe.

Beispiele müssen aus der jeweiligen Berufswelt kommen

Dieser Tipp ist so alt wie das Fischgleichnis, das Jesus den Fischern gab. Wenn Sie kein Mediziner sind und vor Ärzten sprechen sollen, versuchen Sie es nicht mit einem Gleichnis aus der Medizin. Nehmen Sie etwas, das weit weg von der Berufswelt der Zuhörer ist.

Verzichten Sie auf Verneinungen

Angeblich kann das Unterbewusstsein das Wort "nicht" nicht verarbeiten. Als Beweis wird seit Jahrzehnten der Satz "Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten" bemüht. Wenn ein Hypnotiseur einem Menschen die Anweisung "Du kannst nicht aufstehen" gibt, wird das vom Unterbewusstsein allerdings sehr wohl verarbeitet.

Lächeln Sie

Lächeln erzeugt Sympathien, das ist richtig. Es ist aber kein Grund, bei einer Rede andauernd zu grinsen. Wenn der Redner auf Dauerlächeln oder allgemein starke Mimik verzichtet, erzielt er eine bessere Wirkung.

Sagen Sie „Wir“ statt „Ich“

Wenn Sie einen Auftrag haben wollen oder Menschen dazu bewegen wollen, ein Projekt mir Ihnen zu realisieren, dann haben Sie eine höhere Wirkung wenn Sie von "Ich" sprechen, als von "Wir". Man vertraut einem einzelnen Menschen mehr als abstrakten Gebilden wie Firmen, Abteilungen und Teams.

Dem Schweizer Rhetoriktrainer Mathias Pöhm ist genau das passiert. Urplötzlich sollte er vor versammelter Mannschaft auf französisch parlieren - es wurde ein Desaster. Danach nahm er sich vor, dass ihm so etwas nie wieder passieren würde. Das ist ihm gelungen. Heute bringt er anderen das Reden bei.

Die gute Nachricht ist: Es geht. Reden halten kann man lernen. "Allerdings passiert das nicht von heute auf Morgen, das dauert", sagt Pöhm. Es hilft nur üben, üben, üben. Er empfiehlt: "Tun Sie, wovor Sie Angst haben – immer wieder. Reden Sie auf Geburtstagen, auf Hochzeiten, bei Meetings, wann immer es geht. Nur so geht die Nervosität weg."

Über die Experten

Matthias Pöhm

Matthias Pöhm ist eigentlich Ingenieur. Heute arbeitet er als freiberuflicher Rhetoriktrainer und Schriftsteller. Er ist unter anderem Autor der Bücher "Präsentieren Sie noch oder faszinieren Sie schon?" und "Schlagfertigkeit in Preis- und Honorarverhandlung".

Thomas Skipwith

Thomas Skipwith hat vier Mal Gold bei den Rhetorik-Europameisterschaften gewonnen. Sein Wissen gibt er weiter an unterstützt seine Kunden aus allen Branchen und Führungsebenen mit Keynotes, Trainings, Coachings, Büchern und Videos zum Thema Rhetorik. Sein Motto beim Reden: "Du darfst nicht langweilen!"

Die vielgepriesenen Tipps für Nervöse, sich vorzustellen, das Publikum sei nicht da oder spärlich bekleidet, könne man dagegen vergessen. "Dieser Rat 'Stellen Sie sich vor, die Zuhörer sitzen dort in Unterhosen' liest sich immer nett, aber ich habe noch keinen erlebt, bei dem das funktioniert", sagt Pöhm.

Dabei muss es nicht gleich die Rede vor dem gesamten Unternehmen sein, die einen ins Schwitzen bringt. Auch Alltagssituationen sind für viele ein Graus. "Mit einem leisen Ping öffnet sich die Aufzugstür, Sie steigen ein und nicken dem Vorstandsvorsitzenden kurz zu. Es folgt beklemmendes Schweigen und der Blick geht gen Boden oder bleibt an der Stockwerksanzeige hängen", beschreibt Thomas Skipwith eine Szene, wie sie sich täglich in zig Unternehmen ereignet.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×