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12.05.2015

15:22 Uhr

Schwarzarbeit

Internationale Razzia gegen Baumafia

Italienische Mafiagruppen mischen immer noch in der deutschen Bauwirtschaft mit. Dort sollen sie mit Scheinfirmen die Schwarzarbeit von Arbeiterkolonnen organisieren. Die Polizei ist zu einer großen Razzia angerückt.

Auch Teile des Baugewerbes sind von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung betroffen. dpa

Schwarzarbeit in der Baubranche.

Auch Teile des Baugewerbes sind von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung betroffen.

KölnBei einer internationalen Razzia sind Ermittler gegen Schwarzarbeit im Baugewerbe vorgegangen. Die Razzia fand in Deutschland, Italien und den Niederlanden statt. Sie richtete sich gegen ein Firmengeflecht, hinter dem die Ermittler eine Mafiagruppe vermuten. 450 Polizisten, Steuerfahnder und Zöllner durchsuchten am Dienstagmorgen 95 Wohnungen und Geschäftsräume, wie Polizei und Staatsanwaltschaft in Köln mitteilten. Mit der illegalen Beschäftigung von Arbeiterkolonnen seien Staat und Sozialversicherer um einen zweistelligen Millionenbetrag gebracht worden.

Erstmals bestehe der Verdacht, dass auch etablierte Baufirmen Scheinrechnungen gekauft haben, um in ihren Bilanzen nicht entstandene Kosten vorzutäuschen, wie es hieß. Nach dem letzten großen Schlag gegen die Organisierte Kriminalität im Baugewerbe vor zwei Jahren stünden im aktuellen Verfahren erneut überwiegend italienische Verdächtige im Fokus.

Die Ermittler wurden teilweise von Spezialeinheiten unterstützt und im Morgengrauen unter anderem in Köln, Düsseldorf, Essen, Bonn, Mannheim, Frankfurt/Main, Erfurt und Berlin vorstellig.

Fragen und Antworten zur Schwarzarbeit

Aktuelle Studie

Der flächendeckende Mindestlohn in Deutschland treibt einer Studie zufolge die Schwarzarbeit in die Höhe. Trotz eines robusten Arbeitsmarkts dürfte die Schattenwirtschaft daher erstmals seit Jahren nicht weiter zurückgehen. Das zeigt eine Prognose des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und der Universität Linz. Fragen und Antworten zum Thema.

Was ist Schwarzarbeit?

Bei Schwarzarbeit umgehen Arbeitgeber und Beschäftigte Steuern oder Sozialabgaben. Experten sehen sie als Teilbereich der sogenannten Schattenwirtschaft, zu der auch illegale Beschäftigung und kriminelle Aktivitäten zählen.

Welche Faktoren beeinflussen sie?

Geringere Arbeitslosigkeit führt in der Regel dazu, dass weniger schwarz gearbeitet wird, weil die Menschen dann leichter eine besser bezahlte reguläre Arbeitsstelle finden. Daher sind die Konjunktur und die Lage auf dem Arbeitsmarkt wichtige Faktoren. Eine Rolle spielen laut IAW-Direktor Bernhard Boockmann auch politische Rahmenbedingungen wie hohe Sozialabgaben und Steuerbelastungen. 2015 dürfte sich ihm zufolge deshalb vor allem der seit Januar geltende Mindestlohn bemerkbar machen. Hinzu kämen auch das Rechtsbewusstsein der Menschen und die Frage, wie hoch das Risiko sei, aufzufliegen.

Warum spielt der Mindestlohn eine so große Rolle?

Der Mindestlohn führt bei vielen Arbeitgebern zu steigenden Kosten. Laut der gemeinsamen Studie von IAW und Universität Linz sind in den klassischen Schwarzarbeits-Branchen Lohnsteigerungen von insgesamt 7 Milliarden Euro nötig, um die Mindestlohn-Regelungen einzuhalten. Gerade Branchen mit ohnehin viel Schwarzarbeit sind demnach davon betroffen. Gewerkschaften haben bereits vor Schummeleien gewarnt.

In welchen Wirtschaftszweigen ist Schwarzarbeit besonders verbreitet?

Experte Boockmann nennt Gaststätten, Hotels sowie die Landwirtschaft und Dienstleistungen im Haushalt. Auch in der Bauwirtschaft werde häufig am Fiskus vorbei verdient. Dort gibt es den Mindestlohn zwar schon länger - der Gewerkschaft IG Bau zufolge gibt es aber nach wie vor auch viel kriminelle Energie.

Ist auch Unkenntnis ein Grund für Schwarzarbeit?

„Haushalte, die Schwarzarbeiter beschäftigen, wissen in der Regel, was sie tun“, sagt Boockmann. Ausnahmen gebe es möglicherweise, wenn kein Geld fließe. „Aber auch ein nachhaltig ausgeübter Tausch von Leistungen - etwa wenn der eine dem Sohn regelmäßig Nachhilfe gibt und der andere ihm dafür auf dem Bau hilft - kann Schwarzarbeit sein.“

Wie kann man gegensteuern?

Neben gesetzlichen Änderungen sowie Strafen sind Kontrollen ein Mittel. Für die Überwachung von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung ist der Zoll zuständig. Um die Einhaltung des Mindestlohns zu prüfen, soll das Personal um 1600 Stellen aufgestockt werden. Fachleute sind aber skeptisch, ob das reicht. „Unsere Analysen zu den schon bisher existierenden branchenspezifischen Mindestlöhnen zeigen, dass der Zoll Schwierigkeiten haben wird, die Einhaltung des Mindestlohns wirklich flächendeckend zu prüfen“, sagt Boockmann. „Wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer den Mindestlohn umgehen wollen, finden sie auch einen Weg.“

Wie geht es in den kommenden Jahren weiter?

Hochrechnungen dazu gibt es noch nicht. IAW-Direktor Boockmann sieht aber keine Hinweise auf eine Trendwende. „Wir sehen wenige Impulse, die auf einen Rückgang der Schattenwirtschaft hindeuten“, sagt er. Beim Mindestlohn gelten bis 2017 Übergangsfristen - so dass sich die dadurch befeuerte Schwarzarbeit sogar noch verstärken könnte.

Bei den Durchsuchungen seien mehrere zehntausend Euro Bargeld, Gewehre und eine geringe Menge Rauschgift sichergestellt worden. Zeitgleich starteten auch italienische und niederländische Ermittlungsbehörden Durchsuchungen und vollstreckten fünf internationale Haftbefehle gegen italienische und rumänische Tatverdächtige. Die Ermittler stießen auf 15 „Strohmannfirmen“.

Insgesamt seien neun Verdächtige verhaftet worden. Die Staatsanwaltschaft Köln werde die Auslieferung der im Ausland Festgenommenen nach Deutschland betreiben, teilte die Behörde mit.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Manfred Zimmer

12.05.2015, 18:14 Uhr

"Die Ermittler stießen auf 15 „Strohmannfirmen“.

Es gibt doch wohl auch andere Nationalitäten, die in der Bauwirtschaft mit Strohmannfirmen agieren.

Die m.E. neue Masche ist die, die Frontfirma - genauer den Bauträger - ganz knapp an der Insolvenz zu führen, damit Klagen mit einem Vergleich enden und der Kläger froh ist, wenigstens noch "3,75 €" zurückzuerhalten.

M.E. ein perfektioniertes System.

Ein Anwalt sagte mir neulich nach einem solchen Prozess, dass es für die Staatsanwaltschaft ergiebiger ist einen Dieb mit einer Stange Zigaretten dingfest zu machen als diese Bauträger zu überführen.

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