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09.10.2014

14:09 Uhr

Seiwert-Rezension „Das neue Zeit-Alter“

„Du bist was du denkst: fit oder fertig“

VonCarina Kontio

Überalterte Gesellschaft? Demographie-Panik? Altersarmut? Was mit alternden Autoren geschieht, wenn sie die erste Werbung für Senioren im Briefkasten finden, zeigt Lothar Seiwert etwas unfreiwillig in seinem neuen Buch.

Zumindest der digitale Altersunterschied schrumpft, wie eine aktuelle Forsa-Umfrage ergab. Demnach sind immer mehr „Silversurfer“ sind im Internet unterwegs. obs

Zumindest der digitale Altersunterschied schrumpft, wie eine aktuelle Forsa-Umfrage ergab. Demnach sind immer mehr „Silversurfer“ sind im Internet unterwegs.

DüsseldorfKennen Sie auch das Phänomen, dass Schwangere gerne oft und ausführlich über ihre Schwangerschaft und nach der Geburt dann nur noch über ihren Nachwuchs reden? Nun, es liegt offenbar in der Natur der Eltern, dass sie immer mit einem halben Gedanken bei ihren Kindern sind. Aber ich möchte zugeben, dass mir die Intensität dieses elterlichen Mitteilungsbedürfnisses bisweilen auf den Keks geht.

Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, ich bin alles andere als kinderunfreundlich. Mir kann es sogar als Nicht-Mutter ganz recht sein, wenn es unserer Gesellschaft an Kindern nicht mangelt.

Lothar Seiwert über’s Älterwerden

Kultur

„Die Kultur einer Gesellschaft hängt davon ab, wie wir die alten Menschen sehen und wie wir mit Ihnen umgehen“, schreibt der Benediktinerpater Anselm Grün in seinem Vorwort für Lothar Seiwerts „Das neue Zeit-Alter.“

Älterwerden

Uns ist nicht wirklich klar, welche Konsequenzen das Älterwerden hat. Wir sind nicht darauf vorbereitet.

Innere Haltung

Mir ist aber auch klar geworden, dass der größte Teil der Probleme, die wir durch das Älterwerden bekommen, etwas mit unserer Einstellung zu tun hat. Mit der inneren Haltung, die wir als Individuen gegenüber alten Menschen oder unserem eigenen Alter haben.

Kinder

Tatsache ist, dass die deutsche Bevölkerung seit dem Babyboom nie wieder genügend Kinder bekam, um sich auf Dauer selbst zu erhalten. Immer weniger Kinder bringen immer weniger Kinder zur Welt, was die nachfolgenden Generationen ständig kleiner werden lässt.

Babyboomer

In den nächsten zwei Jahrzehnten, ab jetzt gerechnet, tritt ein riesiger Anteil unserer Gesellschaft innerhalb von nur wenigen Jahren vom Berufsleben in den Ruhestand über. Damit erhöht sich schlagartig die Zahl der Rentner drastisch – während die Zahl der Erwerbstätigen signifikant zurückgeht.

Problematische Phänomene

Der Rückgang der Geburten, die Erhöhung der Lebenserwartung und das Aufrücken der Babyboomer in das Rentenalter sind drei außergewöhnliche Phänomene, die innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte gleichzeitig auftreten und sich zu einem riesigen Problem für unsere Gesellschaft aufaddieren.

Wirtschaft

Die Wirtschaft ist zu erheblichen Produktivitätsverbesserungen gezwungen, während sich gleichzeitig das Alter des Personals in den Unternehmen durchschnittlich weiter erhöht und die Anzahl der verfügbaren qualifizierten Arbeitskräfte verringert.

Würde

Wie viele Menschen altern würdevoll? Und wie viele siechen dahin und erleben ihre letzten Tage oder Jahre als eine einzige Zeit des Schreckens und Leids? Ich tippe mal: 10 Prozent altern in Würde. Bei 30 Prozent ist es eine totale menschliche Katastrophe. Und das Mittelfeld von 60 Prozent endet zwar nicht in einer Katastrophe, aber auch nicht in Würde – das ganz normale Elend eben.

Politik

Leider macht die Regierung das System der starren Verrentung derzeit eher noch rigider und tendenziell unsinniger, indem sie frühere Verrentungen vorschreibt und die Rente mit 67 zurücknimmt. Das ist leider reine Klientelpolitik, mit der die Stimmen der Babyboomer gekauft werden sollen, die allerdings die Rentenkasse in den nächsten Jahrzehnten mit vielen Milliarden Mehrkosten belasten wird. Ein schlimmes Signal, das beweist, dass die Politik unsere demografischen Probleme nicht lösen kann, ja, gar nicht lösen will!

Begleiterscheinungen

Die ganz fiesen Begleiterscheinungen rund ums Alter wie unangenehmer Körpergeruch, Inkontinenz, geistige Verwirrtheit, Schwerhörigkeit, Schwäche, vielleicht auch noch Alterssturheit – all das sind Dinge, die uns aus gutem Grund Angst machen.

Quelle

Worauf ich hinaus möchte: Es scheint auch bei Älteren genauso wie bei Eltern vollkommen gängig zu sein, dauernd über das Alter, den Ruhestand und das Leiden im Alter zu reden.  Jüngstes Beispiel ist der Beststeller-Autor und Zeit-Management-Experte Lothar Seiwert, offenbar erst seit kurzem 60 Jahre alt, der sich nun mit Haut und Haaren dem Thema Alter verschrieben hat. Gerade ist sein neuestes Buch „Das neue Zeit-Alter: Warum es gut ist, dass wir immer älter werden“ im Ariston-Verlag erschienen – ein Buch, das auf den ersten Seiten in einem Ausmaß düstere Zukunftsvisionen skizziert, dass der Astrologe Nostradamus mit den Ohren schlackern würde.

Seine Ausgangsthese: „Uns ist nicht wirklich klar, welche Konsequenzen das Älterwerden hat. Wir sind nicht darauf vorbereitet.“ Und: „Die Folgen, die uns nun bevorstehen, sind desaströs.“ Ausführlich und nicht ohne an dramatischen  Formulierungen wie „eine Welle der Alten“ oder „ein Tsunami, der da auf uns zukommt“ zu sparen, beschreibt Seiwert im ersten Teil seines 256-Seiten starken Buchs die „graue Republik“, in die sich unsere Gesellschaft mit „rasender Geschwindigkeit“ verwandeln wird. Sie ist geprägt von Altersarmut, schrecklich überfüllten Pflegeheimen, Demographie-Panik allerorten und einem erodierenden Renten- und Krankenkassensystem.

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