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21.01.2016

06:30 Uhr

Selbstständige auf Jobsuche

Bloß nicht den Chef markieren!

VonLisa Oenning
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Eben noch der eigene Chef, nun wieder angestellt: Im Bewerbungsverfahren haben es ehemalige Selbstständige besonders schwer. Personaler haben oft Vorurteile, gleichzeitig ist das Ego angekratzt. So klappt der Wechsel.

Wer sich beim Vorstellungsgespräch wie der Chef persönlich gibt, hat geringe Chancen auf eine Anstellung. Fotolia.com

Ehemalige Selbstständige beim Verstellungsgespräch

Wer sich beim Vorstellungsgespräch wie der Chef persönlich gibt, hat geringe Chancen auf eine Anstellung.

Heute hat Hans Müller (Name von der Redaktion geändert) einen festen Job in der Finanzbranche. Für ihn bedeutet das: geregeltes Einkommen, feste Arbeitszeiten, weniger Verantwortung und mehr Freizeit. Vor vier Jahren war das anders. Damals war Müller, ein Klient von Karrierecoach Birte Püttjer, noch selbstständig im Gastronomiebereich: Verantwortlich für 15 Mitarbeiter, fast täglich Überstunden.

Trotz seiner Angestellten musste Müller in mehreren Bereichen Spezialist sein: Buchführung, Service, Speisenzubereitung. Eines Tages hatte Müller auf die Mehrfachbelastung und Veranwortung keine Lust mehr. "Mein Klient wollte sich wieder auf seinen Kernberuf konzentrieren und im Finanzbereich arbeiten", erzählt Karriereexpertin Püttjer.

12 Karriere-Mythen

Mit 50 ist man zu alt für die Karriere

Nein! In der Realität gibt es diese Altersschranke oft gar nicht, glaubt Headhunter Marcus Schmidt: „Manche Mandanten suchen sogar explizit Führungskräfte ab 50, weil sie viel Wert auf Erfahrung legen und nicht wollen, dass der Neue gleich wieder weiterzieht.“ Zudem gilt in Deutschland seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das eine Diskriminierung aus Altersgründen verbietet.

Seine Erfahrungen hat Schmidt in dem Buch „Die 40 größten Karrieremythen“ niedergeschrieben. Handelsblatt Online hat die spannendsten Zitate ausgewählt.

Ohne Doktortitel geht es nicht

„Die Frage, ob man promovieren soll oder nicht, hängt von der angestrebten Karriere ab“, sagt Schmidt. Denn die Promotion koste immer auch Zeit – in der Diplomanden ein vergleichsweise geringes Gehalt beziehen. „Nicht alle jungen Berater, Anwälte und Wirtschaftsprüfer wollen in einem Unternehmen zum Partner aufsteigen oder erreichen dieses Ziel.“

Eine Top-Karriere macht man nur im großen Konzern

Falsch! Entscheidend für die Karriere sei nicht, bei welchem Unternehmen man arbeite, sondern welche Aufgaben und Entfaltungsmöglichkeiten man habe, sagt Personalberater Schmidt. „Gerade in weniger etablierten Unternehmen gibt es oftmals spannendere und weniger standardisierte Aufgaben als in Großkonzernen“, so Schmidt.

Nur wer sich anpasst kommt weiter

Im Gegenteil: Eigene, gut argumentierte Überzeugungen hält Headhunter Marcus Schmidt für unabdingbar. „Wer nur mitläuft, um ja keinen Fehler zu machen, kann nichts Herausragendes leisten und wird nicht dauerhaft auf sich aufmerksam machen“, so Schmidt. So könne man sich nicht profilieren oder für die nächsten Ebenen empfehlen.

Der MBA ist ein Karriere-Turbo

Die deutsche Wirtschaft zeigt ein anderes Bild: Absolventen hätten sich selten in die Führungsetage hochgearbeitet, sagt Schmidt. Anders als der Doktortitel ist der MBA zudem kein normierter akademischer Grad, seine Vergabe wird also grundsätzlich nicht staatlich geregelt oder kontrolliert. Wer Studiengebühren von bis zu 70.000 US-Dollar auf sich nehme, solle deshalb das Renommee der Schule immer überprüfen.

Ohne Examen gibt es keinen Aufstieg

Muss man heute studieren, wenn man Karriere machen will? Nein, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Und einige prominente Konzernlenker geben ihm recht: Telekom-Chef René Obermann etwa hat sein Studium abgebrochen, und auch Klaus-Peter Müller, bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender, hat nie studiert.

Gehalt ist ein untrüglicher Gradmesser des Karriereerfolgs

Die Position mit Perspektive sei nicht immer die am besten bezahlte, sagt Marcus Schmidt. So könne sich für ein renommiertes Traineeprogramm ein kurzfristiger Gehaltsverzicht durchaus auszahlen - etwa, wenn das ausbildende Unternehmen in seiner Branche als Kaderschmiede gilt.

Ein Auslandsaufenthalt fördert die weitere Karriere

Nicht immer, sagt Headhunter Marcus Schmidt – stattdessen kann der Auslandseinsatz sogar zum Nachteil werden. „Oftmals sind es die Daheimgebliebenen, die dann verbleibende Inlandsposten unter sich aufteilen“. Sie säßen dann auf Stühlen, auf die Auslandsrückkehrer vergeblich spekulieren.

Der erste Job muss der richtige sein

Wer auf standardisierte Einstiegsprogramme in Unternehmen mit hohem Bekanntheitsgrad setze, müsse auch in Kauf nehmen, dass die eigene Berufslaufbahn nachgemacht wirkt, sagt Personalberater Marcus Schmidt. „Gehen Sie eigene Wege. Suchen Sie Ihren Einstieg ruhig gegen den Strich. Probieren Sie etwas aus, was sie wirklich interessiert.“

Karriere macht, wer mehr als 60 Stunden pro Woche arbeitet

Falsch, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Ebenso wichtig wie der tatsächliche Zeiteinsatz sei der gefühlte Zeiteinsatz. Und der definiere sich auch durch die Befriedigung mit der getanen Arbeit. „Wer es schafft, aus seines Arbeit weitgehend Befriedigung zu ziehen, muss auch nicht Karriereschablonen zum persönlichen Zeiteinsatz nachjagen.“

Frauen hindert die „gläserne Decke“ am Aufstieg

Tatsächlich finde sich diese „gläserne Decke“ vor allem in den Köpfen der männlichen Entscheider, glaubt Schmidt. Für weibliche Führungskräfte scheine sie hingegen kein Thema zu sein. „Viele Beratungsunternehmen und große Konzerne bitten uns öfter sogar explizit, nach weiblichen Kandidatinnen zu suchen.“

In der Wirtschaftskrise macht man keine Karriere

„In der Krise wählen Unternehmen bei der Besetzung von Stellen zwar sorgfältiger aus. Aber sie stellen trotzdem noch ein“, ist die Erfahrung von Marcus Schmidt. Gerade in Phasen des Umbruchs gebe es etwa die Chance zur Übernahme von Restrukturierungsjobs, bei denen wirklich die Fähigkeit der Verantwortlichen zählt.

Dieser berufliche Schritt ist für die meisten Selbstständigen schwierig, denn sie sehen sich einer Reihe von Vorurteilen gegenüber. Die Sorge vieler Personalentscheider: Der "Ex-Chef" hat Schwierigkeiten mit geregelten Arbeitszeiten und Autorität, will sich nicht anpassen, schiebt einen faulen Lenz oder will sich vielleicht sogar der Kundenkartei bedienen, um sich mit neuen Kunden dann wieder selbstständig zu machen.

Je nach dem, warum der Selbstständige zurück ins Angestellten-Dasein wechselt, spielt auch die Psyche eine Rolle: Wer pleite gegangen ist, muss erst sein Selbstwertgefühl wieder aufbauen. "Gescheiterte Selbstständige brauchen oft Jahre, um sich zu erholen. Sie fühlen sich meist gedemütigt, müssen sich beruflich erst neu finden", erklärt Karriereexperte Jürgen Hesse von Hesse/Schrader.

Die Reaktion der Gesellschaft erschwere den Rehabilitationsprozess: "Wenn man in Deutschland pleite ist, ist man eine Weile in der Arbeits-Öffentlichkeit verbrannt. Es dauert, bis man wieder als vertrauenswürdig gilt."

In den USA ist das anders. Dort versuchen Millionen Menschen, den American Dream Realität werden zu lassen und durch ausgefallene Geschäftskonzepte vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden. Die wenigsten machen den Traum auch wahr. Trotzdem werden die übrigen nicht als Verlierer gebrandmarkt. "In den USA gehört es zum guten Ton, zwei bis drei Pleiten zu erleben", weiß Hesse.

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