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24.01.2007

07:00 Uhr

„Sind Juristen gute Chefs?“

Kühl, cooler, Kindler

VonMatthias Eberle

Er gilt zwar als ausgezeichneter Jurist. Doch seine Berufung an die Spitze von Pfizer hat viele überrascht. Jetzt soll Quereinsteiger Jeffrey Kindler den Pharmariesen auf den Kopf stellen.

NEW YORK. Wenn Menschen Ärger haben, hilft oft nur noch der Anwalt. Wenn Konzerne Ärger haben, wird der Anwalt neuerdings gleich Konzernchef. Frank Blake führt den Baumarkt-Konzern Home Depot, Michael Cherkasky soll beim Versicherungsbroker Marsh & McLennan aufräumen und Jeffrey Kindler beim Pharma-Riesen Pfizer. Drei neue Vorstandschefs in den USA - drei Anwälte.

"Sind Juristen gute Chefs?" fragt das "Wall Street Journal" seine Leserschaft.

Jeff Kindler, 51, muss das erst noch beweisen. Dass er ein vorzüglicher Jurist ist, steht außer Frage. Kaum einer, beteuern Ex-Kollegen, konnte Richter und Jury vor Gericht so gut für sich einnehmen wie der Chef des Pharma-Konzerns Pfizer. Der Harvard-Absolvent mit dem gewinnenden Lächeln hat in den 90er-Jahren schon General Electric durchgeboxt, als die Justiz Preisabsprachen mit dem Diamantenhändler De Beers prüfte. Er hat milliardenschwere Patente verteidigt, in Gerichtssälen mit Kreuzverhören überzeugt und auf diese Weise Weggefährten bis hin zum Manager-Star Jack Welch beeindruckt - in seiner Funktion als Anwalt, wohlgemerkt.

Jetzt aber soll Kindler einen Pharma-Konzern mit 110 000 Mitarbeitern steuern, obwohl er 45 Jahre lang beruflich mit Arzneimitteln nichts zu tun hatte. Er soll die traditionell hohen Renditen einer Firma retten, die 52 Milliarden Dollar Umsatz gegen die zunehmende Billig-Konkurrenz aus dem Generika-Sektor zu verteidigen hat.

Weshalb ausgerechnet Kindler der richtige Mann dafür sein soll, erschließt sich nicht auf den ersten Blick: Überraschend hat er im vergangenen Juli interne Rivalen ausgestochen, die mehr als drei Jahrzehnte Pharma-Erfahrung vorweisen können. Kindlers Erfahrung im operativen Geschäft ist bescheiden: Zwei Jahre Präsident der McDonald?s-Nebensparte Partner-Marken.

Ein deutlicheres Signal, dass Pfizer 150 Jahre nach seiner Gründung vom Kopf auf die Füße gestellt werden soll, hätte der Verwaltungsrat des weltgrößten Pharmakonzerns nicht geben können. Kindler kam deshalb durch, weil das Board einen charismatischen Querdenker suchte, der alles in Frage stellt. Einen, der kein Gepäck mitschleppt aus den lausigen letzten Jahren - anders als der langjährige Finanzvorstand David Shedlarz oder die Chefin des operativen Geschäfts, Karen Katen. Der Neue mit dem schnellen Auffassungsvermögen bekam zudem Punkte, weil er fortan erster Ansprechpartner sein kann bei immer häufiger hochkochenden Pharma-Prozessen, Patentstreitigkeiten und Regulierungsproblemen: Anwalt Kindler - scheinbar ein Mann für alle Fälle.

Sein Vorgänger Hank McKinnell hatte im Vorjahr gehen müssen, weil der Autokrat zusehends aneckte, der Pfizer-Aktienkurs fast 40 Prozent tiefer notierte als 2001 und die Perspektiven eine Dauerflaute erwarten ließen. Pfizer ist mit den Milliarden-Übernahmen von Warner Lambert und Pharmacia nicht nur groß geworden, sondern vor allem fett. Mager waren hingegen zuletzt die Innovationen. Was Investoren und Wettbewerber offen aussprechen, versteckt Kindler in seinen Worten, so gut er kann: "Stufenweise Entwicklungsschritte sind nicht genug. Wir brauchen einen fundamentalen Wandel - und wir brauchen ihn jetzt."

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