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31.01.2013

12:46 Uhr

Solar-Branche

Wo die Überlebenden Rettung suchen

VonDana Heide

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland mehr Solaranlagen als je zuvor installiert. Doch der deutsche Markt gilt als übersättigt. Hersteller gehen pleite. Und selbst wer überlebt, muss sich neu orientieren.

Eine Solanlage nahe eines Braunkohle-Kraftwerks. dapd

Eine Solanlage nahe eines Braunkohle-Kraftwerks.

DüsseldorfEs sind wieder einmal Rekord-Zahlen, die die Bundesnetzagentur heute verkündet hat: 7.600 Megawatt neu installierte Leistung von Solaranlagen im vergangenen Jahr in Deutschland. Doch so gut sich das Wort „Rekord“ anhört: Die rosigen Zeiten für die Solarindustrie in Deutschland sind vorbei. Eine Pleitewelle hat die Branche erfasst, die vor allem Billigkonkurrenz aus China zu verdanken ist.

Erschwerend kommt hinzu: Laut einer aktuellen Analyse der Deutschen Bank wird die Nachfrage auf dem deutschen Markt – bisher weltweit wichtigster Markt für Solarkraft – in diesem Jahr um die Hälfte sinken. Diese Prognose galt bereits vor der angekündigten erneuten Überarbeitung des Erneuerbare-Energien-Gesetz durch Umweltminister Altmaier.

Solarworld-Chef Asbeck: Der Sturz des Sonnenkönigs

Solarworld-Chef Asbeck

Der Sturz des Sonnenkönigs

Der Niedergang von Solarworld ist auch ein persönlicher Schlag für Frank Asbeck. Doch er hat schon einen Sündenbock gefunden.

Das Wachstum findet in anderen Teilen der Welt statt. Den Experten der Unternehmensberatung Oliver Wyman zufolge werden die neuen Solaranlagen vor allem in den USA und Asien gebaut, Europas Anteil an den neuinstallierten Anlagen werde von 80 Prozent im Jahr 2010 auf 37 Prozent im Jahr 2015 fallen. Vor allem in China, dem derzeit zweitgrößten Markt für Solaranlagen, aber auch in Indien, Japan und den USA liegt laut Experten das größte Potenzial.

Der Studie der Deutschen Bank zufolge wächst der Bedarf an Sonnenkraft in China von 4 Gigawatt im vergangenen Jahr auf 10 Gigawatt in diesem Jahr. Zum Vergleich: Deutschland hat derzeit eine installierte Solaranlagenleistung von rund 32,4 Gigawatt.

Der Niedergang der deutschen Solarindustrie

13. Dezember 2011

Das Berliner Solarunternehmen Solon ist pleite. Die Aktiengesellschaft verbuchte 2011 einen Verlust von mehr als 200 Millionen Euro. Das indisch-arabische Unternehmen Microsol übernimmt Solon im März aus der Insolvenz. 433 von 471 Arbeitsplätzen in Berlin bleiben zunächst erhalten, der Standort Greifswald wird geschlossen. Für 2013 sieht das Unternehmen wieder Chancen auf einen Gewinn.

21. Dezember 2011

Der Erlanger Solarkraftwerk-Hersteller Solar Millennium beantragt die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens, das im Februar 2012 eröffnet wird. Die Aktiengesellschaft mit 60 Mitarbeitern ist auf Solarthermie-Technik spezialisiert.

3. April 2012

Der einst weltgrößte Solarzellenhersteller Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen beantragt Insolvenz. Das Unternehmen mit einst 1300 Jobs am Stammsitz galt lange als Sonnenstrahl in Sachsen-Anhalt. Ende August wird das Unternehmen vom südkoreanischen Mischkonzern Hanwha übernommen und ist damit vorerst gerettet, der größte Teil der Jobs bleibt erhalten.

17. April 2012

Das US-Unternehmen First Solar kündigt an, sein Werk in Frankfurt (Oder) schließen zu wollen. Ende Dezember ist für die Beschäftigten der letzte reguläre Arbeitstag. Bis spätestens Ende Mai 2013 verlieren damit alle 1200 Beschäftigten des Solarmodulherstellers ihren Job. Die Suche nach Investoren läuft aber weiter.

25. Juni 2012

Die Berliner Global Solar Energy Deutschland (GSED) mit 133 Mitarbeitern meldet Insolvenz an. Die Tochter der amerikanischen Global Solar Energy produzierte seit 2008 flexible Dünnschicht-Solarzellen.

10. Juli 2012

Die Berliner Global Solar Energy Deutschland (GSED) mit 133 Mitarbeitern meldet Insolvenz an. Die Tochter der amerikanischen Global Solar Energy produzierte seit 2008 flexible Dünnschicht-Solarzellen.

21. August 2012

Die Solarfirma Sovello in Sachsen-Anhalt stellt nach erfolgloser Investorensuche die Produktion ein. Den noch rund 1000 Mitarbeitern wird endgültig gekündigt. Sovello war eine Abspaltung des Ex-Weltmarktführers Q-Cells und hatte im Mai Insolvenz beantragt. Mitte Februar will der Insolvenzverwalter die Maschinen und das sonstige Inventar der Firma versteigern.

6. September 2012

Die EU-Kommission leitet ein Antidumping-Verfahren gegen die chinesische Solarbranche ein. Die Wettbewerbsbehörde will prüfen, ob die Asiaten mit zu niedrigen Preisen den Wettbewerb schädigen. Sie reagiert damit auf einen Antrag von europäischen Solarfirmen wie der Bonner Solarworld, die sich durch die Billigkonkurrenz aus China geschädigt fühlen. Eine Entscheidung über mögliche Strafzölle steht noch aus.

18. Oktober 2012

Der Solartechnikhersteller SMA Solar will sich von 450 seiner weltweit gut 5500 Mitarbeiter sowie von 600 Zeitarbeitern trennen. Denn für 2013 wird mit einem kräftigen Rückgang des Umsatzes gerechnet. Der nach eigenen Angaben Weltmarktführer bei sogenannten Wechselrichtern, einer zentralen Komponente von Solarstromanlagen, hatte sich in der ersten Hälfte 2012 anders als viele Unternehmen der Branche noch relativ gut geschlagen.

23. Januar 2013

Der Technologieriese Bosch gibt bekannt, dass seine ab dem Jahr 2008 teuer aufgebaute Sonnenenergiesparte 2012 gut eine Milliarde Euro Verlust eingefahren hat. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) des in der schwächelnden Weltkonjunktur ohnehin unter Druck stehenden Konzerns sei entsprechend auf etwa eine Milliarde Euro eingebrochen (2011: 2,7 Mrd Euro). Das Traditionsunternehmen kündigt eisernes Sparen an. Zentraler Standort der Solartochter ist Thüringen. Bosch Solar Energy hatte nach aktuellsten Angaben des Konzerns mit Stand vom Dezember 2012 weltweit rund 3200 Mitarbeiter.

24. Januar 2013

Die Krise der Solarbranche bringt auch Solarworld immer stärker in Bedrängnis. Das einstige Vorzeigeunternehmen teilt mit, dass mit Gläubigern über einen Schuldenschnitt gesprochen werden solle. Es kommt auch zu weiteren Stellenstreichungen.

5.Juli 2013

Nachdem das Hamburger Solarunternehmen Conergy seit Jahren Verluste schrieb, meldete es am 5. Juli schließlich Insolvenz an. Bis zuletzt hatte das Unternehmen auf einen rettenden Investor aus Asien gesetzt, der Bankverbindlichkeiten ablösen und frisches Geld zuschießen sollte.

Die Nachfrage in Indien nach Solaranlagen werde sich mehr als verdreifachen auf 4 Gigawatt. Bereits 2011 wies die Region im Bereich erneuerbare Energien das mit Abstand größte Investitionswachstum auf: Um 62 Prozent stiegen laut Zahlen von Bloomberg Energy Finance und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP die Investitionen im Vergleich zum Vorjahr. Dicht dahinter waren die USA mit 57 Prozent Wachstum. Europa hingegen kam nur auf 10 Prozent und lag damit sogar unter dem weltweiten Durchschnitt von 17 Prozent Wachstum.

Wo in Deutschland der meiste Solarstrom produziert wird

Platz 1

Absoluter Spitzenreiter in Sachen Solarenergie ist Bayern: Mit 9422 Megawatt Nennleistung stehen fast 30 Prozent der gesamten deutschen Nennleistung der Solarenergie in dem südlichen Bundesland. Bayern ist jedoch mit 5.257 Megawatt Nennleistung auch führend in Sachen Kernenergie. Zwei der vier Atomkraftwerke gehören Eon, die anderen beiden RWE.

Platz 2

Den zweiten Platz bei der Solarenergie belegt Baden-Württemberg. Die dort installierten Solaranlagen können bei Vollauslastung 4.286 Megawatt Strom erzeugen, das entspricht einem Anteil von 13 Prozent an der gesamten in Deutschland installierten Leistung im Bereich Solar. Ganz weit vorne liegt das Bundesland bei den Pumpspeicherkraftwerken: In Baden-Württemberg stehen Anlagen mit einer Nennleistung von 1.873 Megawatt.

Platz 3

Platz 3 der Bundesländer mit den meisten Solaranlagen belegt mit 3.569 Megawatt Nordrhein-Westfalen. Das Bundesland ist jedoch auch Spitzenreiter bei der klimaschädlichen Braunkohle: Fast die Hälfte der deutschen Gesamtleistung produzieren die Kraftwerke dort.

Platz 4

Den vierten Platz im Ranking der Bundesländer belegt Niedersachsen mit 3.043 Megawatt installierter Leistung. Absolute Spitze ist das Land jedoch in Sachen Windkraft an Land: Fast ein Viertel der installierten Leistung in Deutschland steht dort.  

Platz 5

Brandenburg führt die Gruppe der Ostländer an und belegt den fünften Platz im Ranking: 2.629 Megawatt Solarstrom könnte dort bei voller Auslastung produziert werden.

Platz 6

Den sechsten Platz bei der Solarenergie belegt Hessen. Die dort installierten Solaranlagen können bei Vollauslastung 1.591 Megawatt Strom erzeugen.

Platz 7

Rheinland-Pfalz belegt den siebten Platz im Ranking: 1.471 Megawatt Solarstrom könnte dort bei voller Auslastung produziert werden.

Platz 8

Solaranlagen mit 1.433 Megawatt Nennleistung stehen in Sachsen-Anhalt. Gemeinsam mit Wind stellt die Sonne den wichtigsten Energieträger für das Land dar.

Platz 9

1.318 Megawatt Solarstrom könnten in Sachsen bei voller Auslastung produziert werden. Hauptstromlieferant ist jedoch die Braunkohle – fast die Hälfte der installierten Nennleistung in dem Bundesland geht auf diesen Energieträger zurück.

Platz 10

Schleswig-Holstein belegt den siebten Platz im Ranking: 1.283 Megawatt Solarstrom könnte dort bei voller Auslastung produziert werden.

Manch ein Unternehmen reagiert bereits. So ist der hessische Wechselrichterhersteller SMA Solar seit einiger Zeit in Indien vertreten und im Dezember besiegelte das Unternehmen eine Mehrheitsbeteiligung von 72,5 Prozent am chinesischen Wechselrichter-Hersteller Jiangsu Zeversolar New Energy. „China wird sich in den kommenden Jahren zum weltweit größten Solarmarkt entwickeln“, sagt SMA-Vorstandssprecher Pierre-Pascal Urbon. „Bisher war dieser Markt aufgrund der lokalen Besonderheiten für uns nicht zugänglich“. Mit dem Gemeinschaftsunternehmen ändere sich das.

Kommentare (9)

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Insider

31.01.2013, 13:45 Uhr

Wir Deutsche haben gleich eine ganze Reihe von Fehlern bei diesem Thema gemacht. Da ist zunächst das EEG zu nennen und die heute vor uns stehende Kostenlast für die Stromverbraucher. Und obwohl wir in Deutschland bis 2012 die größten PV-Installationszahlen vorweisen, war die heimische Industrie nicht in der Lage, diesen Heimvorteil in Wettbewerbsvorteile umzumünzen. Der Fingerzeig kommt immer auf die Chinesen, die mit unfairen Methoden den Wettbewerb verzerrt hätten. Nur wo wären heute die Kosten pro kWp installierter PV-Leistung, wenn nicht die Chinesen die Preise so kräftig nach unten getrieben hätten? Lautet doch sinngemäß der Ruf der Propaganda-Organisation EPIA „Wir haben die Wettbewerbsfähigkeit der Photovoltaik in €/kWh in greifbarer Nähe“. Welche Jahreszahl jenseits von 2020 würden die gleichen Vertreter uns heute nennen, wenn nicht die Chinesen so aggressiv die Herstellungskosten für PV-Systeme gesenkt hätten?

Die wahnwitzige Vorstellung, Deutschland zum Vorreiter der Photovoltaik weltweit machen zu wollen, war jedoch der größte Fehler, den die deutschen Stromverbraucher heute und in Zukunft schultern müssen. Hier reicht der einfache Blick auf die Sonneneinstrahlungskarte der Erde.

Fazit: Der deutsche Stromverbraucher hat eine nicht lebensfähige heimische PV-Industrie hochgezogen, eine chinesische PV-Industrie mitsubventioniert und die kontinuierliche Senkung der PV-Systemkosten mitfinanziert. Die sogenannten Sunbelt-Countries profitieren nun von den annähernd wettbewerbsfähigen PV-Systemen, die chinesische PV-Industrie dominiert den Weltmarkt und der Deutsche Michel sitzt auf den Kosten. Zu guter Letzt jammert noch die heimische PV-Industrie über die gekürzten Subventionen und die scheinbar verlorenen Arbeitsplätze, die eigentlich nie da waren, wenn man von Anfang an diesen Unfug sein gelassen hätte.

HofmannM

31.01.2013, 13:52 Uhr

Das Kernproblem bei den Erneuerbaren Energien ist auch hier bei diesem Artikel nicht erfasst worden.
Das Kernproblem liegt, darin, dass die Erneurbaren Energien auf Gedeih und Verderb auf staatliche Förderprogramme angewiesen sind!
Ohne diese staatliche Subventionierung ala EEG werden diese Techniken der Erneurbaren Energiebranche nie und nimmer am Markt existieren können!
Und das auf hunderte von Jahren! Schiefergas in den USA und weltweit macht diese staatlichen Subventionsprogramme in die Erneuerbaren komplett überflüssig! Ein Gas-Kohle-Urankraftwerk kann für viele Jahrhunderte billig und zuverlässig Energie erzeugen und das ohne auf staatliche Subventionen angewiesen zu sein! Bei den Erneurbaren Energien ist es gerade anders herum. Diese werden NIE OHNE staatlichen Subventionen in der realen Marktwirtschaft bestehen können und werden somit zum Auslaufmodell!

vandale

31.01.2013, 19:02 Uhr

Hallo Insider...Solarstrom fällt entprechend der Launen des Wetters an. Das ist im "Sunbelt" nicht anders als in Deutschland. Ich hatte einst gemeint, dass Solarstrom in Saudi Arabien und den GUC Staaten nutzbar sei weil ich meinte, dass dieser mit dem Verbrauch der Klimaanlagen korreliert. Ich lernte, dass der Stromverbrauch in diesen Ländern sein Maximum zwischen 1700 und 1900 hat wenn die Sonne zwar nicht mehr scheint, allerdings Klimaanlagen und Betriebe noch arbeiten und die Beleuchtung schon eingschaltet ist. Wie in anderen Ländern muss die gesamte Kapazität mit modernen Grosskraftwerken vorgehalten werden. Solarsrom ist in diesen Ländern fast so wertlos wie in Deutschland.

Sehr wahrscheinlich gibt es auf diesem Planeten kein wirtschaftliches Solarkraftwerk und wird es sehr wahrscheinlich nicht geben. Alle Solaralagen sind hoch subventioniert, oder Liebhaberei.

Vandale

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