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12.01.2011

15:22 Uhr

Springer-Chef Mathias Döpfner

Aus Lust zur Provokation

VonHans-Peter Siebenhaar

Im Alltag eines Vorstandsvorsitzenden spielen nackte Frauen normalerweise keine Rolle. Bei Mathias Döpfner ist es anders. In 1 323 Zeilen befasst sich der Springer-Chef in der konzerneigenen "Welt am Sonntag" mit dem skandalträchtigste Gemälde der Kunstgeschichte. Ein Kunstliebhaber, der die Nacktheit liebt - und den Tabubruch.

Matthias Döpfner: Der Springer-Chef liebt den Tabubruch. Quelle: dpa

Matthias Döpfner: Der Springer-Chef liebt den Tabubruch.

DÜSSELDORF. Auf vier großen Zeitungsseiten bespricht Döpfner das skandalträchtigste Gemälde der Kunstgeschichte: "L'Origine du monde", "Der Ursprung der Welt". Gustave Courbet hat das nur 55 Zentimeter mal 46 Zentimeter große Gemälde gemalt. Seit 144 Jahren fasziniert, verführt und schockiert es seine Betrachter. Denn es zeigt die Scham eines weiblichen Torsos in fotografischer - Kritiker würden sagen in pornografischer - Genauigkeit.

Der Vorstandsvorsitzende zeigt sich fasziniert: "Alles in diesem Bild konzentriert sich auf das schwarze Dreieck in der Mitte, in dem man jedes Härchen einzeln ausmachen kann wie auf einem Foto. Das Dreieck reizt und droht dunkel wie ein alles verschlingender Schlund, in den alles drängt und aus dem alles kommt." Aber es geht ihm nicht nur um den weiblichen Körper, sondern mehr noch um den Tabubruch. "Im Skandal entlädt und befreit sich die Kreativität. Sie macht durch den Skandal auf sich aufmerksam. Indem der schöpferische Akt etwas Vorhandenes, eine Gewohnheit oder Sehgewohnheit etwa, zerstört, provoziert er die Empörung und damit den Skandal."

Dass er kein herkömmlicher Topmanager ist, ahnte man schon, als er vor mittlerweile neun Jahren den Chefsessel bei Springer übernahm. Seit vergangenem Sonntag weiß man es auch. Offizieller Anlass seiner Betrachtung ist die Gustave-Courbet-Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Wer gehofft hatte, Courbets berühmtestes Werk "L'Origine du monde" dort zu sehen, wird enttäuscht. Denn das Pariser Musée d'Orsay rückt die minuziöse Darstellung einer Vulva nicht mehr heraus. Zum letzten Mal wurde der Akt der Akte vor drei Jahren an das Metropolitan Museum of Art in New York verliehen. Dort wurde es schamhaft versteckt hinter einem Vorhang. Döpfner hat es in Manhattan gesehen - "inszeniert wie das Fenster in der Kabine eine Peepshow". Er findet es einen Skandal, das andere das Bild skandalös finden.

Dass sich der seit 2002 amtierende Vorstandschef von Europas größtem Zeitungskonzern, der gemeinhin als konservativ-bürgerlich gilt, mit dieser provokanten Nacktdarstellung der Kunstgeschichte auseinander setzt, hat nicht nur mit dem Bild zu tun. In dem er das Gemälde beschreibt, beschreibt Döpfner auch sich. Im Bekenntnis zum malerischen Realismus erkennt man auch den politischen Realisten. Hinter dem Plädoyer für die Provokation des Malers gibt sich der lustvolle Provokateur Döpfner zu erkennen.

Der Musikwissenschaftler und ehemalige Redakteur der Seite "Die Schallplatte" der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" liebt den intellektuellen Diskurs nicht nur. Er pflegt ihn auch. Der 47-jährige Springer-Chef ist zwar nicht der einzige Konzernlenker in der Medienbranche der selber denkt, aber er ist der einzige, der selbst zur Feder greift. Er tat es immer wieder, so meldete er sich beispielsweise mit einem Beitrag zum radikalen Islamismus oder einem Aufsatz über den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu Wort. Bewusst schreibt er nicht im "Wall Street Journal" oder im "New Yorker". Der Aufsichtsrat des US-Medienriesen Time Warner verbindet die Liebe zur Provokation mit dem Bekenntnis zu den eigenen Blättern, was den Stolz der Redaktionen in der Berliner Konzernzentrale spürbar hebt. Und heben soll. Döpfner will provozieren - und damit motivieren.

Auch im Privaten beweist Döpfner seine Liebe zur Provokation. 2007 hatte Döpfner die an der Glienicker Brücke gelegene Villa Schöningen in Potsdam erworben. Dort zeigt er im ersten Stock zeitgenössische Kunst - derzeit Anselm Kiefer. Auch Martin Kippenbergers legendärer gekreuzigter Frosch von 1990 war dort schon zu sehen. Ein Schock für das Publikum, aber ganz im Sinne Döpfners. Schon Literaturnobelpreisträger Dario Fo hatte formulierte: "Der Skandal ist die Katharsis der bürgerlichen Gesellschaft."

Kommentare (1)

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flyingfridge

12.01.2011, 21:51 Uhr

Die Springer-blätter und insbesondere die Tittenbilder in der bild haben nichts mit Provokation oder Kunst zu tun, sondern unterliegen rein kommerzieller Überlegung. Ebenso ist Herr Döpfner nicht Teil des "intelektuellen Diskurses", auch wenn er sich eine solche Teilnahme gerne mit seinem Geld zu kaufen versucht. Diese Dinge miteinander zu vermengen ist die Anbiederung eines Zeitungs-Journalisten bei einem Zeitungs-Verleger. Vielleicht ist Herr Siebenhaar auf der Suche nach einer neuen Stelle?

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