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03.05.2013

15:17 Uhr

Stahlwerksverkauf

Die Zeit für Thyssen-Krupp verrinnt

Die Stahlwerke in Brasilien und den USA bescheren Thyssen-Krupp Milliardenabschreibungen. Die Essener wollen die Verlustbringer losschlagen. Zuletzt sprang ein Interessent ab. Doch nun rückt ein Verkauf angeblich näher.

Hochöfen von Thyssen-Krupp: Der Stahlkonzern ringt mit Problemen in Amerika. dpa

Hochöfen von Thyssen-Krupp: Der Stahlkonzern ringt mit Problemen in Amerika.

EssenDer angeschlagene Stahl- und Industriekonzern Thyssen-Krupp erreicht angeblich beim Verkaufsprozess für die verlustreichen Übersee-Stahlwerke eine heiße Phase. Dabei könnten brasilianische Interessenten zum Zuge kommen. „Wir befinden uns in intensiven Verhandlungen über den Verkauf von Steel Americas“, sagte ein Thyssen-Krupp-Sprecher am Freitag. Gespräche würden unter anderem mit Vale, der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES und brasilianischen Regierungsstellen geführt. Thyssen-Krupp konzentriere sich unverändert darauf, eine Übereinkunft zeitnah zu erreichen.

Eine Entscheidung wird es erst nach dem 15. Mai geben“, sagte eine mit den Gesprächen vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. Am 15. Mai will der Konzern seine Zahlen für das erste Geschäftshalbjahr vorlegen. Konzernchef Heinrich Hiesinger hatte ein Entscheidung für Mai in Aussicht gestellt.

Der brasilianische Bergbauriese Vale hält bereits eine Minderheitsbeteiligung an dem Thyssen-Krupp-Werk in Brasilien. Er hatte vor Monaten erklärt, an einer Übernahme nicht interessiert zu sein. Zu Steel Americas gehört auch noch ein Stahlwerk in den USA. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte der Nachrichtenagentur Reuters, eine Variante sei, dass künftig Thyssen-Krupp und Vale je ein Drittel an der Anlage in Brasilien halten und ein Drittel an den brasilianischen Stahlkonzern CSN gehen könnte. Für Investitionen könnten über eine Kapitalerhöhung 750 Millionen Dollar eingesammelt werden.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

CSN hatte Interesse an beiden Thyssen-Krupp-Werken gezeigt. Dem Insider zufolge sind sowohl CSN als auch ein Bündnis aus Arcelor-Mittal und Nippon Steel noch im Rennen um beide Werke. Die Angebote beliefen sich auf über drei Milliarden Dollar. Die Konkurrenten U.S. Steel und Nucor hätten lediglich das Werk im US-Bundesstaat Alabama im Visier.

An der Börse sorgte die Aussicht auf einen bevorstehenden Verkauf der Stahlwerke für einen Kurssprung von über sieben Prozent auf 14,34 Euro. Am Vortag waren die Papiere noch unter Druck geraten, nachdem bekannt geworden war, dass der italienisch-argentinische Stahlkonzern Ternium sein Angebot zurückgezogen hatte.

Die Werke in Übersee haben Thyssen-Krupp bereits mehrfach die Bilanz verhagelt. Die Kosten für die Anlagen waren auf zwölf Milliarden Euro explodiert, zudem produzieren die Werke nicht kostendeckend. Die Verluste hatten maßgeblich dazu beigetragen, dass der auch wegen Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen unter Druck stehende Konzern im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro eingefahren hatte. Thyssen-Krupp hat die Anlagen nach hohen Abschreibungen noch mit 3,9 Milliarden Euro in den Büchern.

Von

rtr

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